Freitag, 20. August 2010

Iran II - Isfahan


Subject: Iran II

13. August
Wenn ich richtig informiert bin, waren die Katscharen (der Dumont-Führer schreibt Qadjaren) ein türkmenisches Geschlecht. Sie kamen also aus dem hohen Nordwesten, heutiges Turkmenistan, und wählten Teheran zur Hauptstadt und ihrem Sitz, weil dies etwas näher war. Der erste von ihnen liess sich dort 1795 zum Schah küren. Das war also ungefähr zur Zeit der französischen Revolution in Europa.
Persien hat viele Hauptstädte gehabt. Und zur Zeit der Safawiden im 16. Und 17. Jahrhundert war es Isfahan. Die berühmtesten Köpfe waren Ismail I, der die Dynastie begründete. Sie ging aus einem Sufi Orden, also aus religiösem Umfeld hervor. Ismail führte den Titel Schahinschah, also König der Könige (zu deutsch soviel wie Kaiser) wieder ein. Er sicherte das safawidische Reich, das von Turkmenistan und Afghanistan im Osten bis an die Grenze zu Anatolien und zum Euphrat im Irak reichte.
Ismail erklärte das Schiitentum zur Staatsreligion. Sie sind sozusagen die Protestanten gegenüber den sunnitischen Muslimen, den Osmanen, die in Kleinasien herrschen. Aus dieser Zeit stammen auch noch einige schiitische Heiligtümer im heutigen Irak, die für die Schiiten sehr wichtig sind, so etwa Nadjaf und Kerbala (Khomeini war dort eine Zeitlang exiliert, bevor er nach Paris ging).
Der zweite wichtige Kopf der Safawiden war Abbas I. Er regierte während 40 Jahren und führte das Land zu grosser Blüte. Und er machte die Oase Isfahan zu seiner Residenz und liess die Stadt prunkvoll ausbauen. Noch heute ist Isfahan der Inbegriff des märchenhaften Orients und Persiens von 1001er Nacht. Und es ist in der Tat noch heute eine sehr schöne Stadt. Wer immer nach Persien geht, der muss Isfahan besuchen; dies obwohl natürlich Shiraz und Persepolis ein ebensolcher Anziehungspunkt ist, der aber das antike Persien repräsentiert.
Das Zentrum von Isfahan ist der Meydan-e Imam, der grosse, von Arkaden gesäumte Platz, von dem man sagt, man hätte hier ehemals Polo gespielt, und man verweist dabei auf einen Steinpfosten, der eine Tormarkierung dargestellt haben soll. Der Platz ist gut 500m lang und 150m breit und mittels doppelstöckiger Arkaden abgegrenzt. An den Schmalseiten führen reich verzierte Iwande zum kaiserlichen Bazar im Norden und in die Imam-Moschee im Süden. An den Längsseiten des Platzes öffnen sich die Arkaden im Osten für die Schaikh Lotfollah-Moschee, und im Westen zum Torpalast Ali Qapu. Alle diese Gebäude gehören zum originalen Gesamtkonzept der Königspaläste in safawidischer Zeit. Der grosse Platz ist praktisch der Vorhof der kaiserlichen Palastanlagen, die dann noch grosse Gartenanlagen, den Palast der 40-Säulen (wovon 20 sich bloss im Wasser spiegeln), wo Gäste emfpangen wurden, bis hinein in den innersten Bereich, den Harem, den Kakh-e Hasht Behescht (Palast der 8-Paradiese) umfassen. Doch am bekanntesten ist wirklich dieser Platz. Und von Ali Qapu, der grossen Terasse mit den etwa 3-Stockwerke-hohen Säulen, hat man eine königliche Aussicht.
Abbas hat viele Handwerker und Künstler nach Isfahan kommen lassen. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde von Armeniern, die er hier angesiedelt hat. Ihre Kathedrale und Kirchen sind wundervoll bemalt. Sie praktizieren nach dem griechisch-orthodoxen Rithus. Und in all diesen Arkaden und im Bazar kannst du die Handwerker beobachten. Sie bearbeiten ihre Metallwaren, sie malen Miniaturen auf Kamelknochen(wie sie behaupten, oft ist es aber Plastik), sie drucken Tücher, sie backen Süssigkeiten. Und schliesslich wollen sie all das auch verkaufen. Vieles ist für den täglichen Gebrauch. Vieles ist hier in Isfahan aber auch für die Touristen, die bislang vor allem aus Persien selbst kommen. Es hat noch nicht viele Ausländer. Die Händler kommen gerne mit Dir ins Gespräch. Etliche können ein bisschen Englisch. Sie zeigen dir ihre Ware, sie plaudern über die schlechten Zeiten und die miserable Regierung, und sie möchten dir natürlich gerne etwas verkaufen und machen Angebote. Angebote an westliche Touristen, dh. etwa drei Mal teurer, als sie es einem Perser verkaufen würden. Aber die Preise sind für uns immer noch moderat, und wenn du geschickt handelst, kannst du den Preis noch um einen Drittel herunterbringen. Das braucht allerdings eine gewisse Zeit, und du musst wirklich verzweifelt in die Welt schauen und den Anschein erwecken, dass du drauf und dran bist, jetzt wegzugehen, ohne das Stück, auf das du es abgesehen hast, wirklich zu kaufen. Ach, es ist wunderbar, dieses Handeln. Und es geht nicht nur um den Preis. Es geht auch um den sozialen Kontakt. Der Händler zeigt dir bei dieser Gelegenheit noch andere Stücke, er erklärt, dass er zuhause Frau und Kind ernähren muss, und seine Sprache ist durchsetzt mit vielen schönen Bildern und sympathischen Wendungen, und natürlich mit unzähligen Höflichkeitsformen. Du nennst ihn beispielsweise, wenn er ein gewisses Alter hat, nicht mehr bloss Ara, was Herr meint, sondern du nennst ihn Hadschi Ara, das heisst ein Mann, der eine Respektsperson ist, weil er seine Hadsch, seine Pilgerreise nach Mekka, die jeder Muslim in seinem Leben einmal machen sollte, weil er sie schon hinter sich hat. Ein Hadschi-Ara ist also ein Mann, dem man trauen kann, und der schon einen gewissen Reichtum im Leben erworben hat (sonst hätte er sich ja die teure Reise nach Mekka nicht leisten können). Wenn du ihn so nennst, dann nimmst du ihn westlich gesprochen als Gentleman, und er wird dich nicht wirklich übers Ohr hauen. Es ist auch ein Vorurteil, dass sie dich übers Ohr hauen wollen. Sie wollen einfach diesen Spielraum des Handelns ausnützen. Und sie wissen natürlich, dass der Dollar mehr Wert hat als der Rial. Der Markt hat in gewisser Weise eine soziale Steuerung eingebaut. Eine sehr arme Person kann eben billiger einkaufen als eine, der man den Reichtum von Weitem ansieht. Und das ist doch eigentlich schön und sehr menschlich. Sie sind wirklich sehr menschlich, die Perser, und sie haben Anstand und Würde. Manchmal beschämen sie uns Westler mit ihrer Würde, die dort auch einfache Menschen ausstrahlen. Sie sind viel weniger materialistisch eingestellt, als wir es selbst sind. Vor allem, wenn man sich persönlich kennt, dann geben sie alles, was sie haben. Und es gibt viele kleine Gesten, mit dem sie dir Respekt und Achtung zeigen.
Berühmt in Isfahan sind auch die Brücken über den Zayandehrud. Sie waren zu safawidischer Zeit die normalen Flussübergänge für die Karawanen. Es gibt überigens in Isfahan noch einige alte Leuchttürme. Man hat wie bei jenen am Meer oben ein Feuer gezündet, um den Karawanen in der Nacht den Weg zu weisen. Meist befindet sich am Fuss auch gleich eine Karawanserei.
Die Brücken dienten aber auch dazu, das Wasser zu einem kleinen See zu stauen, so dass man am Abend auf den Stufen der Brücken am Wasser sitzen kann. Heute hat es unter den Brückenbogen Tische oder Teppiche zum sitzen, wo man billig einen Tee trinken und eine Wasserpreife rauchen kann. Abends, nach Sonnenuntergang, sind diese Brücken voller Leute, die hier sitzen, flanieren und die angenehme Temperatur geniessen. Als wir dort in einer Arkade unseren Tee schlürften, kam eine hübsche Perserin vorbei und fragte uns in bestem Atlanta-Slang, ob wir ein Interview zu machen bereit wären. Wir waren ein bisschen vorsichtig, denn man muss gegenüber Fremden aufpassen, was man über das Land und das Regime sagt. Schliesslich haben wir zugesagt, und innert Sekunden sassen wir mitten in einem Heuschreckenschwarm von CNN Leuten und im Scheinwerferlicht. Das Interview war denn auch sehr harmlos und fast nichtssagend. Sie wollte bloss wissen, was wir hier in Isfahan schätzten und warum wie von Europa hergereist wären. Die Schaulustigen scharten sich im Hintergrund. Und dann, innert Sekunden, war der ganze Spuk wieder vorbei. Die Zuschauer verzogen sich langsam. Aber einige knipsten uns noch, uns, die Stars, und einer setzte seinen kleinen, etwas dicklichen Sohn vor uns auf die Stufen, um ein Bild mit den grossen Filmstars im Hintergrund zu haben. Es war lustig.
*
Ach, Isfahan, es ist eine der schönsten Städte, die ich kenne. Ein Isfahani fragte mich - bezeichnenderweise - unter den drei schönsten Städten der Welt - Peking, Venedig, Isfahan - welche sei denn die Allerschönste? Seine Auswahl fand ich interessant und bezeichnend: Peking, Isfahan, Venedig. Kein Europäer würde auf diese drei Städte kommen, wenn er die schönsten nennen müsste. Venedig, die Vertreterin Europas, ist ja in ihrer Architektur auch sehr vom Orient beeinflusst. Aber es zeigt, dass die Isfahanis wissen, dass sie eine sehr schöne Stadt haben. Natürlich habe ich ihm ohne lange zu überlegen zugegeben, dass Isfahan nun wirklich das Non-Plus-Ultra sei. Er war nicht mal sonderlich erfreut oder erstaunt. Er tat so, als ob er es schon immer gewusst hätte. Er nahm es als kleine Bestätigung eines Faktums, das eben so ist, wie es ist.
Isfahan war auch sehr sauber, auffallend sauber, wirklich sauber geputzt, was man im Iran ja sonst nirgendwo antrifft. Irgend jemand muss es den Isfahanis wirklich klar gemacht haben, dass sie eine spezielle Stadt haben. Ich würde behaupten, Isfahan ist heute sauberer als Zürich.

Ein ähnliches Phänomen liess sich bei den Fernsehnachrichten feststellen. Ich konnte natürlich nicht allzu viel verstehen. Meine Farsi-Kenntnisse sind äusserst rudimentär. Ich könnte damit nicht überleben, schon gar nicht leben. Aber ich habe doch begriffen, dass der georgische Aussenminister zu Besuch war. Sie haben etwa an drei Abenden darüber berichtet, und einmal wurde er sogar in Englisch interviewt. Sein Englisch hatte das Niveau eines knappen Sekundarschülers und er hat nichts wirklich gesagt. Und der Journalist hat auch nicht soviel besser gesprochen und seine Fragen mühsam abgelesen. Es gibt in den Nachrichten sehr viel Inneriranisches. Aber nicht heikle Fragen. Zur Zeit, da wir dort waren, sollte im Parlament ein neues Pressegesetz diskutiert werden. Schon Wochen vorher wurde auf diesen wichtigen Moment hingewiesen. Und dann hat Chamenei, der Staatspräsident, offenbar die Diskussion unmöglich gemacht, als nicht im Interesse des Staates bezeichnet, und es soll sogar eine Schlägerei im Parlament gegeben haben. Am Fernsehen war davon natürlich nicht die Rede. Und ich habe am nächsten Tag fieberhaft englische Zeitungen gesucht, weil ich dachte, das würde doch einige Schlagzeilen abgeben. Aber davon konnte nicht die Rede sein. Es wurde zwar erwähnt, aber am Rande, im Text versteckt, ganz und gar nicht in den Headlines. Und von Schlägerei stand nirgendwo auch nur ein Wort. Dafür reden sie in den Medien jede Menge über Palestinenser und gegen die Juden. Und noch ein bisschen über Afrika. Europa scheint sehr marginal, obwohl ja Chatami Mitte Juli in Berlin gewesen war. Europa, gibt es das überhaupt?
Doch die einfachen Leute auf der Strasse, die gerne mit Fremden reden, haben immer aufgeleuchtet, wenn ich gesagt habe, dass ich aus Europa oder aus der Schweiz komme. Mit der Bezeichnung Europa waren sie meist nicht zufrieden. Sie haben oft auf Schweden oder Deutschland getippt. Und man hatte nach dem Gespräch das Gefühl, dass sie sich die Schweiz als das absolute Paradies vorstellten, sozusagen das Land von 1002 Nächte mit Landschaften und Bergen aus reinster Milchschokolade und eine Regierung als lauter Gummibären.

Es gibt eine persische Redensweise, die sich reimt, und die besagt, Isfahan, das sei die halbe Welt. Wenn du also mal in der Nähe bist, auf der alten Seidenstrasse oder so, meine Liebe, vergiss nicht und lass es dir nicht nehmen, einen kurzen Blick auf Isfahan und die andere Hälfte der Welt zu werfen.
Inschallah!
Es ist das Bild einer orientalischen Stadt, mit viel Leben auf den Strassen, mit miserablen Bettlern zum Teil, mit unzähligen kleinen Läden, Neonlicht, Auslagen auf dem Gehsteig, Melonenberge, Früchte im Überfluss, preisgünstige Kebabis, wo du für den Preis von 2 Kaffees in der Schweiz hier einer sechs-köpfigen Familie ein tolles Essen mit Filet-Kebab, Reis, Brot, jedem eine Cola oder ein Dugh (das Yoghourt-Wasser, das ich mittlerweile auch recht gut mag), geröstete Tomaten, Zwiebeln als Beilage und einige Limetten, um über das Fleisch zu träufeln, wo du ihnen also für 6 oder 7 Franken ein erstklassiges Essen offerieren kannst. Es ist nicht schwer, im Iran auswärts zu Essen. Es gibt immer diese Kebabs. Du kannst sie haben mit Fisch (nicht immer und überall, denn Fisch ist heikel in dieser Hitze) Poulet, Hackfleisch oder Filet. Dazu gibt es Reis, mit Butter drauf. Der ist immer gut, da kannst du Gift drauf nehmen. Kenner hacken die geröstete Tomate in den Reis hinein. Es gibt ein Gewürz, Somagh, das säuerlich schmeckt, das man über den Reis streuen kann. Manchmal ist das Fleisch etwas zäher, manchmal weniger. Doch das ist nur beim Filet die Gefahr. Man kann es immer essen. Und ein bisschen rohe Zwiebel dazu ist gut für die Hygiene im Magen. Und eine zuckersüsse Cola ist nun einfach die conditio sine qua non. Man soll aber kein Eis hineintun, denn das Wasser ist nicht abgekocht. Und das Gemüse, das sie beilegen, die Kräuter und Kresseblätter, die sollte man vielleicht auch nicht essen. Sonst holt man sich irgendwann einen fürchterlichen Durchfall. Aber sonst kann man im Iran gut essen. Es schmeckt nicht besonders scharf oder exotisch. Es schmeckt für europäische Gaumen wirklich sehr familiär. Und der Reis ist immer luftig und exzellent. Und das Fladenbrot schmeckt gut und ist sehr handlich. Man kann damit essen, indem man das Brot wie einen Lappen braucht und die Fleischbrocken oder den Reis damit aufnimmt. Wer so isst, wirkt schon ziemlich kennerhaft.

Ach, es gäbe noch soviel zu erzählen.

Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?

Es gibt ein hübsches Spiel, das die Perser mit einem speziellen Knochen des Poulets spielen. Es ist ein symmetrischer Knochen, fein und wie ein Bügel. Das Spiel heisst soviel wie: ich erinnere mich. Du nimmst diesen Knochen und brichst ihn zusammen mit deinem Spielpartner entzwei. Jeder hat jetzt einen gleichen Teil. Und wenn du deinem Spielpartner zum nächsten Mal etwas reichst, muss er sagen: Yadam, dh. ich erinnere mich. Und wenn er das vergessen sollte, hätte er die Wette, um die ihr spielt, verloren. Umgekehrt hättest du verloren, wenn er dir etwas reicht und du erinnerst dich nicht. Die Rafinesse des Spiels besteht darin, den Spielpartner zu überraschen, noch bevor er sich richtig auf das Spiel eingestellt hat. Zum Beispiel reichst du ihm gleich sofort dein Knochenstücklein, damit er es auf den Teller legt, der für dich unerreichbar ist. Vielleicht musst du dazu noch eine kleine Ablenkung arrangieren, ein kleines Rütteln an seiner Fassung, irgendwas umkippen lassen, leicht stolpern, ein kleiner Aufschrei der Überraschung oder was weiss ich. Dann hast du ihn erwischt noch bevor er merkt, dass das Spiel schon begonnen hat. Oder die andere Variante ist die, dass du den Moment aufschiebst. Du reichst ihm einfach nichts, und er tut dasselbe. Und am nächsten Morgen, wenn alles vergessen ist, dann reichst du ihm die Serviette, die er hat fallen lassen. Dann hast du ihn und hast deine Portion Bastani, dein Eis oder welche Wette auch immer gewonnen. Theoretisch kann das Spiel Wochen dauern, und es ist natürlich lustig und amusant, es mit einem Kind zu spielen. Ich behaupte, ein solches Spiels sei für Kinder ein gutes mentales Training. Es braucht eine Art der Konzentration, die wir hier in Europa weniger entwickeln. Aber das ist meine ganz persönliche Theorie.
Soweit Isfahan. Und nächstes Jahr in Rom, ich erinnere mich.
Mit einem lieben Gruss
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