Donnerstag, 11. Februar 2010

Erlebnis in Isfahan


Liebe Marlena
...
Ich hatte mal ein ganz merkwürdiges Erlebnis in Isfahan. Ich hatte
allein den grossen Bazar durchstreift. Und dieser reicht bekanntlich
vom grossen, weltberühmten Platz bis hinunter zur alten Moschee.
Und im Gassengewirr gibt es auf diesem Weg etliche Karawansereien.
Ich hatte mir gedacht, dass ich einige davon entdecken könnte um
dann ein paar Bilder zu schiessen. Schliesslich landete ich aber in
einem grün bewachsenen Garten, in dem einige Mullahs plaudernd
und diskutierend herumstanden. Offenbar war es eine Theologie-
schule, und die Leute hatten offenbar gerade ihre Pause. Ich nutzte
die Gelegenheit, einige Photos zu knipsen und ein bisschen herumzu-
streichen, bis mich einer ansprach. Er zeigte sich sehr begeistert,
mich -einen Fremden zu treffen, und er lud mich ein, dass wir uns
zusammen auf eine Steinbank setzten. Er zog dabei ganz fürsorglich
einen Plastiksack aus seiner Tasche, damit ich darauf sitzen könne
und mir nicht die Hosen schmutzig zu machen brauche. Er sprach
ein einfaches und gebrochenes Englisch. Ich weiss nicht mehr genau,
worüber wir sprachen. Ich gewann allmählich den Eindruck, dass er
vielleicht der Abwart dieser Schule wäre. Manchmal klang er ein
bisschen irr. Schliesslich kam er auf die Regierung und Präsident
Chatami zu sprechen. Er kritisierte sie vage und fragte mich, was
ich denn dazu meinte. Ich erklärte, was ich in solchen Situationen
immer tue, sogar in den USA. Ich erläuterte ihm, dass ich doch hier
im Iran ein Gast wäre, und dass mir ein Urteil in dieser Sache ganz
und gar nicht zustehe. Die Situation wurde mir auch ein bisschen
ungemütlich. Ich befand mich hier in der Höhle des Löwen, und man
weiss, wie fanatisch die einfachen Menschen reagieren können,
wenn sie in einer Gruppe aufgeheizt werden. So verabschiedete ich
mich ziemlich rasch und verzog mich aus diesem 'Kloster'. Ich wusste
ja nicht einmal, ob mein Eindringen in diesen Gebäudekomplex
erlaubt war oder nicht. Kurz und gut, ich verliess den grossen Hof
und befand mich bald wieder im Ameisengewimmel der Bazargasse.
Und nach einiger Zeit, ich hatte mich schon weit von dieser
Theologischen Schule entfernt, sprach mich ein eher junger Typ an
und sagte, er hätte mich beobachtet, wie ich in dieser Schule war,
und er wollte wissen, wer ich sei und was ich dort gesucht habe. Ich
war mir nicht sicher, was der junge Typ wollte. War er ein Schnüffler?
Wollte er Kontakt mit einem Westler aus politischen Gründen? Oder
war er einfach interessiert an einem Gespräch mit einem Fremden,
wie man das im Iran so oft antrifft. Immerhin war ich erstaunt, wie
sehr man unter sovielen Leuten, in einem solchen Gedränge, das man
sich hier kaum vorstellen kann, wie man also mit scharfen Augen
beobachtet wird.
...

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