Sonntag, 7. Februar 2010

Modellierkurs

Liebe Marlena
...
Habe ich dir erzählt, dass ich im Januar in einem Modellierkurs war.
Es waren etwa 10 Sitzungen à 3 Stunden. Jeder konnte modellieren,
was er wollte. Ich fand mich dort in einem Kreis von Hausfrauen
wieder und war effektiv der einzige Mann, neben dem Künstler.
Das mochte ich eigentlich nicht so besonders, aber ich habe mein
Schicksal mit Würde getragen. Das muss ich sagen, angesichts der
Tatsache, dass einige dieser Damen echte Plaudertaschen waren.
Doch es gab auch einige darunter, die schon jahrelang diesen Kurs
besuchen und wirklich künstlerische Ambitionen haben.
Also, ich habe versucht, einen Frauenkopf zu modellieren, eine Büste,
um genau zu sein. Und jedes mal, wenn ich nach einer Woche wieder
an meiner Dame Hand anlegte, veränderte ich sie völlig, dass niemand
sie wiedererkannte. Sie war wirklich sehr unruhig und wandelbar und
unzuverlässig, meine Dame. Aber so nach etwa 4 oder 5 Sitzungen
beruhigte sie sich etwas, sie wurde solider und konstanter. Der
Künstler hatte sie auch einmal in seine fachmännischen Finger
genommen und ihr den Hals wieder ein bisschen dicker gemacht.
Ich wollte eigentlich gerne einen dünnen Hals, so wie derjenige
von Nofretete, die wir über Weihnachten in Berlin gesehen hatten.
Aber mein Künstlerlehrer fand, man könne die Erde nicht überlisten,
sie eigne sich nicht für dünne Hälse. Und so liess ich einen robusten
Hals zu, nicht gerade ein Bauernfrauen-Hals, aber doch ein
Athletinnen-Hals.
Und dann habe ich meiner Figur auch eine respektable Frisur
gemacht, eine Art Knopf (nein, kein Schwänzchen, wie du vielleicht
jetzt gedacht hast, hier doch nicht mehr!).Doch diese Frisur war ein
bisschen schwer, so dass meine hübsche Dame stets den Kopf
langsam zum Himmel gedreht hat. Die Haare haben einfach hinten
durch ihr Gewicht heruntergezogen. Und so schaute ihr Gesicht
schlussendlich zum Himmel. Man könnte sagen, sie sei eine
Regenbeterin, die ohnehin erst anfangen zu beten, wenn sich die
Wolken schon zusammenziehen. Und am letzten Kursvormittag
hatte ich noch die Idee, ihr noch hände vorna an die Brust zu heften.
Ich hatte dafür gute ästhetische Gründe. Und zugleich gaben die
Händeflächen eine gute Antwort auf die Gesichtsfläche. Jetzt
sieht sie wirklich aus wie eine Regenbeterin. Ich sag es dir, liebe
Marlena. Wenn wir hier einen nassen Sommer haben werden,
dann weiss ich weshalb.
Ich habe meine Figur noch im Atelier des Künstlers gelassen.
Ich werde sie gelegentlich holen. Sie kann dort noch trocknen.

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