Freitag, 26. Februar 2010

Mon Dieu

den 1 maj 2000 13:27
Re: mon dieu mon dieu

Mein lieber Gott
Heute ist der 1. Mai. Und du hast in deiner unendlichen Liebe mit uns armseligen Menschen den schönsten blauen Himmel hervorgezaubert, den du machen konntest. Mein Kompliment, lieber Gott, das macht dir keiner so leicht nach. Er wirkt schon fast ein bisschen sommerlich. Bist du dieses Jahr nicht ein bisschen früh dran?
Da wir also heute den 1. Mai haben und beide nicht arbeiten müssen, habe ich gedacht, ich würde Dich gerne ein paar Sachen fragen. Heute, so habe ich gedacht, würde ich dich nicht bei deiner wichtigen Arbeit stören. Wenn ich dich aber doch stören sollte, weil du irgendwo auf dieser grossen Welt irgend etwas Dringenderes zu tun hast, dann lass es mich wissen. Lass es aus heiterem Himmel Donnern oder zwicke mich am Ohr. Ich werde schon merken und mich sofort zurückziehen.
Nun also, mein Anliegen, es ist eine heikle Sache. Ich bin da irgendwie in eine merkwürdige Situation hineingeraten, in der ich Deinen allmächtigen Rat brauchen könnte. Vielleicht hast du bemerkt, ich kenne nun schon für gute 3 Monate diese Marlena, diese zauberhafte Frau aus dem hohen Norden. Du weißt schon, Schweden, Stockholm, um genau zu sein. Du musst sie kennen, denn deine allmächtigen Hände hast Du doch doch überall im Spiel. Ich möchte hier ja nun auch nicht irgend eine Reklamation an deiner Schöpfung anbringen. Nein, ganz und gar nicht, sie ist eine wundervolle Frau und hat alles, was eine Frau haben soll: sie ist hübsch, um nicht zu sagen schön, sie ist intelligent, sie ist sehr häuslich und sorgt sich bestens um ihre Familie, sie ist sehr gefühlvoll, sie hat einen anspruchsvollen Job, ach, ich könnte noch vieles aufzählen. Du wirst jetzt wissen, wen ich meine. Ist doch alles perfekt, wirst du denken, wo liegt denn hier das Problem, wirst du dich fragen. Nun also, mein Problem!
Ich kann dir den CORPUS DELICTI gleich direkt präsentieren und hier auf den Tisch legen. Schau mal her, was sie am letzten Samstag geschrieben hat. Das waren ihre letzten Worte:
" Ich schreibe dir noch morgen ein Mail
In Maladi
Marlena".
Wortwörtlich ihre Zeilen, ich habe nichts dazugetan und nichts weggenommen, mein Ehrenwort, lieber Gott. Und jetzt haben wir Montag den 1. Mai sagen wir 11Uhr und ich habe noch nichts dergleichen in meinem Inbox, absolut nichts. In meinem Inbox ist tote Hose. Was sagst du dazu, lieber Gott? Was soll man von einer Frau halten, die solche Versprechenungen macht und nicht einlöst? Nun ja, obwohl ich sie nun ja noch nicht besonders lange kenne, weiss ich schon irgendwie, wie so etwas bei ihr zustande kommt. Sie ist ein sehr lieber und gefühlvoller Mensch und möchte dir im Moment ein gutes Gefühl geben. Deshalb verspricht sie dir in ihrem Schwung von Gefühlen das Blaue vom Himmel. Sie möchte dich im Moment glücklich sehen und denkt noch nicht so genau an den morgigen Tag. Obwohl ihr die Ewigkeit sehr am Herzen liegt, denkt sie ein bisschen kurzfristig.
Ach, du erwartest von mir, dass ich hier ein Auge zudrücke? Ist das dein Ernst, lieber Gott? Du meinst, ich sei hier zu empfindlich? Du rätst zu mehr Grosszügigkeit? Nun, um offen zu sein, ich habe schon wiederholt ein Auge zugedrückt. Ich habe schon wiederholt auf Mails verzichtet, auf Ausführungen verzichtet, auf Antworten verzichtet! Und sie hat mir gar geschworen, dass sie sich ändern wolle. Geschworen, verstehst du, geschworen. Was kann man von Menschen halten, die schwören? Das ist immer verdächtig, diese Menschen, die rasch zum Schwur greifen? Zum Schwur gehört immer auch der Wortbruch, wie der Schatten zum Licht. Es sind die Momentanisten, die schwören. Wer in die Länge denkt, der schwört nicht so leicht.
Ach, mein lieber Gott, ich will ja nicht kritisieren, dass sie schwört. Sie schwört ja so sympathisch und mit Charme, dass man ihr nicht böse sein kann, sie schwört ja nicht wirklich, sondern meint diese Worte als dramatisierte Geste. Aber frustrierend für mich ist das trotzdem, das musst du einsehen!
Und es ist nicht so, dass ich nicht Gründe für die verfahrene Situation bei mir suchen würde. Vielleicht will ich zuviel? Vielleicht übertreibe ich die Geschichte? Sie hat ein Dreiecksleben, wie wir das genannt haben, und da bleibt nicht soviel Zeit übrig! Und sie schreibt perfekte Briefe ohne Fehler, deren Niederschrift Zeit beansprucht. Ich habe mir überlegt, ob ich die Erwartung zurückstecken soll? Vielleicht nur noch ein Mail pro Woche? Vielleicht wäre das vernünftig, immer am Sonntag Abend ein Mail. In dieser Intensität und Kadenz hat man früher Korrespondenz betrieben, wenn nicht noch weniger. Einmal die Woche, das könnte sie vielleicht schaffen. Doch nein, ich überschwemme sie mit meinen vielen Gedanken und Texten tagtäglich, stell dir vor, lieber Gott, jeden Tag, so dass sie gar nicht mehr weiss, wo sie mit Schreiben anfangen soll. Ich weiss, dass ich in dieser Sache ein bisschen verrückt bin. Es war nie ihr Wunsch, so intensiv zu mailen. Das habe ich ihr einigermassen aufgezwungen. Ich habe schon Hunderte von Fragen gestellt, die sie nicht beantworten konnte. Es ist einfach zuviel! Ich habe mir auch überlegt, ob wir diese Maladi - wir nennen sie Maladi, ein einmaliges Wort für eine einmalige Sache - ob wir diese Maladi vielleicht aufgeben sollen. Du weißt, ich bin nicht ein Typ für halbe Sachen. Entweder ganz oder gar nichts, keine faden Zwischenlagen. Vielleicht malträtiere und drangsaliere ich diese arme Frau ganz einfach zuviel und verlange Sachen, die über ihre Kräfte gehen, die ihre Situation ganz einfach nicht zulässt? Vielleicht sollte ich sie wirklich in Ruhe lassen?
Die Situation nähert sich gewissen Unmöglichkeiten. Sie spricht von Unglück, das auf ihrer Seele lastet. Doch sie sagt mir nicht, was das ist. Sie deutet eine komplizierte familiäre Situation an, und sagt im nächsten Moment, dass alles auch anders sein könnte. Sie spielt mit mir Verstecken, siehst du das auch so, lieber Gott? Und Versteckspiel, du kennst mich mein lieber Gott, das vertrage ich schlecht. Liege ich denn falsch, wenn ich von einer Person, an der mir liegt, wissen will, was und wie ihr Unglück ist? Dann muss ich doch einfach zusehen, dass mir weniger an ihr liegt, und das Problem wäre gelöst? Meinst du das so? Oder ist das bloss ein Versteckspiel, um mein Interesse zu wecken, eine weibliche Finte, die Männer für sich zu gewinnen? Sag mir, lieber Gott, du kennst doch die Frauen besser als ich das tue! Hast du mir einen guten Rat in dieser Situation, die sich allmählich der Unmöglichkeit nähert?
Ich habe sie gewarnt, diese Frau aus dem Norden. Anfangs habe ich so nebenbei Andeutungen gemacht. Dann bin ich deutlicher geworden. Aber sie will mich nicht hören. Sie überhört meine Warnungen. Sie geht darüber hinweg und meldet sich wieder in bester Laune. Ach, lieber Gott, manchmal denke ich, ich verstehe sie nicht! Manchmal denke ich, ich investiere hier zuviel! Ich bin nun ja auch nicht einfach irgendeiner und muss meine Zeit einteilen! Du gibst mir auch nicht mehr als 24 Stunden pro Tag! Und daneben habe ich meine Familienpflichten und meine Arbeit und ein paar Hobbies. Ach, lieber Gott, gib mir einen guten Rat, wie ich diese Situation lösen kann! Sie bereitet mir langsam schlaflose Nächte.
Da hatten wir doch am Sonntag Nachmittag einen kleinen Chat. Sie hat mich gewarnt, dass sie gestresst sei, weil sie nicht lange am PC sein könne. Und plötzlich war sie einfach weg. Von einem Moment zum anderen. Wie ein Filmriss im Kino. So etwas kann ich nicht schlucken. Wir sind doch keine Diebe! Ich bitte dich, lieber Gott, sie ist doch eine moderne, selbstbewusste Frau, sie ist doch eine Studienrätin, sie kann doch in ihrer Familie darauf bestehen, mal eine halbe Stunde, eine Stunde allein am PC sitzen zu können, ohne gestört zu werden? Das ist doch sozusagen ein Menschenrecht. Ich bin nun nicht mehr ein Jüngling, der solche Unberechenbarkeiten in einer pubertären Liebe selbstlos ertragen könnte. Ich habe doch ein bisschen Selbstrespekt und kann mich nicht wie ein Bettler anschleichen und plötzlich wieder verschwinden, weil dort in der Familie etwas vorgeht, was ich absolut nicht kenne und nicht verstehe! Ich weiss, lieber Gott, dass ich auf ihre Familie Rücksicht nehmen soll. Das akzeptiere ich durchaus. Ich möchte nicht, dass in ihrer Familie wegen mir etwas kaputt geht. Sie sagt zwar, es könne nichts kaputt gehen. Aber es kann sehr wohl etwas kaputt gehen. So naiv bin ich nicht, das zu glauben. Aber ich kann nicht so verstohlen agieren. Ich glaube nicht, dass ich das auf die Länge weitermachen kann. Was meinst du, lieber Gott, bin ich zu emfpindlich? Bin ich zu stolz? Will ich einfach Unmögliches?
Vielleicht müssten wir die Wochenenden einfach streichen? Die gehören den Familien, da wollen wir alle Ansprüche fallen lassen. Das könnte man abmachen. Ich habe mir überlegt, ob ich mein Treffen mit Walter auf einen anderen Abend setzen soll. Dann hätte wir den Donnerstag Abend, um ab und zu zu chatten. Ich weiss dass sie es liebt, zu chatten, fast noch mehr als Mails schreiben. Und ich liebe es, ehrlich gesagt, auch, aber nur mit ihr. Sonst finde ich Chatten eher Zeitvergeudung, ein billiger Zeitvertreib. Aber mit ihr, da musst du mich verstehen, mit ihr ist es irgendwie anders.
Ach, du siehst, lieber Gott, ich bin ein bisschen ratlos. Diese Maladi bedeutet mir viel. Und ich bin auch bereit, ziemlich viel zu investieren. Aber ich habe den Eindruck, wir laufen hier mit der Zeit in eine Sackgasse. Im Moment ist es noch nicht schlimm. Aber ich kenne mich. Wenn sich die kleinen Unzufriedenheiten akkumulieren, dann habe ich Mühe, mein Interesse aufrecht zu erhalten.
Das ist mein Problem, mein lieber Gott. Kannst du mir ein paar Tipps geben? Was soll ich tun? Was kann ich selbst bei mir ändern? Wie kann ich die Maladi in eine Balance bringen? Hilf mir, lieber Gott, und hilf vor allem unserer Maladi. Denn sie ist etwas wunderbar Schönes. Sie ist das beste, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Beschütze sie, unsere Maladi, ich bitte dich darum, hilf uns beiden.
Mit einem schönen Gruss
Dein kleiner homo sapiens

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen