Ämne: guten Morgen
Datum: den 30 augusti 2003 01:38
Liebe Marlena
Jetzt ist der Kurs vorueber und - Du wirst staunen - ich habe ihn
bestanden. Es gibt ein schoenes Zertifikat des Institutes hier in
New York. Allein das ist eine Reise wert. Und wie es nach einem
Kurs so ist, alle sind ein bisschen aufgeweicht und versprechen sich
ewige Liebe und Freundschaft. Na ja, es hatte ein paar nette Leute,
und frueher oder spaeter werde ich mit einigen per Mail Kontakt
aufnehmen. Aber ich kann meinen Adressenkreis nicht beliebig
erweitern. Meine Kapazitaeten kommen langsam an ihre Grenzen.
Der letzte Tag war gefuellt mit Uebungen. Und es ist interessant,
wie man in diese Art von Sprache hineingeraet, die automatisch in
die Trance fuehrt. Natuerlich kann man bei diesen Leuten, die hier
waren, im Moment mit den Fingern schnalzen, und alle sind weg.
Na ja, sie sind nicht weg, sie sind in Trance. Sie sind es so gewohnt.
Aber das aendert sich in den naechsten zwei oder drei Wochen.
Heute habe ich irgendwie eine kleine Erkaeltung. Ich weiss nicht,
woher sie stammt. Gestern war es keineswegs kalt. Es gab ein
MTW Konzert in Rockefeller Center. Und wir haben gesehen, wie
die Saenger eingefahren ist. Du weisst sicherlich, wie das ist. Ich
kann mich erinnern, dass ich sowas erstmals im den 70er Jahren
in England am Fernsehen gesehen habe. Die Stars waren die Beatles
und die Rolling Stones. Soviele junge Leute hatte man vorher in der
Geschichte wohl niemals gesehen Und das Fernsehen zeigte sie in
den Hauptnachrichten, die vielen jungen Maedchen, die kreischten,
ausser sich waren, die Fassung verloren und manchmal ohnmaechtig
hinsanken. Ich erinnere mich, wie sehr ich sprachlos war, und wie
sehr ich auch das Gefuehl hatte, ich gehoere zu dieser Jugend. Es war
schoen damals, jung zu sein. Und es gab eine Aufbruchstimmung
ueber die Musik, die die alten ueberhaupt nicht verstanden. Es war
sozusagen ein Angriff der Jugend von hinten. Aber weil es soviele
Leute gab, konnte man nichts sehen. Auch die einzelnen, die ihre
Digitalkamera in die Hoehe hielten, um im Display etwas zu sehen,
auch das half nichts. So sind wir im Kaufhaus in den 4.Stock gefahren
und haben heruntergeschaut. Da konnte man - von weitem - ein
bisschen was sehen. Dann sind wir ueber Times Square zurueck-
gekehrt. Dort sind die Theater, wo die vielen Musicals laufen.
Aber ich habe mich nicht entschliessen koennen, in ein Musical zu
sitzten. Mit der W bin ich dann zurueckgekehrt und habe noch mein
Pensum geschrieben.
Ich habe gestern auch erstmals ein Sandwich gegessen, Corned Beef
Sandwich, wenn ich mich nicht irre. Das war eine ganze Platte mit
viel Fleisch, oben und unten eine scheue, weisse Brotscheibe, und
dazu French Potatoes. Hatten die Amis nicht beschlossen, die French
Potatoes umzubenennen? Also wenn sie die Dinger umbenennen,
schadet das absolut nichts. Das waren keine Frites, sondern Kartoffel-
streifen von der Konsistenz verkochter Pasti. Weich und lahm waren
sie. Man haette genauso Pellkartoffeln beigeben koennen, das waere
besser gewesen. Aber ich habe mir gesagt, man muss alles probieren,
und so habe ich fast den ganzen Teller gegessen. Eine lange Tranche
saure Gurke war auch noch drauf. Sie war aber nicht sauer, sondern
vor allem salzig. Na ja, es war alles gut gemeint, und ich bin sicher,
jeder normale Theaterbesucher haette diesen Teller in hoechstem
Masse genossen. Ich habe dem Barmann ein gutes Trinkgeld gegeben,
so wie man ueberall in den Touristenfuehrern angewiesen wird. Und
er hatte mich angeschaut, als waere er Europaer. Vielleicht Tscheche
oder sowas?
Es ist schoen, bei diesem milden Klima abends, wenn es dunkel ist, zu
Fuss heimzuschlendern. Im Village ist ohnehin noch viel los. Und man
sieht soviele Dinge. Aber wiederum habe ich meine Tuere verpasst
und bis bis zur 1. Avenue gegangen.
Und heute morgen bin ich via Washington Square zum Kurs
gegangen. Auch dort haben sie ein Gaertchen, fuer die Hunde. Und
schon morgens frueh - natuerlich vor der Arbeit - sitzen sie dort mit
ihren Vierbeinern und lassen sie austoben. Und weiter unten hatte
es Tische mit einem eingearbeiteten Schachbrettmuster. Bereits drei
Typen sassen da, als ob sie dort uebernachtet hatten, hatten schon
die Steine aufgestellt und einer forderte mich in morgenlichem
Uebermut auf, mit ihm eine Partie zu machen. Ich glaube, sie
machen das gegen Bezahlung. Auch vor der Public Library gab es
solche Spieler. Idealerweise melden sich zwei, die spielen wollen.
Wenn nur einer kommt, muessen sie den Sparringpartner abgeben.
Dort oben hatten sie auch Backgammon gespielt. Hier aber war kurz
nach 8h, und kein vernuenftiger Mensch spielt morgens um 8 im
Washington Square auf einem kalten und eher etwas schmutzigen
Steintisch eine Partie Schach. Ausser vielleicht eines dieser
Hoernchen. Die waren schon auf und hatten ihre grosse Zeit. Sie
pfluegen sich wirklich zu Dutzenden durch das Gras. Und auf
einer anderen Grasflaeche hatte ein Schwarm Tauben ihre
Fruehmesse. Sie haten sich getrennt voneinander, die Tiere,
denn sie lieben die Ordnung. Und dann kam ich wieder zu einem
hohen Gitter, dreimal so hoch wie jenes, worin die Hunde spielen.
Das ist fuer die kleinen Kinder. Dort drin wie in einem Raubtierkaefig
stehen die Muetter und sehen zu, wie lange es dauert, bis die kleine
Sally genug geschaukelt hat. Der Boden ist geteert, aber dort, wo die
Kinder meist herumtollen, ist der Teer mit einer Gummimatte
bedeckt. Es sieht einfach komisch aus, die kleinen Kinder hinter
diesen grossen Gittern. Man denkt natuerlich - oder vielleicht denken
wir Europaer so - das Gitter soll uns vor den Kindern schuetzen. In
Wirklichkeit denken die Amerikaner wohl, das Gitter soll die Kinder
vor den Homophilen schuetzen. Ich kann mir keinen anderen Grund
vorstellen. Hier die kleinen Kinder, dort drueben die Hunde. Einziger
Unterschied: beim Hundezwinger gibt es noch eine Schleuse, dh einen
kleinen Vorraum, wohl um dem Tier die Leine umzuhaengen oder zu
loesen. Das ist aufwendig, aber praktisch gedacht. Wenn du also einen
Wunsch hast, in NY, dann waehle Hund und besser nicht Kind zu sein.
Ich ueberquere jeden Tag den Broadway, um zum University Place
zu kommen. Allein das ist ein gutes Gefuehl, obwohl der Broadway
eigentlich hier eine ganz gewoehnliche Strasse ist. Sie ist sogar ein
bisschen enger, hat aber einen gepflegteren Gehsteig.
*
Ich bin gerade unterbrochen worden. Ch. ist mit ihrer japanischen
Freundin gekommen. Japaner, so habe ich festgestellt, sind sehr nett.
Sie machen eine nette Konversation. Das einzige Problem liegt darin,
dass man sie schlecht versteht. Sie haben eine Aussprache, die vom
Englischen wirklich weit entfernt scheint. So muss ich meist vieles
erraten. Aber so genau muss man die Dinge meist auch gar nicht
verstehen. In einem small talk genueben ein paar Stichworte. Darin
aehnelt der Small Talk der Trance.
*
Jetzt muss ich mir rasch ein Alkaseltzer + Cold holen. Ich fuehle,
dass etwas im Anzug ist. Und vielleicht ist es besser vorzubeugen,
bevor es richtig einschlaegt und ich im Flugzeug von einer Stewardess
individuell gepflegt werden muss.
Ich geh mal schnell zum Deli, um ein Alkasetzer zu holen.
Bis spaeter
Gruss
Mittwoch, 17. Februar 2010
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