Mittwoch, 25. August 2010

Maman bozorg !

Subject: Re: Maman bozorg !
Date: Thu, 17 Aug


Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
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Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
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Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir ...
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Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
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