Mittwoch, 12. Februar 2014
Re: Monday morning ...
Subject: Re: Monday morning ...
Date: Tue, 21 Mars
Meine liebe Marlena
Nun ja, ich habe auch nicht gedacht, dass du den Text über den europäischen Roman unbedingt lesen musst. Oder doch zumindest nicht so kurzfristig. Aber es betrifft eigentlich auch den französischen Roman, und ich fand diesen Teil des Buches ziemlich interessant. Eine solch kurze Zusammenfassung der Entwicklung des Romans findet man wohl nicht allzu oft.
Interessant finde ich, was er „die zweite Halbzeit" des Romans nennt, also jene Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert, seitdem das Wort des Autors hinter das Schreiben zurückgetreten ist. Das bringt ja dann diese dicken Schwarten und ungeheurer langen und ausgefeilten Romane des 19. Jahrhunderts zum Vorschein, die später so stark psychologisieren und „introspizieren". Meine Frau mag sie. Sie liest gerne Henry James. Für mich sind diese Werke an sich bewundernswürdig, aber ich habe weder Zeit noch Geduld, sie wirklich zu lesen. Zu einer Verfilmung würde ich mich vielleicht noch überreden lassen. Diese Romane sind zu einer Zeit entstanden, als die Leute wirklich noch Zeit zum Lesen hatten. Und der bürgerliche Roman hat ja dann auch die bürgerliche Ehe und die Liebesheirat propagiert. Vorher war – und bei den Adeligen ganz besonders – die Liebe keine Bedingung für eine Heirat. Das waren eher Vernunftehen zur Sicherung des Familienbesitzes und ihrer Privilegien. Kennen wir doch noch aus den Königshäusern!!
Kundera hat dann eine sehr musikalische Konzeption des Romans entwicikelt, den sogenannten polyphonen Roman, den er der Symphonie abgeschaut hat (von seiner Ausbildung her war er Musiker, nicht Schriftsteller; er lebt heute in Frankreich). Es gibt in seinen Romanen verschiedene „Sätze", dh etwa Geschichten, die zusammengestellt sind. Sie kreisen um dasselbe Them, haben langsame oder schnellere Tempi, zeigen eine unterschiedliche Erzählstruktur, erzeugen also gemeinsam eine Polyphonie, eine Vielstimmigkeit, die ein Thema in verschiedenen Farben und Konstellationen aufleuchten lässt. Für mich selbst war erfrischend, dass er die Geschichten ziemlich äusserlich erzählt, als aussenstehender mitdenkender Beobachter, und dass er nicht primär das Innenleben und die Psychologie der Figuren in den Vordergrund stellt. Das fand ich – für mich – sensationell, eine echte Erholung, weil wir Psychologen doch immer an Innerlichkeiten, Gefühlen, Gedanken, Motiven und Hemmungen hängen. Das Individuum von aussen zu betrachten, sozusagen wie ein rationales Tier, ist für mich eine erfrischende Sicht.
Es gibt doch zur Zeit diese Evolutionsbiologie oder auch Sozialbiologie, die so populär ist und mit deren Erkenntnissen man die Evolution und den Darwinismus zu stützen meint. Letzten Samstag waren wir in Basel zum Essen eingeladen, und am Tisch hat sich ein Gespräch über diese Themen ergeben. Unter anderem stand eine Erkenntnis der Evolutionsbiologen zur Diskussion, wonach Frauen in den empfänglichen Tagen mehr auf physisch virile Männer (ich nehme an: athletische Figur, männliches Gehabe, starker Haarwuchs, tiefe Stimme etc.) ansprechen, während sie in den übrigen Tagen mehr jene Männer mögen, die Stabilität und Zuverlässigkeit versprechen (ich nehme an: materielle Sicherheit, guter Job, freundliches und rücksichtsvolles Wesen, Verständnis). Und dazu haben wir Hühnchen gegessen mit Kartoffeln und Spinat, dies nach einem Broccoli-Auflauf als Voressen und einem Cinzano als Apero. Allerdings, das muss auch gesagt sein, haben sich eher die Männer an der Diskussion und am Hühnchen beteiligt als die Frauen. Für die Frauen scheinen diese evolutionsbiologischen Überlegungen und das fette Poulet sehr weit hergeholt zu sein.
Es ist lustig, zu essen und zu diskutieren. Das mag ich sehr, in einer Runde von anregenden und interessanten Leuten. Das ist leider nicht immer der Fall, manchmal gibt es so langweiligen small-talk, dass man lieber zuhause bleiben würde. Aber wenn es funkt, komme ich richtig in Schuss, und wenn dazu noch eine Flasche trinkbaren Bourgogne oder Bordeaux auf dem Tisch steht, ist der Abend so gut wie gerettet. Das war samstags der Fall. Das ist „der diskrete Charme der Bourgeoisie", wie jener französische Spielfilm Damals so schön geheissen hatte. Du siehst, Marlena, wir sind so arrvierte und gesetzte Männer geworden, die nach einem guten Essen leicht die Revolution ausrufen, um sie dann aber, wenn die Müdigkeit des vollen Magens auftaucht, leicht wieder fahren lassen. Die jungen Leute werden uns belächeln.
Indem du „uninteressant" in „traurig" umbenennst, machst du die Sache auch nicht besser. Überhaupt nicht. Denn, streng genommen, ist es ziemlich dasselbe. Wenn man traurig ist hat man keine Interessen und keine Energie und fühlt sich leer und gelangweilt. Es ist praktisch die andere Seite der Medaille.
Doch es gibt diese plakative Devise: leave it, love it oder change it. Diese drei Möglichkeiten hat man, keine mehr und keine weniger. Erzähl mir, was ist los mit deiner Trauer? Wenn ich dich bloss aufmuntern soll, fühle ich mich ein bisschen wie eine Occasion. Das finde ich nicht sonderlich gut, meine liebe Mausfreundin. Zwar will ich mich nicht in deine persönlichen Angelegenheiten einmischen. Aber vielleicht kannst du ganz allgemein erklären? Vielleicht?
In einer halben Stunde habe ich eine wichtige Sitzung. Eine unangenehme dazu. Und im Moment versuche ich mich noch etwas zu entspannen, indem ich an meinem Mail schreibe. Wir haben im Moment wunderbares Wetter, blauer Himmel über und über, die ersten Sträucher blühen und die Menschen sitzen schon da und dort in der Sonne, um sich aufzuwärmen. Karneval ist jetzt vorbei. In den Strassengräben und den Mauernischen findet man Reste von Confetti. Das sind diese kleine, farbigen und kreisrunden Papierchen, mit denen man sich während des Karnevals beworfen hat. Es ist jedes Jahr wieder eine riesige Arbeit, die Strassen und Plätze zu reinigen. Doch offenbar ist es das alles wert.
Und mittlerweile ist 1415h geworden, und ich muss mit meinen Papieren auf die Direktion. Wir sehen uns später wieder! Bye!
Ich bin zurück, einigermassen lebend. Diese Verwaltungsmenschen sind die reine Unmöglichkeit. Das kann ich dir gar nicht alles erzählen.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
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