Mittwoch, 16. August 2017

Re: ...



Date: Wed, 23 Aug 10:26

Liebe Marlena
Ja, meine Liebe, das Krebsessen sieht wirklich sehr gemütlich und lustig aus. Wenn man mal von den "armen Krebsen" absieht, wie du sie im Zusammenhang mit deinem Zodiak genannt hattest. Aber sie haben ja bis zum Mittwoch 17h vor dem 2. Donnerstag im August eine Gnadenfrist. Ich kann mir das gut vorstellen. Und auch die Tatsache, dass diese Schalentiere ziemlich diffizile technische Prozeduren verlangen und viel Zeit, bevor man ihr Fleisch essen kann. Das gibt natürlich jede Menge Gelegenheit, zu reden, zu spassen, oder - wie ich mir vorstelle - noch einen Schluck Aqvavit zu nehmen. Ach, wenn ich mir die Fotos anschaue, habe ich das Gefühl, ich sei bei Euch eingeladen. Und die Lampions erinnern mich an unseren 1. August, unseren Nationalfeiertag, an welchem die Menschen hier auch ihre Lampions aufhängen und bis in die Nacht hinein zusammensitzen. Vor allem für die Kinder ist es natürlich ein grosses Ereignis.
Sieht man Dich auch irgendwo auf den Fotos, Marlena? Ihr Schweden seht uns Schweizern ja so ähnlich, dass man glauben könnte, man sei im Luzernerland.

Dein letztes Mail hat mir sehr gut gefallen, meine Liebste. Ich meine dasjenige vor den Fotos. Es gab mir den Eindruck, dass Du einfach losgeschrieben hast, und sicherlich zu Beginn noch nicht wusstest, was Du schreiben wirst. Das liest sich dann so geschmeidig und organisch und harmonisch, dass ich Freude daran habe. Ach Marlena, dass Du eine konsequente Erziehung gehabt haben musst, das habe ich schon irgendwie bemerkt. Und dass Du lange, und vielleicht heute noch gelegentlich dagegen in Opposition gelebt hast, das hast du auch schon erwähnt. Ich denke dabei an Deine Hochzeit. Aber weißt Du, ich glaube, das haben wir alle mehr oder weniger erlebt. Die Schule und die Familien zu unserer Zeit haben die Kinder immer noch sehr konsequent zu den alten Idealen der Industriegesellschaft hin konditioniert: Fleiss, Exaktheit, Pünktlichkeit, Ordnung, Sparsamkeit. Max Weber, der grosse deutsche Soziologe, hat das alles als das Ethos der "protestantischen Ethik" zusammengefasst, und darin den Grund der wirtschaftlichen Prosperität Europas gesehen.
Ich habe auch opponiert. Und noch heute mag ich im Grunde die Oberflächlichkeit und die Wechselhaftigkeit nicht. Auch ich hänge am alten Ideal der stabilen Persönlichkeit, die durch alle Wechselfälle des Lebens sich selbst treu bleibt. Aber es ist kein besonders modernes Ideal mehr.
Meine Hochzeit in Teheran (habe ich Dir schon darüber erzählt??) war auch irgendwie Opposition. Bei mir war das Lustige dabei, dass meine Eltern mich eigentlich machen liessen. Das ist vielleicht noch schlimmer als sehr strenge und konsequente Eltern, Eltern nämlich, die dich einfach opponieren lassen. Du willst Opposition machen, aber keiner ist da, der Dir irgend etwas entgegenhält. Du merkst einfach keinen Widerstand. Wenn du schlägst, schlägst du ins Leere. Ich habe einen guten Freund, der Sohn des Staatsrates von Raron, er hat dann ebenso wie ich im Ausland, weit weg von seinen Eltern, in Südamerika geheiratet. Er hat mir mal erzählt, dass er sich in mir in dieser Sache sehr verwandt fühlt. Ich erinnere mich, dass ich an meiner Hochzeit nicht mal eine eigene Kravatte hatte. Ich habe mir eine vom Schwiegervater borgen müssen. Heute kann ich ahnen, dass das alles für S's Familie nicht so einfach gewesen sein muss. Damals hatte ich von allem keine Ahnung. Es war die Zeit der 68er, der Studentenunruhen, und man wollte alles sehr informell und ohne Zwang. Aber die Perser sind einerseits sehr traditionell und hängen an ihren Formen, und auf der anderen Seite sind sie dann wieder recht unkonventionell. Und wenn ich mir das heute überlege, so denke ich, es ist nicht einmal ein Widerspruch. Wer die Sicherheit der Konventionen und der Formen spürt und in sich hat, der kann eben locker auch mal davon abweichen. Die Konvention hat eine objektive Kraft und Stärke in sich, man muss sich als Individuum nicht noch verantwortlich fühlen für sie. Sie lebt auch unabhängig von mir weiter. So kann ich mich daneben benehmen, weil ich weiss, dass ich auch jederzeit wieder zur Konvention zurückkehren kann. So ungefähr könnte man das doch anschauen.

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