Mittwoch, 26. Februar 2014
Eudaimonia
Den 12 juni 2003 07:30
Re: Eudaimonia
Liebe Marlena
Wir sind Spezialisten für das Wetter und für die Liebe. Davon handeln unsere Mails am meisten. Und ich glaube, wir hätten in diesen Sparten längst Ehrendoktorhüte verdient.
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Für mich ist es merkwürdig, wie man den Gefühlen in biochemischer Hinsicht näher kommt. Ob man sie damit erklären kann, ist eine andere Frage. Aber auf jeden Fall kann man sehr oft physiologische Korrelate für psychische Vorgänge finden. Trance zum Beispiel geht einher mit einigen leichten physiologischen Veränderungen, die interessant sind. Aber damit kann man doch die Trance längst noch nicht erklären. Ich glaube, die Wissenschaften sind wie Stockwerke eines Hochhauses. Entweder bist du im dritten Stock, der Psychologie, oder dem 5., der Biochemie nämlich. Aber du kannst nicht gleichzeitig in beiden Stöcken sein. Und du kannst vom 5. Stock aus nicht Dinge erklären, die im 3. Stock stattfinden. Voilà! Deshalb wohnen wir Generalisten in einem Einfamilienhaus, das alles auf einem Stock hat. Allein ein solches Gebäude ist erdbebensicher;--)
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Gut dass DeinMaler noch gekommen ist. Sie sind also nicht hoffnungslos undiszipliniert, die Maler, sondern bloss etwas träge verspätet. Und er hat schon die Decke GRUNDIERT (nicht gegründet). Grundierung ist das wichtigste, an der Wand wie auch in der Liebe. Nur eine solide Grundierung garantiert, dass sich die emotionale Wolke für einige Zeit halten wird. Und dass Schokolade ein Ersatzdroge darstellt, das weiss ich sehr wohl. Das wissen im Prinzip die meisten alten Leute. Deshalb sind wir Schweizer auf der ganzen Welt bekannt und auch beliebt. Wir sind Ersatz-Sexpartner sozusagen.Man könnte auch sagen, wir sind ein erstklassiger Drogenproduzent. Aber ehrlich gesagt, war ich in jungen Jahren immer wieder erstaunt, wie gut Schokoladen in England beispielsweise, oder in Deutschland, gar nicht zu sprechen von Belgien sind. Vielleicht war mein Geschmack nicht fein genug? Doch ich habe das Lob der Schweizer Schokolade immer irgendwie als übertrieben angeschaut. Doch jetzt, nach all den Jahren, muss ich zugeben, dass unsere Schokoladen schon ziemlich perfekt sind. Auch jene, die man in normalen Einkaufszentren kauft, also durchaus günstige Marken, sind wirklich fein. Aber vielleicht hängt das eben mit der Tatsache zusammen, die du erwähnst. Vielleicht spreche ich heute mehr auf ihr Fenyletylamin an? Allerdings bin ich noch nie bis hinauf zu 15 Kilos gegangen. Das müsste ich vielleicht mal testen.
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Heute bin ich in L beschäftigt, und es scheint, dass es ein langer Tag werden könnte. Ich muss vielleicht auch Walter mitteilen, dass es etwas später werden könnte. Heute ist wieder mal unser Weekly. Und es ist immer noch sehr warm. Heute hat man uns 35° versprochen. S. ging gestern Abend noch ins öffentliche Bad, um ein paar Runden zu schwimmen. Ich war zu faul, sonst wäre ich mitgegangen.
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Und gestern war ich wieder zwischen den vielen Grossmütterchens und -väterchens in der Vorlesung. Ich glaube, ich muss mir dort eine Freundin suchen, die mir einen schönen Platz reserviert, wenn ich etwas spät komme. Es ist süss zuzusehen, wie sich die alten Leutchen gegenseitig bemühen. Es ist eigentlich wie damals, anfangs des Studiums, als bei Prof. Staiger, wo meist alle guten Plätze früh besetzt waren, die Studenten sich gegenseitig halbe Sitzreihen besetzt hielten. Damit konnte man Sympathien verteilen und Punkte sammeln, dh. in der Subpolitik mithalten. Ich war damals ja ein Immigrant und hab das alles nur beobachtet. Ich kannte kaum jemanden in diesen Kursen.
Deine Seele scheint so leicht und unbeschwert vor den Ferien, wie man sie selten antrifft. Sonst bist Du von Pflichten gejagt, und von Deinen vielen verschiedenen Interessen. Es ist schön, Dich so unbeschwert und zufrieden anzutreffen. Ich glaube, es ist eine unserer Aufgaben im Leben, diese Zufriedenheit und Gelassenheit auch in der Arbeit realisieren zu können. Irgendwie sollte die Freizeit nicht völlig anders sein als die Arbeitszeit. Und wirklich glücklichen Menschen gelingt das auch. Es gelingt ihnen nicht, weil sie eine bessere ARbeit haben. Arbeit hat immer auch unangenehme Seiten. Es gelingt ihnen, die Arbeit wie eine Freizeittätigkeit anzupacken und zu geniessen. Es gibt doch diesen raffinierten Ratschlag, man solle das Schwere leicht und das Leichte schwer nehmen. Ich glaube, darin liegt viel Weisheit. Und daran bin ich an der Arbeit: ich will die Freizeit schwer und die Arbeit leicht nehmen. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr soviel renne und mich anstrenge bei der Arbeit wie in früheren Jahren. Aber ich muss auch feststellen, dass die Erfahrung vieles kompensiert. Man merkt das vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber wenn man sich die Mühe nimmt, und wenn man zurückdenkt in die frühen Jahren, dann muss man feststellen, dass man sich früher oftmals in irgendwelchen Dingen verirrt hat, die gänzlich unwichtig und unproduktiv gewesen waren. Heute sieht man die wichtigen Punkte und kann sich darauf konzentrieren. Die Tatsache, dass alles so leicht scheint und aussieht, zeigt, dass hier KUNST am Werke ist.
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Diese Lebenskunst ist ein Thema, was mich immer wieder interessiert. Vielleicht packe ich es etwas zusehr von der theoretischen Seite an. Im Wesentlichen ist die Grundlage für die Lebenskunst das Bewusstsein der Differenz. Was immer man tut oder unterlässt, es sollte eine Wahl sein und sich von einem Hintergrund abheben. Die Wahl ist das Zentrum, der Angelpunkt der Kunst. Und die Wahl ist nur gegeben, wenn ich mir die Möglichkeit von Varianten und Alternativen verschaffe. Wenn ich also zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, erst kann ich mein Subjekt selbst differenzieren und mir so etwas wie einen Stil aneignen.
Das klingt alles sehr einleuchtend. Ich schaue nicht Fernsehen, wie alle Leute, sondern gehe in die Oper. Ich esse Dinkelbrot, und nich dieses billige weisse Zeug, das sie auch bei McDonalds austeilen. Ich trage italienische Massanzüge, und nicht diesen asiatischen Ramsch von der Stange. Durch diese Differenzen hangelt man sich empor zum Stil. Allein wie ist es in den persönlichen Beziehungen. Eigentlich müsste das Primat der Wahl auch für Liebesbeziehungen gelten. Ich muss sehen, dass meine Beziehung zur Ehefrau die beste der möglichen wird. Aber ich muss doch auch zusehen, dass ich die beste Frau als Partnerin zur Verfügung habe. Führt das nicht ständig dazu, dass man links und rechts vergleichen muss? Die Wahl setzt voraus, dass ich vergleiche und dass ich in der Vorstellung Konsequenzen durchspiele und Alternativ-Szenarien simuliere. Wenn keine Wahl besteht, ist das Leben ruhig und zufrieden. Bei offenen Wahlmöglichkeiten kommt eine Unruhe und eine ständige latente Unzufriedenheit. Schon der Gedanke, man könnte während des guten Lebens, das man hat, das bessere verpassen, zehrt an den Nerven.
Ist es nicht eine Art Blindversuch, den wir da machen? Das Leben ist zu einem Labor-Test geworden. Und jeder kämpft gegen den Makel, dass er mit dem erstbesten Versuch zufrieden sei. Die Anlage verlangt, dass man sich ständig verbessert, dass man bessere Möglichkeiten herausarbeitet und sucht, dass man das, was man hat, ständig in Frage stellt. Kann man denn so glücklich leben? Liegt das Glück nicht gerade darin, für den Moment wenigstens wunschlos zu sein? Oder liegt das Glück doch eher in den Erwartungen, die man hegt, in den vielen Wünschen und Hoffnungen, die sich letztlich vielleicht gar nie erfüllen? Und wenn sie dann erfüllt sind, wird man unzufrieden und verliert den Elan des Lebens. Das wäre ein enormes Paradox. Wenn man sieht, wie sehr arme Leute glücklich sein können, dann scheint es doch sehr wahrscheinlich, dass es die unerfüllten Wünsche sind, die das erlauben. Erfüllte Wünsche bringen Sorgen. Unerfüllte Wünsche erhalten Hoffnung.
Wenn man daran weiterdenkt, muss man den Menschen raten, unglücklich zu sein. Ich glaube, Watzlawick hat ein Buch mit einem ähnlichen Titel geschrieben, das ich leider nie gelesen habe. Er ist ein Meister des Paradox. Immerhin erscheint es ziemlich naheliegend, dass man am meisten Glück erreichen kann, wenn man es nicht krampfhaft erreichen will. Glück erreicht man indirekt. Wer das Glück selbst erhaschen will, der greift meist daneben. Die Suche nach Glück ist unglücks-trächtig.
Ja, ich muss mir das mal genauer überlegen in einer der kommenden, warmen Sommernächte, wenn die Nachtigall singt.
Ich wünsche Dir einen schönen, einen unglücklichen Tag
Mit lieben Grüssen
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Einen "unglücklichen" Tag?, stimmt das?
AntwortenLöschenNein ist bestimmt anders gemeint.
Grüßle