Mittwoch, 25. Juni 2025

Uppsala 3

 


Ämne: Uppsala 3
Datum: den 15 januari  10:59


Lieber ...
Ich weiss eigentlich nicht, warum ich dir jetzt von Uppsala erzähle. Du wolltest es einmal hören, aber die Zeit ist wohl nun vorbei. Dann denke ich, dass ich es als eine Art Tagebuch schreiben kann und dass es Anna vielleicht einmal lesen wird, und es wird mich ihr nahe bringen, so wie auch für mich die sparsamen Briefe meiner Mutter nach ihrem Tode eine ganz andere Bedeutung bekamen. Ich habe sogar noch ein paar Briefe von meinem geliebten Grossvater, die mir meine Tante hier vor so einem Jahr schenkte. Ich weiss nicht, ob Du dir vorstellen kannst, wie es sich anfühlt, diese in der Hand zu halten und zu lesen, wie er über verschiedene Ereignisse dachte. Eigentlich ist ja diese Zeit vorbei, wo man einen handgeschriebenen Brief bekommt. Alles liegt am PC. Und es ist irgendwie schade.

Aber nun zurück nach Uppsala.
Die Deutschstudien legte ich ziemlich rasch hinter mich. Die Übersetzungsprüfung gelang mir beim ersten Versuch und das war ein wenig sensationell denn meisten musste man so 3 Jahre fleissig lernen um das höchste Zeugnis dafür zu erhalten. Unser Professor war ein richtiges Original. Irgendwie schien er nicht richtig in unser Zeitalter zu gehören. Er war gross und schmal und trug einen Stützkragen, über dem sein Kopf oft bedenklich hin und her wackelte. Er schien nicht richtig vertraut mit den irdischen Dingen. Wir wussten, dass er streng war und fürchteten ihn, aber sahen auch zu ihm auf.
Man sagte, Sprachgeschichte sei sein grosses Interesse und er gab uns schriftliche Prüfungen, die wir Mühe hatten, in 5 Stunden fertig zu kriegen. Damals lernte ich zu pauken. :-)
Dann kam der Augenblick, wo man ein Thema für seinen Aufsatz wählen musste. Für das höchste Zeugnis ist es wie eine Art kleine Abhandlung ein bisschen in Richtung Doktorarbeit. Viele wählten etwas sprachhistorisches, vielleicht weil sie glaubten, ihm damit einen Gefallen zu tun und es leichter zu schaffen. Ich wählte etwas ganz anderes: "Der Bergmann von Falun in deutscher Literatur". Ich hatte nie davon gehört. Es ging auf eine wahre Begebenheit zurück. Ein Bergmann war in der Grube in Falun verunglückt. 50 Jahre später fand man den Körper eines jungen Mannes in der Grube. Niemand wusste, wer es sein könnte. Erst als man eine alte 75-jährige Frau herbeigeholt hatte, wurde er identifiziert. Sie war seine Braut gewesen und er war kurz vor der Hochzeit verunglückt. Nun sah sie ihn wieder, ganz unverändert. Der Körper hatte in Kupfervitriolwasser gelegen und sah ganz wie damals aus.

Dieses Ereignis, das man in der schwedischen Literatur kaum wiederfindet, hat anscheinend in Deutschland Anklang gefunden * und mehrere grosse Schriftsteller wie z.B. Hugo von Hofmannsthal und Hebbel schrieben darüber. So sehr wie damals habe ich mich nie mehr in ein Thema vertieft. Ich fand ausserdem Literatur über das Thema, die mein Professor noch nicht kannte, und ich musste sie ihm bringen, um zu beweisen, dass sie wirklich existierte. Auch eine kleine deutsche Doktorarbeit über das Thema gab es. Man gab schliesslich seine Arbeit ab und musste später darüber vor den anderen Studenten sprechen, wobei sie Fragen stellen konnten. Professor H war sehr zufrieden und bat mich, ich solle doch weiterstudieren in Germanistik. Und vielleicht hätte ich es dann später getan, wenn nicht das kleine Formular von K gewesen wäre. :-)
Aber zuerst lockte mich das Französischstudium. Sicher bin ich ein wenig ungerecht, aber damals hatte ich das Gefühl, eine verstaubte alte Literatur hinter mir zu lassen, um mich nun in die philosophische Welt der französischen Schriftsteller zu begeben. Schon die Sprache lockte mich.
*
Du gehst nun gleich nach Hause, glaube ich.. vielleicht kriegst du das Mail, bevor du gehst, und so sende ich es nun ab.
 
Ich schreibe ein anderes Mal weiter.
GK
Marlena


*  http://www.humboldtgesellschaft.de/druck.php?name=falun




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