Donnerstag, 27. Februar 2014

Re: Serenität


Liebe Marlena
Wenn Du über die Handwerker schreibst, könnte man - wenn ich es nicht besser wüsste - meinen, Du meinst jene aus der Schweiz. Aber es ist wirklich schwer einzusehen, weshalb eine Decke rundum weiss sein sollte, wo doch einige Russreste der ganzen Athmosphäre einen romantischen Touch geben würden! Stell Dir vor, wenn in einigen tausend Jahrenm Euer Haus von Archäologen ausgegraben wird, dann werden sie Hypothesen entwickeln, wie die schwedischen Frauen im 21. Jahrundert noch am offenen Feuer gekocht hätten, und wie abends die ganze Familie mit Kind und Kegel um diesen warmen rauchenden Herd in der Küche gesessen sei, um sich gegenseitig alte Lieder zu singen und Schauermärchen zu erzählen. Und sie wären nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt ;--)) Ich bewundere Deinen stoischen Mut in dieser ganzen Gelegenheit. Wie ein Kapitän stehst Du auf Deinem Dampfer und siehst, dass die Dinge vorankommen, so langsam, wie sie eben auf einem Schiff voranzukommen pflegen.
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Ja, Deine Interpretation über unsere Agenda ist genial. Weil Du täglich schreibst, steht die Liebe schon an erster Stelle. Gut gedacht, und dazu mit Liebe! Du könntest ein wahrer Sufi sein, denn auch sie, wenn ich das richtig verstehe, haben die Liebe als wichtiges Instrument der Gotteserkenntnis und der eigenen Erleuchtung angesehen. Und man kann sich das ja auch irgendwie vorstellen. Auch Rilke, wenn ich mich recht erinnere, hat Verse, die in diese Richtung gehen. Irgendwo sagt er, man müsse den Dingen ein Bruder sein, um ihren gerecht zu werden. Das ist schön gesagt. Aber soviele Brüder zu haben, ist auch ganz schön anstrengend.
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Gestern in L war es anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte. Beide Fälle, die ich zu bearbeiten hatte, waren komplizierter als erwartet. Und ich wurde zum Schluss weich und habe den starken Wünschen der Eltern nachgegeben. Manchmal ist es echt hart, die Eltern zu einer Massnahme zu zwingen, die sie partout nicht wollen. Ich halte dafür, dass sie die Verantwortung für ihr Kind haben, und dass sie die eigenen Fehler zum grossen Teil auch selbst auslöffeln sollten. Deshalb sollten sie sie auch selber machen dürfen. Und es war sosehr heiss, wie man es seit Menschengedenken im Monat Juni nicht erlebt hat. Ich habe eine grosse Flasche Wasser von 1.5 l während ein paar Stunden getrunken und gleich wieder zu den Poren hinausgespritzt, dh. geschwitzt. Alles hat nur noch geklebt.
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Du suchst vielleicht nicht nach Glück und Liebe, weil Du sie hast. Mindestens vom Glück redest Du so, als ob sie da wären. Das ist natürlich das allerbeste. Und vielleicht ist es wirklich auch eine Frage der Sprache und des Framings. Wenn man sich immer wieder sagt, wie glücklich man sei, dann wird es wohl auch. Ist wie eine Art von Selbst-Hypnose. Zumindest das Gegenteil ist doch wirklich nicht zu bezweifeln: wer sich ständig einredet, unglücklich zu sein, der ist es doch auch wohl.
Aber ich interessiere mich hier jetzt darum, wie man nachhelfen kann, dass man ein glückliches und schönes Leben hat. Es gibt bestimmt tausende von Definitionen. Aber wenn man das alles zusammenfasste, müsste man doch wieder zu einem Prinzip, einer Grundregel kommen. Und eines davon ist bestimmt die Liebe. Wer hat das gesagt: Liebe Dein Schicksal, du hast keine andere Wahl. Oder aber der andere Rat: nur zu wollen, was man auch erreichen kann.
Im Moment bin ich überzeugt, dass eines der wichtigsten Momente des schönen Lebens die Wahlmöglichkeit darstellt. Wenn immer Du Wahlmöglichkeit hast, kannst du wählen, und du kannst das Schönere, das dir Gemässere wählen. Das ist wie ein Wettbewerb der Varianten. Denn diese Differenz macht das Schöne erst aus, zeichnet das schöne Sein vom blossen Sein erstaus. Vielleicht die Natur spielt bei diesem Wettbewerb nicht mit. Sie ist schön und sie ist in weiten Bereichen einfach da. Aber Natur ist heute wohl auch mehr gemacht als einfach da. Wenn sie bloss da wäre, würden wir im Urwald leben. Du siehst, ich bin gerade daran, mich in meinen Gedanken zu verlaufen wie im Urwald.
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Gut, dass die Woche wieder dem Ende entgegen läuft. Ich brauche wieder etwas Ruhe und Entspannung. Man wird wirklich schneller müde, wenn man älter ist. Ein Kollege hat immer behauptet, mit 50 fange es an, da werde man müde. Und ich habe ihm damals natürlich nicht geglaubt. Aber er scheint recht zu haben. Und heute sprechen sie davon, die Arbeitszeit bis auf 70 Jahre zu verlängern. Stell Dir vor, wie das aussieht, wenn die 70-jährigen noch jeden Morgen zur Arbeit fahren. Und dies, nachdem wir eine Phase hatten, wo viele schon zwischen 50 und 60 aus dem Arbeitsprozess ausgetreten sind. Ich habe eine Kusine, sie ist jetzt knapp 60 und vor etwa 2 Jahren in Pension gegangen. Sie reist und isst und geniesst das Leben, dass es schon fast eine Sünde ist. Nun ja, sie ist alleinstehend, und muss noch etwas nach ihrer Mutter schauen. Aber es scheint wirklich ein Leben ohne Pflichten zu sein, und ich kann mir vorstellen, wie so die kleinen Dinge im Leben einen grossen Stellenwert bekommen: einmal Kopfweh, ein zerbrochener Zahn, eine Zugsverspätung sind in einem solchen Leben doch schon mittelgrosse Katastrophen, nicht wahr?
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Und jetzt muss ich an meinen Tag. Wir haben Sitzung auf der Direktion. Und ich hoffe, sie gehe rasch und schmerzlos vorbei. Und dann ist das Wochenende so gut wie in Sicht.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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