Donnerstag, 18. Februar 2010

Samstags

Ämne: samstags
Datum: den 30 augusti 2003 17:03


Liebe Marlena
Im Moment kaempfe ich immer noch mit meiner Erkaeltung.
Ich habe gestern 4 Tabletten Alka Seltzer plus Cold mit Wasser
hinuntergespielt. Und immerhin 12 Stunden geschlafen. Im
Moment schwitze ich wie ein Pferd. Aber es ist ein bisschen
besser. Ich war am Abend zuhause geblieben, waehrend meine
Freunde an den Brooklyn Carneval gegangen sind. Es scheint,
dass dies ein Ereignis ist, auf das sie ein ganzes Jahr warten. Sie
waren ganz elektrisiert. Und offenbar gibt es Millionen anderer
Menschen, die odrthin gehen, um die karibische Musik zu hoeren
und den Umzug zu sehen.

Am Abend konnte ich der Flurnachbarin im Fenster zuschauen, wie
sie am Kuechenlavabo ihre Haare waescht. Sie lebt dort wirklich in
einfachen Verhaeltnissen. Aber offenbar pflegt sie sich ein bisschen
auf das Wochenende hin. Das ist doch ein gutes Zeichen. Ich glaube
nicht, dass sie oft ihre Raeume verlaesst. Gestern, als ich heimkam,
habe ich durch die offene Tuere gesehen, wie sie am Tisch sass, das
Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeeklemmt. Sie hat irgendwas
genestelt und gleichzeitig telefoniert. Die Amis sind ueberhaupt
Weltmeister darin, Dinge gleichzeitig zu tun. Multiasking wuerde
das in der Computersprache heissen. Im Kurs ist mir immer wieder
aufgefallen, wie die Leute gleichzeitig essen und zuhoeren, trinken
mitten im Kurs. Auf der Strasse haben sie ihre Kartonbecher in der
Hand und trinken ihren Kaffee, waehrend sie gehen. Ich weiss nicht,
ich mag das nicht so besonders. Es wirkt so kindlich. Und morgens
sieht man jede Menge Frauen, die ins Buero gehen - so nehme ich an -
und schon einen Becher und irgendwas eingewickelt mit sich tragen.
Offensichtlich nehmen sie das Fruehstueck mit ins Buero. Aber sie
rennen nicht so wie wir Schweizer. Sie haben einen gemaechlich
speditiven Gang. Auch der Verkehr ist ruhig und korrekt, und
niemand scheint gereizt zu sein. Das wirkt ein bisschen englisch
auf mich, so aehnlich wie das korrekte Schlangestehen im
Lebensmittelladen.

C, die Aerztin, hat mir erzaehlt, dass sie auf dem Empire State
Building gewesen sei. Man muesste offenbar ungefaehr eine
Stunde dafuer reservieren. Sie war auch in der Freiheitsstatue.
Sie war wirklich voll auf Trab, wie wir sagen, und abends ging
sie in Musicals und Cabarets. Am lustigsten fand ich, dass sie
die Inlineskates mitgenommen hatte und damit den Central
Park auf Raedern angeschaut hat. Auch sie hat bestatetigt, dass
ihr alle Leute davon abgeraten hatten, sie mitzunehmen. So war
es ja auch bei mir gewesen. Na ja, sie ist auch ein paar Jaehrchen
juenger als ich. Aber ich muss sagen, man koennte wirklich den
ganzen Broadway herunterfahren auf diesen Rollschuhen. Es
waere moeglich. Nur Times Square waere etwas umstaendlich,
weil dort viel Verkehr zusammenkommt. Aber man sollte kein
blutiger Anfaenger sein, fuer ein solch gewachtes Unternehmen.
Und wenn man einen Unfall verursachte, ist man in Amerika
bestimmt ein armer Mann. Sie gehen hier ja konsequent und
hart nach dem Verursacherprinzip. Ich habe in der U-Bahnstation
Union Square eine kleine Szene gesehen. Eine junge Frau war in
Eile und rannte irgendwo in Richtung eines Gehsteiges. Und so
trat sie in ihrem Tempo einer anderen, auch juengeren Frau hinten
auf eine Sandale. Viele tragen hier diese Plastiksandalen, die wir
bloss an die Beach mitnehmen, die einzig zwischen grosser und
zweiter Zehe fixiert sind. Und so war offenbar diese Fixierung
gerissen. Die Verursacherin, eine huebsche junge Frau, schaute
ganz schuldbewusst in die Welt und nahm, nach einer kurzen
Diskussion, ihren Geldbeutel hervor und hat der anderen offenbar
fuer den Schaden bezahlt. Das fand ich doch bemerkenswert. In
der Schweiz wuerde man mit einem solchen Schaden allein gelassen.
Na ja, die Leute wuerden denken, dass du bessere Schuhe tragen
solltest. Oder sie wuerden sagen, das sei eben Pech gewesen. Das
ist doch eine bemerkenswerte Szene und ein Zeichen, dass die Leute
ihre Verantwortung uebernehmen.
Und jetzt muss ich doch aufhoeren. Ich muss zusehen, ob ich
irgendwie meinen Flug bestaetigen kann. Und dann werde ich
= Erkaeltung hin oder her = mich noch ein bisschen auf die
Socken machen.
Ich wuensche Dir ein schoenes Fest heute und ein gutes
Wochenende
Mit lieben Gruessen

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