Montag, 17. Februar 2014

Re: Endlich so weit


Liebe Marlena
Uebertreib es nicht. Jetzt willst Du neben all den Vispern auch noch einen aus Visperterminen. Einen Seelsorger? Ich glaube nicht, dass das gut kommt, Marlena. Unser Valentin ist zwar ein lieber Kerl, aber er ist auch etwas umtriebig. Das heisst, er ist viel unterwegs und pendelt oft zwischen Brig und Visperterminen. Ich glaube, Du hast schon genug Seelsorger. Oder denkst Du, Deine Seele sei noch viel zu gross für die paar, die für sie sorgen?
Ja, es ist erstaunlich, dass ich wieder einmal von Schweden ein Bild aus meiner alten Heimat bekomme. Visperterminen ist ziemlich gewachsen in den letzten 30 Jahren. Als ich in meiner Jugend die ersten Male dort oben war, fand man ein kleines, altes und äusserst armes Nestchen am Hang kleben. Es war zwar sonnig. Aber ich erinnere mich sehr gut, wie die steilen Weglein und Strässchen schmutzig waren, und wie die Leute irgendwie arm und primitiv ausschauten. Nicht alle Dörfer im Wallis waren so. Aber Visperterminen war - in meiner Erinnerung - so. Meine Mutter war immer sehr interessiert daran, wie die Leute im Wallis lebten. Und sie versuchte, wenn wir auf Wanderungen waren, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Sie gab ihnen kleine Geschenklein, und hatte so oft Gelegenheit, in die Wohnungen hineinzuschauen. Und diese waren dann oft in der Tat sehr einfach. Ich kann mich erinnern, dass ich in Visperterminen mein erstes Walliserbrot gegessen habe. Offenbar hat man damals nur ein- oder zwei mal im Jahr gebacken. Und man hat dazu einen Sauerteig genommen, keine Hefe. So war das Brot steinhart, dass man es mit dem Beil wie einen Stein zerschlagen musste. Und es war kaum zu beissen. Man musste es in einer Backe aufweichen lassen, bis man es wirklich zerbeissen konnte. Und dazu hatte es einen leicht säuerlichen Geschmack. Das Hauptgetreide war Roggen. Damals konnte ich diesem Brot aus Visperterminen nicht viel abgewinnen. Aber heute würde ich meilenweit gehen, um ein Stück zu bekommen. Ich meine, es gibt es gar nicht mehr in dieser Art. Man kann sehr wohl Walliserbrog kaufen. Aber es ist niemals mehr so hart. Doch es schmeckt gut. Wenn Du mal in die Schweiz kommst, werde ich Dir ein feines Butterbrot aus dem Wallis servieren. Du wirst staunen, wie gut das schmeckt.
Im Moment sitze ich im Büro und sollte meine Sitzung von Montag vorbereiten. Freitags hatte ich ein Gespräch mit dem Chef. Es war ziemlich gut und er scheint einzusehen, dass wir mit unseren Kapazitäten nicht all die Arbeit zu leisten vermögen. Ich glaube auch, dass er etwas ruhiger geworden ist. Er hat seit zwei oder drei Jahren einen neuen Sekretär. Und ich glaube, er fühlt sich so nicht mehr so sehr allein in seiner Verantwortung und ist etwas milder geworden. Früher war er gelegentlich sehr aggressiv und sarkastisch. Nicht gegenüber mir. Aber gegen gewisse Leute in der Direktion. Ich glaube, er respektiert mich irgendwie.
Und dazu kommt noch etwas anderes, sehr merkwürdiges. Kürzlich hat der Sekretär gemeldet, dass unser Chef, der Erziehungsminister, im April seinen 50. Geburtstag feiern werde. Und er würde uns doch bitten, Vorschläge zu machen, wie man diesen Anlass in unserer Direktion begehen könnte. In früheren Jahren hätte ich mich nie dazu geäussert, in der Meinung, das sei nun wirklich der Job des Sekretärs, hier einen Rahmen zu finden. Doch irgendwie hatte ich zufällig eine schlaflose Nacht und dabei einige Ideen, wie man einen solchen Geburtstag gestalten könnte. Und bereits am nächsten Tag habe ich dies dem Sekretär durchgemailt. Meine Töchter würden sagen, das sei sehr geschleimt. Weißt Du, was das heisst? Schleimen meint, den Leuten nach dem Mund zu reden, sich einzuschmeicheln und so ähnlich. Aber ich glaube, es war sehr wirksam. Beide waren sie so freundlich und zuvorkommend, wie ich es selten erlebt habe. Es braucht wirklich nur eine Handvoll Tricks, um durch die Welt zu kommen!
Und heute fahren wir zu Onkelchen. Wir wollten ihn zwar mitnehmen auf den Flughafen, wenn A abfliegen wird. Doch gestern hat er angerufen und gemeldet, dass es ihm nicht sonderlich gut sei und dass er lieber zuhause bleibe. So bringen wir zuerst A nach Kloten und fahren anschliessend nach Lenzburg. Eigentlich hatten wir gedacht, wir würden mit ihm dann in Zürich irgendwo auswärts essen. Er hat von ein paar ersten Adressen geschwärmt, dem Baur au Lac, der Kronenhalle oder ähnlich, wo er oft mit seiner Frau gewesen war. Aber jetzt wird nix daraus.
Die Kronenhalle ist überigens ein interessantes Lokal. Sie liegt gerade beim Bellvue, gegenüber dem alten Odeon, jenem Café à la Viennoise. Dort haben immer die grossen Leute und auch die Künstler verkehrt. Dürrenmatt war regelmässig dort. Frisch mit seiner jungen Frau habe ich mit eigenen Augen die Treppe hochsteigen sehen. Varlin hat ein wunderbares Porträt der Frau Zumsteg, der Wirtin der Kronenhalle, gemalt. Und bei eben diesem Varlin habe ich gelesen, dass es in der Kronenhalle immer einen Tisch für Künstler gegeben habe. Dort konnten sie ein erstklassiges Menue für einen sehr vernünftigen Preis bekommen. Ich hatte mir ja auch immer gedacht, wie Varlin bloss diese Kronenhallenpreise hätte bezahlen können.
Ich war in meinem Leben - so glaube ich - nur einmal in der Kronenhalle. Doch nebenan in der Bar war ich mehrmals. Sie war damals, in meiner Studentenzeit, eine der nobelsten Bars in Zürich. Und im Halbdunkel gab es immer noble Leute und gut gekleidete Frauen. Und einmal war ich wärend der Fastnacht drinnen. Ich habe Frau Zumsteg getroffen, die ich ja eben bloss von Varlins Porträt her kannte. Sie war- wie auf dem Bild - mit Juwelen behängt und hat mich angesprochen, als ob ich ein Stammgast wäre. Ich hatte auf Anhieb den Eindruck einer distanzlosen Alkoholikerin. Doch vielleicht habe ich mich auch getäuscht. Die Distanzlosigkeit war ja auch ihr Recht, denn es war ihr Lokal. Aber etwas Lustiges geht mir gerade auf. Varlin hatte einmal einen Disput mit Hugo Loetscher, dem Schriftsteller. Er hatte ihn porträtiert und nach Jahren festgestellt, dass Loetscher anders ausschaue als auf dem Bild. Er hat ihn darum kritisiert, weil er doch wohl verlangen könnte, dass er, das Modell, nach sovielen Jahren doch ein bisschen wie das Porträt ausschauen sollte. Das ist ähnlich wie bei den Hunden, die mit den Jahren aussehen wie ihr Herrchen, vice versa respektive. Und in der Tat ist Varlins Porträt der Hulda Zumsteg so prägnant und durchdringend, dass man sie nur mehr durch ihr Bild sehen und im Gedächtnis behalten konnte. In diesem Sinne kann man sogar sagen, dass Malerei die Wirklichkeit zu verändern vermag.

Meine Eltern sehe ich nicht so häufig. Oft denke ich am Samstag, wenn ich im Büro bin, ich sollte sie rasch über Mittag besuchen. Es wäre ja bloss 5 Minuten von hier. Aber meist ist mein Kopf so voller Dinge, dass ich es dann eben sein lasse. Letzte Woche hat S sie eingeladen. Es ist so eine Sitte in Persien, dass man die Leute besucht oder einlädt, bevor man auf eine Reise geht. Und für A hat S diese Einladung gemacht. Doch es war am Donnerstag und ich hatte absolut keine Zeit, über Mittag heimzugehen um ein grosses Essen zu geniessen. So war ich eben nicht dabei.

Und jetzt muss ich doch an meine Arbeit. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und anschliessend gemütliche Wochen. Diese französischen Aufsätze über Internet, das scheint ja das reinste Vergnügen zu sein.
Mit lieben Grüssen
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