Liebe Marlena
Alle Lehrbücher teilen die Geschichte Roms nach einem schlichten kulinarischen Prinzip ein:
Als Suppe wird die Zeit der Könige (753-510v.Chr.) gereicht.
Als Braten folgt die römische Republik (510-30v.Chr.) und füllt den Bauch mit endlosen gerechten Kriegen, die natürlich alle Verteidigungskriege waren, auch wenn Rom jedesmal einen fetten Brocken Land dazuerobert hatte. Das wird dekoriert mit süssen vaterländischen Sätzen wie DULCE ET DECORUM PRO PATRIA MORI. Da das Verschlingen ganzer Länder mit der Zeit bürgerkriegsartige Magenschmerzen bereitet, folgt darauf:
Das Dessert, die Epoche des Kaisertums (30v.Chr. – 476n.Chr), die je nach Geschmack als goldenes Friedenskompott aufgetischt wird, als nerosüsses Sündenpfuhlsoufflé oder als sadomsochistisches Christenverfolgungssorbet au Marc Aurèle.
Am 15. Januar ist Sant’Antonio Abate, das Fest des heiligen Anton. Es ist aber nicht der Heilige von Padua. Hier ist ein Einsiedler gemeint, der von 251 bis 356 n.Chr. gelebt haben soll, also 105 Jahre, und dabei vielen fleischlichen Versuchen widerstanden hat. Er ist der Schutzheilige der Haustiere, und sein Bild mit Bart und Kutte, Schwein und T-förmigem Antoniuskreuz darf in keinem Stall fehlen.
Schon am frühen Morgen werden die Tiere zur BENEDIZIONE, zur Segnung vor dem Portal von Santa Maria della Rosa getrieben. Bis vor Jahren war das wie ein Viehmarkt. Heute begnügen sich die frommen Bauern damit, ausgewählte Tiere zu delegieren, vor allem Pferde, meist mit einem Wagen voller Zicklein, Lämmer, Verkel, Kaninchen, Hühner, Enten, Truten Tauben und sogar Pfauen – alles sehr zur Freude der Kinder.
Früher gab es in der Festa del Sant’Antonio Abate Spiele wie Baumklettern, Pferderennen, Gänsehauet und auch das gioco della padella. Dabei wurden Münzen auf den Boden einer russverschmierten Pfanne geklebt, die Teilnehmer, denen die Hände auf denn Rücken gefesselt waren, mussten versuchen, möglichst viele davon mit Zähnen und Lippen abzureissen. Heute sieht man Miniröcke mit Spitzenvolants, Anzüge von Armani, Pelze wie man sie sonst an Opernprmieren erblickt.
Früher bestand der Höhepunkt des Antoniusfestes darin, dass die Grossgrundbesitzer ihren Hirten ein gewaltiges Essen offerierten. Heute reiten die BUTTERI, die Cowboys der Maremma, nach der kirchlichen Zeremonie auf ihren geschmückten Pferden durch die Gassen der Altstadt zum gemeinsamen Umtrunk. Am Nachmittag versammelt sich die ganze Stadt auf der Piazza Basile, wo in einer Eisenpfanne mit den Ausmassen eines kleinen Swimmingpools Hunderte Liter Öl sieden. Sechs schwitzende Köche bereiten Berge köstlicher FRITELLE: Stücke von Blumenkohl werden in Teig getaucht, schwimmend gebacken und dann mit Zucker bestreut. Mädchen verteilen das knusprige Gebäck.
Ach, Marlena, du siehst, ich habe ein wenig ein Durcheinander in meinem Zettelkasten. Das macht aber wohl nichts. In Rom ist das Durcheinander noch viel grösser. Ich versuche einfach, irgendwo anzufangen und mich langsam hineinzubewegen. Heute gehe ich noch rasch nach Basel. Ich möchte wieder einmal den wunderbaren Sarkophag ansehen, der die Sage Medeas zeigt. Du hast mal angedeutet, das diese Geschichte dich sehr beeindruckt hat. Aber du hast mir nie näher erzählt, weshalb. Der Sarkophag ist eine römische Meisterleistung aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n.Chr., so glaube ich. Er ist einfach fantastisch gearbeitet, und jedesmal bin ich von Neuem fasziniert. Wenn du mal in die Schweiz kommst, werden wir ihn zusammen anschauen.
*
Es ist hier regnerisch, wie es zum Herbst gehört. Aber die Temperatur ist dennoch ziemlich mild. Ich fahr jetzt los.
Mit einem lieben Gruss ...
( 03 Sep 2000 )
Mittwoch, 10. Februar 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen