Dienstag, 18. März 2025

Mittwochs


Liebe Malou
Heute sitze ich zuhause in der Stube, schlürfe Kaffee und tippe auf meinem Labtop herum. Ich war so schon am Arbeiten morgens um 7.00h, dass ich mir gedacht hatte, es wäre schade, diesen Fluss zu unterbrechen und ins Büro zu rasen. Also habe ich weitergemacht und dem Sekretariat gemeldet, dass ich etwas später auftauchen würde. Es ist gut solch kleine Abwechslungen zu schaffen, sonst gefriert man in der Monotonie des Alltags zu einem Gletscher.

Gestern war ich, wie angekündigt, am frühen Nachmittag bei Y in der Bibliothek. An sich kommen die neuen Jugend- und Kinderbücher erst nach Ostern. So habe ich mir ein paar mitgenommen, die wohl schon seit Weihnachten dastanden. Es sind 21 Stück. Y weiss schon ungefähr, was ich vorziehe und hat mich auf ein paar Ausgaben hingewiesen: Wissens-Duden für Schüler, Nachschlagewerk über Weltreligionen, Klassiker (z.B. Pinocchio). Und daneben hat er mir von seinen Plänen nach der Pensionierung erzählt. Ich habe bei dieser Gelegenheit herausgefunden, dass er ein Jahr älter ist als ich. Er ist mit einer Psychologin verheiratet, und gemeinsam haben sie in Frankreich, Nähe Belfort, ein Haus gekauft. Im Moment sind die beiden daran, den Garten zu bearbeiten. Offenbar haben sie letzten Sommer in jenem Garten schwer geschwitzt. Dorthin wollen sie nach der Pensionierung ziehen. Kurz und gut: meine anfängliche Bemerkung, ich sei manchmal etwas müde in meiner Arbeit, war bei Y auf volles Interesse gefallen. Ich bekam den Eindruck, dass er mit Sehnsucht auf seine Pension wartet, während ich doch tapfer und standhaft versuche, mich mit kleinen Zückerchen in der Arbeit bei Laune zu halten. Du kennst ja meine versuchte Politik: man soll versuchen, an der Arbeit Freude zu haben, denn in der Pension wird man sie bestimmt vermissen. Das versuche ich, wenngleich es nicht immer gelingt.

Deine Bemerkung und Frage, ob ich in Zukunft über meine Flirts korrespondieren möchte, hat mich zum Lachen gekitzelt. Ich hatte nicht die Meinung, dass ich über einen Flirt sprechen würde. Wenn ich flirte, gehe ich die Sache direkter und gezielter an. Das hier ist sozusagen eines der kleinen Zückerchen, wie man es bei der Arbeit braucht (siehe oben).

Mittlerweile bin ich im Büro angekommen. Gegenüber auf dem kleinen Platz vor dem Café steht ein Langarm, oder wie man das Fahrzeug nennen könnte. Es hebt zwei Männer auf einer kleinen Plattform die Fassade hoch, damit sie die Fenster putzen können. Das heisst, einer putzt, der zweite steht mit den Händen in den Hosentaschen daneben und guckt auf die Welt hinunter. Sie sind im Moment genau auf meiner Höhe. Das ist die einzige Attraktion an diesem kühlen und trüben Morgen. Ich hoffe, der Frühling kommt bald wieder zum Vorschein. Und auch die Tauben haben sich wieder verzogen. Bestimmt sitzen sie in einer warmen Bar in einer schönen Reihe an der Theke und schlürfen mit ihren Schnäbeln Tee-Rum oder ein ähnliches Wintergetränk, um vom Sommer zu träumen.

Er wird bestimmt kommen.
Mit lieben Grüssen
...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen