Ämne: Frequenzen und Sequenzen?
Datum: den 3 juni 15:45
Liebe Marlena
Habe ich an der Frequenz gedreht? Ist mir nicht bewusst. Aber ich weiss, dass ich im Moment ziemlich in der Weltgeschichte herumdüse und wenig Ruhe habe. Vielleicht liegt es daran. Manchmal kann ich abends noch ein paar Zeilen einhacken und muss dann plötzlich wieder aufhören, weil noch etwas ansteht. Ist es das, was Du meinst? Ich bin im Moment ein gehetzter Mensch und ich hoffe, dass es bald wieder ruhiger wird. Die zwei Wochen Abwesenheit fallen stark ins Gewicht.
Was den Lateintext betrifft, so kann ich damit schon zurecht kommen. Allerdings wäre die Hilfe von einem Fachmann gut gewesen. Persönliche Dinge will ich dort allerdings nicht zuviele vorbringen, denn ich kenne die Burschen nicht mehr so gut. Auf jeden Fall sind keine Damen zugegen, ein Umstand, den ich an sich kritisiert habe. Aus den Erfahrungen früherer Zusammenkünfte kann ich sagen, dass die Tendenz zur Regression gross war. Das heisst, nach einer Stunde haben sich die alten Gruppierungen mit den alten Sprüchen wieder hergestellt. Und das war bisweilen ziemlich pubertär. Deshalb habe ich vorgeschlagen, ein Treffen mit den Damen zu machen. Aber das wollten sie nicht.
Und wie Du richtig geraten hast, war ich gestern zum Mittagessen bei Onkelchen. Wir sind zusammen an den See gefahren und haben dort, in einer gemütlichen Gartenwirtschaft, Fisch gegessen. Das war sehr gut und sehr unkompliziert. Unter Männern gehen gewisse Dinge eben doch leichter als mit Damen, die dann manchmal gerne hochtakeln. Ich glaube, er hat es auch genossen, an diesem schönen Sommersonntag, durchs Land zu fahren und sich an alte Dinge in seinem Leben erinnern zu lassen.
Und abends bin ich dann nach Luzern gefahren, um ein Konzert zu hören. Eigentlich wäre dieser Konzertbesuch ein Geschenk meiner Mutter für S gewesen. Aber weil sie nun noch im Iran weilt, musste ich allein hingehen. Die Plätze waren ziemlich teuer, und ich dachte, ich könne vielleicht den zweiten Platz auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Aber das gelang nicht. Es war ein Gala-Abend mit Montserrat Caballé, der bekannten spanischen Sopranin. Und der neue Saal im Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL war nicht voll besetzt. Lustig war, dass die Sängerin, die Du Dir umfangmässig gar nicht gross genug vorstellen kannst, erschien. Sie kam mit zwei Krücken auf die Bühne. Das sah aus, als rudere sie ein riesiges Boot von hängenden Stoffen über das glatte Parkett, denn ihre Robe schleifte sie mit. Sie erzählte dann auf lustige Art und Weise von ihrem kleinen Unfall. Meniskus, so meine ich gehört zu haben. Der Arzt hätte ihr Ruhe verschrieben. Sie hätte ja gesagt. Und schliesslich zog sie ihren schweren Rock bis übers Knie hoch und zeigte dem amüsierten Publikum einen dicken Verband, damit es ihr auch jeder glauben würde. Die Leute waren begeistert.
Und dazu kam natürlich dieses neue Gebäude in Luzern, ein supermoderner Konzertsaal mit allen technischen Möglichkeiten. Die Wände sind perforiert wie im Musiksaal Ali Qapu, dem Empfangspalast des Schahs in Isfahan aus dem 17. Jahrhundert. Der Architekt ist ein Franzose, so glaube ich. Und in der Schweiz hat man natürlich viel gesprochen über die 50 Millionen, die das Gebäude gekostet hat. Aber ich muss sagen, es ist ein ausserordentliches Gebäude und die Luzerner können stolz darauf sein. Man hat dort als internationalen Anziehungspunkt die Musikfestspiele. Und da brauchen sie einen solchen Magneten.
Ich lass Dich, denn ich habe hier noch viel zu tun. Es scheint eine volle Woche zu werden. Ich hoffe, ich schaffe das.
Mit einem lieben Gruss
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