Donnerstag, 4. Dezember 2025

... über die Tschechen und über Prag

RE: Lugano


Liebe Marlena
Danke Dir für die schönen Komplimente zu meinen Exkursionen in die südliche Schweiz. Wenn man es genau betrachtet würde jede Jungfrau, die etwas auf sich hält, mit einem Ehrverletzungsprozess zurückschlagen, wenn man sie mit dem Monte Bré verglichen hätte. Vielleicht kannst Du Dir den Monte Bré nicht so genau vorstellen? Er ist ein monströser Berg genau am Luganersee, und wirkt von Statur und Linie her am ehesten noch wie eine adipöse ägyptische Pyramide. Soviel an Masse und Gewicht würde eine Frau nicht einmal auf dem Schafott zugeben.


 Ämne: J.U. once again

Astronomische  Uhr


Hör mal an über die Tschechen und über Prag:

"Der Wunsch, Teil Europas zu sein: dass ihnen die Erfüllung dieses bescheidenen Wunsches versagt blieb, war der Grund für das besonders intensive Leiden der Tschechen. Ein paar gläserne Hochhäuser zwischen den alten Kirchen und Burgen zu haben, ein paar Geschäftsleute, die mit Expresszügen kamen und wieder wegfuhren, ohne pompöse Reihen von Stacheldraht passieren zu müssen, eine Währung, die in den heimischen Läden nicht wie Falschgeld zurückgewiesen wurde, die Möglichkeit, auf dem Markt frische Orangen aus Sizilien zu kaufen oder ein paar Leuchtreklamen in die düsteren Arkaden Prags zu hängen, das Zentrum um ein bisschen Poronographie und ein paar Verkehrsstaus zu bereichern, den harmlosen Luxus einer Anti-Atomkraft-Bewegung und einer nihilistischen Avantgarde zu geniessen -  das war gewiss nicht zuviel verlangt, nachdem man jahrhundertelang die Habsburger auf dem Hals gehabt hatte. Aber es wurde ihnen verweigert: Nachdem sie Hitler und die Anti-Hussiten überlebt hatten, waren die Tschechen in die byzantinischen Fänge Moskaus geraten. Zwei Daten markierten die Geschichte des Dissens: 1968, das Jahr des "Prager Frühlings" (so oft, so eilfertig beschworden, dass ein einziges Wort daraus geworden war: "Pragfrühling") und des bald darauf folgenden Einmarsches der Russen; und 1977, als die Charta 77 verkündet wurde, mit dem Ergebnis, dass viele ihrer Unterzeichner im Exil oder im Gefängnis verschwanden. "


Stammt aus John Updikes "Bech in Bedrängnis" (Fast ein Roman) (englisch 1998: "Bech at Bay"). Bech ist ein gefeierter amerikanischer Schriftsteller, der Europa im Allgemeinen, Tschechien und Prag im Speziellen besucht. Bech übernachtete in der Residenz, deshalb schreibt J.U. weiter:

"Es schien so, als wäre dies die ihm angemessene Wohnstatt, als wären alle Menschen von Natur aus dazu berechtigt, in nicht geringerem Luxus zu leben, inmitten von Parkett und Intarsien, Foyertischen mit Marmorplatten und vergoldeten Bilderrahmen, mit einer jungen Ehefrau, deren blondes Haar aufblitzte und deren in Chiffon gehüllte Brüste schimmerten, wenn sie sich im nächsten Moment am Fenster zeigte, um ihn hereinzurufen. Wie eine riesige, leicht gebogene Leinwand im Kino projizierte die Residenz die Vorstellung von häuslicher Glückseligkeit. Was bin ich doch für ein Ungeheuer, dachte er, dreichundsechzig und noch immer begehrlich, in meinen Gedanken noch immer König. Europa, nicht Amerika, dachte er weiter, ist das Land der Träume, der Märchenschlösser und rückwärts gehenden Uhren. Hitler hatte die Prinzessin geküsst, und alle ihre bösen Träume waren wahr geworden. Andererseits - hat es nicht viele Holocausts gegeben? Man hatte Bech das Fenster des Hradcany, der Prager Burg, gezeigt, wo der Fenstersturz von Prag stattgefunden hatte; obwohl die hinausgestürzten Sendboten unversehrt auf einem Misthaufen gelandet waren, hatte der Vorfall doch den Dreissigjährigen Krieg ausgelöst, der Mitteleuropa Tod und Verwüstung brachte. Bech hatte die Statue Jan Zikas gesehen, des einäugigen Hussiten-Generals, der frommen Glaubens fünf Jahre lang die Streitkräfte des Papstes und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches abgeschlachtet hatte, und im barocken Sankt-Nikolaus-Dom die Statue, die einen mächtigen Papst zeigt, der graziös und glückselig lächelnd mit seinem Stab die Kehle eines spitzohrigen Ungläubigen zermalmt. Jahrhundertelang hatten Eroberung und Besitzergreifung ihre Palais und Kirchen auf den krummen, steil ansteigenden Strassen Prags angehäuft. Die Ansammlung blieb unbeschadet, obwohl die Nazis, bis zuletzt ihrer Säuberungsmission getreu, versucht hatten, alles in die Luft zu sprengen, als sie abzogen. Die Laubdecke über der Geschichte war an diesen feuchten Morgen, wenn Bech den ovalen Park für sich hatte, zutiefst friedlich. Die Toten und Misshandelten in ihrer unendlichen Zahl sind barmherzig still.


Das ist, für einen Amerikaner, doch respektabel und mit einigem Hintergrundwissen geschrieben.

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