Samstag, 20. Februar 2010

Still Saturday 31/8

Ämne: still Saturday
Datum: den 31 augusti 2003 00:49

Liebe Marlena
Ach, so ein langer Witz! Er ist gut. Ich habe ihn auch verstanden, was
nicht immer selbstverstaendlich ist. ;--))
Heute war ich nochmals an der 5. Avenue. Samstagsstimmung wie vor
einer Woche. Aber diesmal war etwas bewoelkt. Bei Tiffany bin ich
nicht mehr hineingegangen, sonst waere ich herausgekommen wie der
hired farmer. Oben beim Central Parc ist die 5. sehr elegant. Je weiter
man runter kommt, desto gewoenlicher wird sie. Ich bin von oben bis
unten, bis ins East Village heimgewandert. Wahrscheinlich hatte ich
zuwenig Energie, eine U-Bahnstation zu suchen.

Meine Erkaeltung ist ein bisschen besser, aber noch nicht 100%. Aber
es wird schon gehen. Ich habe soeben eine knappe Stunde geschlafen.
Im Union Square gab es einen Markt, aehnlich wie auf dem grossen
Platz in Basel. Sie verkaufen Gemuese und Fruechte, Blumen, auch
selbstgemachtes Brot und Kuchen. Auch Kaese gab es, huebsche
kleine Kaeslein. Ich habe mir ein paar Zwetschgen gekauft. Sie sehen
wirklich robust und gross aus, dunkelblau, mit diesem hellen
Schimmer oben drauf, den man abreibt, bevor man hineinbeisst.
Fruechte sind ziemlich teuer hier. Wenigstens jene, die hier in der
Naehe angebaut werden. Und die amerikanischen Masse, das waere
ein eigenes Kapitel. Ein lb ist ein Pfund, und ein Pfund ist etwas mehr
als 400 Gramm. Das ist wirklich noch altertuemlich, was die Amis
hier aufbewahrt haben. Heute morgen habe ich mir schon hier im
Village zwei Orangen gekauft, um zu etwas Vitamin C zu kommen.
Man kauft sie als Einzelstuecke, so teuer sind sie. Na ja, es ist
eigentlich jetzt nicht gerade Orangenzeit.

Am Morgen kam ich bei St. Marks vorbei. Da waren einige Schwarze vor der Kirche, alle in bester Kleidung. Ich setzte mich auf die Bank, einerseits, weil ich ein bisschen schwach war, andererseits wollte ich die Gelegenheit wahrnehmen, die Situation zu boebachten. Die Gesellschaft war quetschvergnuegt. Sie hatten auf der Strasse einen riesenlangen Wagen stehen, so eine Prominentenkutsche, ganz in weiss. Neben mir sass ein alter Ami, etwas aermlich gekleidet, mit seiner Frau - so nehme ich an - die im Rollstuhl eher vor sich hindaemmerte. Er sagte zu ihr, die wirklich nicht mehr ganz wach schien :"I thought it's a wedding .. but there is no groom .. so can't be a wedding". Und dann ist er mit seinem Rollstuhl abgezockelt.
Die schwarzen Frauen trugen die knalligsten Farben und die originellsten Schnitte. Ich glaube, sie naehen das selbst. Man sieht das an den Saeumen, wie Du sicherlich weisst. Und die Kleider passen ihnen nur ungefaehr. Aber die Knallfarben passen gut zu ihren austrucksstarken Gesichtern. Die Maenner waren dagegen eher ausdruckslos in schwarz. Einer hatte ein seidenes Revers und Hosen mit einem Seidenband an der Seite. Und einen aufgestellten weissen Kragen. Er hat sich wirklich in die Schale gestuerzt, sah aus wie ein alter Jazz Musiker. Dazu trug er einen schwarzen Schrim, obwohl die Sonne schien, mit dem er sich in Pose werfen konnte. Er sah gut aus, auch wenn die Hose etwas zu lang war. So standen sie eine Weile herum, liessen sich von Passanten begaffen, plauderten hier und dort und verzogen sich dann allmaehlich. Ich habe auch keine Braut und keinen Braeutigam gesehen. Vielleicht gibt es hier in Amerika Hochzeiten ohne Hochzeitspaar??

An der 5. Avenue gibt es auch ein Kirchlein. Es ist gebaut wie eine gotische Kapelle. Auch in der Naehe des Institutes gab es eine und unten in der Stadt ist nochmal eine, ich weiss nicht mehr, wie sie heisst. Diese gotischen Schmuckkaestlein wirken so zierlich und sakral zwischen den riesigen Gebaeuden, dass man sie irgendwie ins Herz schliesst. Vielleicht sind sie ja auch ein bisschen groesser, als sie scheinen, und wirken nur so neben ihren riesigen Nachbarn. Letzten Samstag, so erinnere ich mich, begannen abends die Kirchenglocken zu laeuten. Ich hatte zwar den Verdacht, das ganze sei ein Tonband. Es war so laut und deutlich zwischen den Wolkenkratzern. Aber es schuf eine heimatliche und irgendwie feierliche Stimmung.
Also, bei der Kirche an der 5. Avenue war auch eine Gesellschaft. Ich glaube, das waren Philippinen. Sie waren ziemlich gut angezogen und wirkten recht smart. Sie verschwanden dann in der Kirche. Bei einigen Frauen quoll das Fleisch unter den Armen aus den Kleidern. Sie waren alle wohl nur um 160 gross.
Und als ich dann auf diesem Markt in Union Square herumging und Vitamine suchte, da fing es an zu regnen. Das ist neu fuer mein NY. Die meisten schienen das nicht erwartet zu haben, und die Menge lichtete sich merkbar. Es war ein warmer Regen, und seine Naesse war schwer zu unterscheiden vom Schweiss auf dem Ruecken. Ich hatte sogar einen Schirm dabei, von der Schweiz heruebergebracht, und war froh darum.

Und dann bin ich die letzten Meter auch noch zu Fuss heim. Ich glaube, so habe ich den ganzen unteren Teil der 5. Avenue gemacht. Ach nein, der letzte Teil war Broadway. Die 5. Endet beim Washington Square Park, also bei der Universitaet NY. Aber ich bin doch ein gutes Stueck zu Fuss gegangen. Ich wollte S. ein kleines Geschenk kaufen von der mondaenen 5. Avenue und bin in verschiedene Geschaefte gegangen, wo ich mir natuerlich eher etwas verloren vorgekommen bin. Irgendwo hat mich eine Verkaeuferin angesprochen, eine Mulattin. Sie warf mir ein froehliches und gedehntes "hey' zu, als ob sie einen Flirt im Sinn haette. Dann fragte sie mich, wie es mir gehe, aber sie hielt sich irgendwie entfernt, so dass alles ziemlich spielerisch wirkte. Und spaeter fragte sie, ob sie mir helfen koenne. Sie schien sehr vergnuegt, so vergnuegt, dass sich bei einem Schweizer schon fast ein bisschen Misstrauen regt. Ich erklaerte, ich wolle nur so herumschauen. Ob ich etwas Spezielles suche. Ich sagte, nein, ich wisse nicht genau, was. Sie lachte wie ein Kind, welches das Osterei gefunden hat, uns meinte laut heraus "a present, right?" War eine suesse Situation, und alles spielte sich so zwischen Tablaren und Gestellen mit Blusen und Roecken und Struempfen ab, also eigentlich in einem Territorium, wo man sich als Mann eher in einem Auswaertsspiel empfindet.
Ich habe dann in einem anderen Geschaeft einen Hut fuer S. gefunden. Es war ein italienisches Modell, ganz einfach, ein Sommerhut aus Leinen in einem schoenen Rot. Na ja, das beste dran ist, dass er von der 5. Avenue stammt. Ich glaube, sowas gefaellt S. Eigentlich alle Dinge, die ich naeher anschaute, kamen aus Italien. Das ist mir aufgefallen. Das ist wohl am Geschaeft gelegen. Ich habe mir speziell noch eine Business/Card geben lassen, um S. zu zeigen, woher er stammt. Unter uns gesagt, Marlena, er war nicht so teuer. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, es war ein Ausverkauf. Aber das erzaehle ich S. nicht. S. hat ein bisschen die Einstellung, dass alles Gute auch teuer sei. Na ja, nicht immer, aber im Zweifelsfall schon. Also bitte nicht weitererzaehlen!

Und jetzt sitze ich hier zuhause. Ich wollte nicht mit zur Party. Es ist noch etwas zu frueh, und ich bin sicher, sie kommen nicht vor 3 am heim. Das kann ein alter Mann wie ich nicht mehr durchstehen.
Ich schicke das, bevor es alles abstuerzt.
Mit lieben Gruessen

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