Mittwoch, 5. März 2025

Klassentreffen im Wallis

 

Ämne: Husch husch
Datum: den 28 maj  21:55

Liebe Marlena
Ja, die Arbeit hat mich wieder in ihren Fängen. Heute war ich den ganzen Tag unterwegs. Am Nachmittag war es eine Sitzung in Olten. Und jetzt habe ich noch das Protokoll dazu geschrieben. Weshalb eigentlich nehmen wir nicht die Sekretärin mit. Wir sind viel zu bescheiden geworden in heutiger Zeit.
Und als ich von meiner Iranreise heim gekommen bin, habe ich auf dem Tisch eine Einladung zum Klassentreffen im Wallis gefunden. Ich soll dort eine Rede halten! Wer im Himmel hat denn die Idee, dass gerade ich dort sprechen soll, wo ich doch einer der wenigen bin, die seit Jahren nicht mehr im Wallist wohnt. Ich werde sehen. Was soll ich sagen, nach 35 Jahren Maturität? Dass wir aus dem letzten Jahrhundert sind? Dass wir keine Ahnung mehr von Schule haben, wir, die wir noch mit der Wissens-Schule aufgewachsen sind und die Dinge bloss auswendig gelernt haben? Dass wir etwas verknorzt herangewachsen sind, weil in unseren Klassen die Mädchen fehlten? Dass die 8 Jahre mit etwa 6 oder 7 Stunden Latein eine ziemliche Qual waren? Und dass das Gruselkabinett im Parterre des Altbaus mit seinen Missgeburten im Alkohol, den ausgestopften staubigen Vögeln und ungeordneten Mineralien eine blendende Kulisse für einen echten Psycho-Thriller abgegeben hätte? Der asthmatische Lehrer, damaliger Rektor der Schule, war selbst ein Gespenst! Man kann sich das alles heute nicht mehr vorstellen. Man sollte wirklich einen Film drehen, um all diese gespenstischen Szenen wieder hervorzuholen. Ich muss gestehen, dass ich damals, mit 11 oder 12 Jahren, oftmals den Eindruck hatte, ich wäre da im falschen Film. Es war vieles so unverständlich, wie mir heute gewisse Dinge im Iran erscheinen, absolut altertümlich und so fern des eigenen Wesens, dass man nur frösteln kann. Und der Zufall, oder die Vorsehung, wie man will, will es, dass einer der Schulkollegen vor etwa 3 Wochen verstorben ist. ER ist in den Bergen umgekommen. Das hat mich berührt, denn wir haben uns ein Jahr lang die Schulbank geteilt. P. stand damals in vollster Blüte pubertärer Probleme. Von weitem konnte man ihm ansehen, wie ihn die Schule anwiderte. Er hat sich schwer getan. Und jener gespenstische Lehrer und Rektor der Schule war gleichzeitig sein Onkel. Deshalb fühlte er sich eigentlich verpflichtet, ein mustergültiger und eifriger und freudiger Schüler zu sein. Das ist ihm schwerlich gelungen. Wir sind dann in den Ferien nach Paris getrampt. Er hatte seine Gitarre mit, denn er liebte die Beatles über alles. Und wenn wir an der Strasse mehr als eine Viertelstunden stehen musste, weil kein Auto uns mitnehmen wollte, dann hat P. sein Instrument hervorgeholt und unsere Stimmung mit einigen Songs wieder aufgehellt. Ich glaube, er hatte auch eine kleine Schweizerfahne auf seinem Rucksack. Auf jeden Fall mussten wir selten lange warten, und wir kamen in einem Zug von der Schweizergrenze bis ins Zentrum von Paris. Es war fantastisch, mein erster Besuch in dieser prächtigen Stadt. Ich wollte meine englische Brieffreundin besuchen, die bei UNESCO arbeitete, und er seine grosse Liebe, die dort wohl au pair weilte. Beide haben wir gefunden. Und wir hatten eine gute Zeit. Im Doppelbett eines Drittklasshotels Richtung Porte d'Italie hat mir P. seinen ganzen Weltschmerz gestanden. Und jetzt ist er tot. So schnell geht das auf dieser Welt! Ich glaube, seine Frau ist eine Romande aus Genf. Er hat dann seine grosse Liebe, die er damals in Paris mit grossen Eifer gesucht hatte, doch nicht für sich gewinnen können. Er ist Englischlehrer geworden. Und ich glaube, er hat Freude an seinem Beruf gehabt. Und jetzt ist er dahin. Vielleicht sollte ich meinen Schulkollegen davon erzählen? Er hat dann später, ohne mich vorher zu fragen, nochmals meine Brieffreundin besucht. Das fand ich nicht gerade fein, habe es ihm allerdings nicht nachgetragen. Heute würde ich das wohl eher tun. Und dann ist offenbar noch einer gestorben. Ich habe ihn nicht sonderlich gut gekannt, denn er war nicht in meiner, sondern in der Parallelklasse. Bloss im Militär war er in der gleichen Einheit, und ich konnte sehen, wie er sich überall im Leben Probleme und Streitigkeiten schaffte. Er war klein, und mit den Jahren erschien sein Kopf überdimensioniert, ähnlich wie man sich Gottfried Keller vorstellen muss. Er hat wohl auch viel und oft getrunken, und war nicht imstande, ein Studium zu vollenden. Ich glaube, er hat es in Fribourg mit Jurisprudenz versucht. Schliesslich ist er zuhause bei seinen Eltern, die ihn als einzigen Sohn neben drei Töchtern wohl enorm verwöhnt haben, und in einem chronischen Alkoholismus mehr oder weniger verblödet. Er war klein und führte immer grosse Worte im Mund, was ihn unsympathisch gemacht hat. Darunter wohl hat er gelitten. Man konnte kaum normal mit ihm sprechen, weil er einem stets wichtigtuerisch irgendwelche Bluffs und Aufschneidereien präsentiert hat. Kurz und mit einem Wort: ein armer Kerl. So sind von diesen ehemals 40 Schülern noch 38 zurückgeblieben. Ich glaube, etwa 14 davon sind Arzt, Tierarzt oder Zahnarzt geworden. Man weiss da, weshalb unsere Krankenkassenprämien jährlich steigen. Aerzte sind ein Gesundheitsproblem geworden. Aber das werde ich ihnen wohl kaum unter die Nase reiben dürfen!

Und jetzt muss ich heim. Meine Kleine wartet wohl. Ich hatte versprochen, einiges Gemüse zu kaufen. Aber als ich ankam, war der Laden schon geschlossen. Hoffentlich verhungert sie mir nicht.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit einem süssen Gruss
...




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen