Samstag, 29. März 2025

Tuesday evening

 Subject: Tuesday evening.

Lieber Mausfreund!
Ich kann es einfach nicht lassen. Habe deinen schönen Brief nochmals durchgelesen und nun muss ich dir doch ein paar Zeilen schreiben, trotz Mangel an Zeit. Wenn ich so weitermache, bin ich bald bei den 80 % Arbeit und 100% Lohn, die du mir vorschlägst. Zu meinem Trost sage ich, dass nicht immer die lange vorbereiteten Stunden die besten sind und hoffe, dass mir das Schicksal morgen hilft.

Ja, deine Beichte habe ich entgegengenommen.. und du kannst sicher sein, dass ich es nie jemandem verraten werde ;-))) Was für eine Todsünde du da begangen hast! Oder habt ihr vielleicht nicht sowas lesen dürfen an deinem katholischen Gymnasium? Würde mich nicht wundern denn es wird viel gesündigt im Faust wie Liebe vor der Hochzeit, Mord, uneheliches Kind und das schrecklichste am Ende des 1. Teils. Goethe hat ihn wohl schon mit 18. Jahren geschrieben und den 2. (nicht zu geniessen) erst als er 80 war? Weiss nicht, ob ich mich richtig erinnere.
Die schönen Stimmen der Schauspieler würde ich dich gern hören lassen. Ich werde mich bemühen, deinen Defekt zu verringern :-)

Das, was du mir von S's Familie erzählt hast, klingt so wunderschön, wie in einem Märchen. Ich sah neulich einen Dokumentarfilm über eine Frau aus dem Iran (sie lebt seit vielen Jahren hier in Exil), die ihren ersten Besuch bei den Verwandten in Teheran machte. Es hat mich fasziniert. Gewiss, man sah die Armut, die jetzt dort herrscht, aber ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch, der an die Lebensart dort gewöhnt ist, sich in unserem Lande zurechtfinden kann. Das Leben ist so grundverschieden. Hier leiden viele Leute an Mangel an sozialen Kontakten. Nur sehr nahe Verwandte, die in der Nähe wohnen, treffen sich manchmal. Oft kennt man nicht einmal seine eigenen Kusinen.

Dir hat das Wochenendleben in meinem Elternhaus gefallen? Das freut mich. Es war auch schön. Es ist herrlich für ein Kind Erwachsene froh zu sehen und lachen zu hören. A propos interessante Leute möchte ich dir von einem anderen kleinen Erlebnis erzählen das mir in Erinnerung kommt. Mein Onkel war mit uns Kindern in den Zirkus gegangen (Zirkus Scott glaube ich). Es wurde ihm wohl etwas langweilig und so begann er mit jemandem von den Zirkusleuten zu sprechen. Nach der Vorstellung wurden wir in einen Zirkuswagen eingeladen, wo uns ein Paar in den mittleren Jahren zum Kaffee einlud und von ihrem interessanten Leben erzählten. Sie waren Löwenbändiger gewesen hatten aber mit der Zeit (aus Altersgründen) auf Seelöwen umgesattelt. Sie zeigten Fotos und wir Kinder staunten nur so.

Die jungen fröhlichen Menschen, die ab und zu bei unseren Festen auftauchten, habe ich schnell wieder vergessen - sie gehörten sozusagen zu den Kulissen oder waren irgendwelche Statisten. Dagegen haben einige Freunde meiner Eltern einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. U.a. der Arzt (auch Veterinär) aus Wien, der eine Schwedin geheiratet hatte und später mit ihr nach Schweden gezogen ist. Viel von dem, was ich über Wiener Leben und Atmosphäre kenne, habe ich durch ihn gelernt. Er gehörte zur Prominenz in Österreich und du kannst dir sicher vorstellen, was das bedeutet in dieser k&k Monarchie, wie du sie zu nennen pflegst.

Wenn die Wiener witzen wollen, nehmen sie ganz einfach eine schöne klassische Melodie und singen dazu einen ganz schrecklichen Schmähtext. So kann ich noch heute gewisse schöne romantische Musikstücke kaum hören, ohne dabei sofort an irgend einen ganz wahnsinnigen Text zu denken :-)


Dann hatten wir eine Freundin meiner Tante. Sie war Künstlerin und sehr originell. Eigentlich sah sie aus wie ein kleiner Mann mit O-Beinen. Aber ich sage dir: Nie in meinem Leben habe ich ein so weibliches Geschöpf kennengelernt. (Ihre Bewegungen und Art zu Reden) Ich freute mich in meinem Herzen, wenn sie ihren Besuch ankündigte. Dann blieb sie meistens eine Woche und wir halfen ihr Ausstellungen zu arrangieren. Ihr Mann war ein noch grösserer Künstler und es war interessant zu sehen, wie verschieden sie eine Landschaft malten. Seine gingen in "Moll", wenn man so ein Wort verwenden darf und ihre waren hell und sonnig, die Freude selbst. Natürlich konnte ein solches Paar nicht zusammenleben - es hätte ihrer Kunst geschadet. Eigentlich war er ein Portraitmaler.

Und nun zu dem Mann, an den ich dachte, als du mir von dem Onkel deiner Freundin erzähltest. Er war ein pensionierter General, der persönlicher Adjutant beim alten König gewesen war. Manchmal erzählte er ein wenig davon, aber seine eigentliche Grösse war sein anspruchsloses Wesen. Er war wie ein zweites Familienmitglied. Ich hatte ihn sehr gern (vielleicht weil er mich an meinen geliebten Grossvater erinnerte). Auch er liebte es zu malen und seine Wände waren voll von wunderschönen Gemälden, die er selbst gemacht hatte.

Übrigens. Für den Louvre brauchen wir wohl mehr als einen Tag, oder? Ich höre dich schon, mir die Barockmalerei erklären :-) Ich glaube, ich muss ein wenig aufpassen, sonst geht es mir wie dir ;-)


"Meine Ruh ist hin
Mein Herz ist schwer
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.... "

Armes Gretchen, hat sich in Faust verliebt.:-)


Ich Grüsse dich herzlich.
Deine Mausfreundin
Marlena

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