Dienstag, 8. August 2017
Europa ja oder nein
Subject: Europa ja oder nein ?
16. 8
Liebste Marlena
Ach ich weiss schon ungefähr, wie es Dir geht. Nach den langen Ferien braucht man Zeit, bis man wieder so organisiert ist wie vor den Ferien, und bis man wieder diesen eher speditiven Stil hat, den es einfach braucht, um den Kopf über Wasser zu behalten. Und auch einige Klassen werden wohl neu sein, und brauchen dann etwas mehr Aufmerksamkeit und Betreuung, bis wirklich alles rund läuft und auch der Hinterste weiss, wie er sich zu geben hat.
Es sind die Verhältnisse, die mich ein bisschen von Europa weglocken. Ich glaube nicht, dass Europa gefährlich ist. Du hast ja vor den Ferien eher den Iran als gefährlich tituliert. Ich bin auch eigentlich sehr gerne in Europa (oder müsste ich sagen, in der Schweiz). S findet immer, die Schweizer seien echte Chauvinisten und würden sich in anderen Ländern ziemlich umständlich anstellen. Eigentlich könnten sie wirklich nur in der Schweiz leben und seien erst glücklich, wenn sie nach einem Auslandaufenthalt wieder die Schweizer Grenze überschritten hätten.
Nein, ich bin auch ein wenig stolz auf unser Europa. Wir haben wirklich weltweit einmalige politische Verhältnisse und eine kulturelle Vielfalt, die es sonst nirgendwo gibt. Auf jeden Fall nicht kombiniert mit diesem Wohlstand. Das ist m.E. die Qualität, die wir den Amerikanern weit voraus haben. Wir schätzen doch die einzelnen nationalen Charaktere mit ihren Eigenheiten, ihren Landschaften, ihren Lebensarten. Es ist doch beispielsweise wunderbar, von Dir über schwedische Feste und Bräuche zu hören, die wir hier in der Mitte Europas gar nicht kennen. Ihr Schweden seid anders als wir, aber doch wieder nicht so anders, dass ihr uns völlig fremd sein würdet. Und mit den Spaniern, Griechen oder Oesterreichern ist es ähnlich. Die Amerikaner essen einfach auf ihrem gesamten Kontinent dieselben Hamburger und ähnliche Junk-Food.
Mit anderen Worten, ich würde ziemlich viel Heimweh haben nach Europa, wenn ich weggehen würde. Und gerade wenn man älter wird, dann hat man wohl so seine Gewohnheiten und Eigenarten, die man nicht gerne aufgibt.
Es ist lustig, wie du auf den Gedanken reagiert hast, ich könnte nach Persien auswandern. Du hast ebenso reagiert, wie ich damals fühlte, als du von Brasilien erzählt hast, und wie es dort Möglichkeiten gäbe, mit der schwedischen Rente auszukommen in einem wunderbar milden Klima. Ich hatte mir damals gedacht: nein Marlena, kannst du doch nicht tun, und mich hier in Europa zurücklassen! Brasilien ist ja unendlich weit weg! Aber internetmässig ist das falsch gedacht. Im Internet ist jeder Punkt auf der Welt gleich weit vom anderen entfernt. Es spielt keine Rolle, ob ich mit einer Person auf dem Nordpol oder einer im Nachbardorf maile. Es ist im Grunde absolut dasselbe. Und als ihr nach Sorrent in die Ferien geflogen seid, hatte ich das Gefühl, ihr geht weg, während ihr in Wirklichkeit in die Nähe kamt. Unsere Vorstellungen sind den Internet-Verhältnissen noch nicht wirklich adaptiert.
Nein, ich hatte im Iran wirklich keine Möglichkeit, an einen PC heranzukommen. Einmal waren wir bei einem Verwandten zu Besuch, der als Biologe in der Forschung arbeitet. Er hat sich auf Pilzkrankheiten bei Reis spezialisiert. Vielleicht weißt du, dass im Iran auch Reis angebaut wird. Nicht soviel, dass sich das Land selbst damit ernähren könnte. Das nicht. Aber es gibt im Norden Persiens doch grosse Flächen mit Reisanbau. Und auch in der Nähe Isfahans habe ich - erstaunlicherweise - Reisfelder gesehen, obwohl es dort unten recht trocken ist. Der Sohn dieses Verwandten hat sich sehr mit Computern beschäftigt und auch damit gehandelt. Und er wollte uns zeigen, wie leicht man in Iran ins Internet gehen kann. Doch als er es versuchte, ist er nicht wirklich hineingekommen. Und wäre er noch hineingekommen, ich hätte nicht gewagt, mein Inbox zu öffnen, um all den Umstehenden zu zeigen, wie viele Marlenas es denn auf der Welt gibt. Einmal habe ich in der Zeitung eine Annonce eines Internet-Cafès gesehen und ausgeschnitten. Aber es gab dann doch nie eine Gelegenheit, dort vorbeizugehen. Weißt du Marlena, Teheran ist sehr gross. Wenn man irgendwo hin will, muss man sich eines dieser Taxis rufen, die immer möglichst viele Leute mitnehmen. Das heisst, man muss sich in der Stadt recht gut auskennen, und man muss sich mit dem Taxichauffeur verständigen können, wohin man will und wieviel er dafür verlangt. Nun ja, für einen guten Preis würde er dich auch an einen bestimmten Ort bringen. Aber man muss es ihm deutlich und klar sagen können. Und dazu war ich nun mal nicht in der Lage. Und ich wollte auch nicht gerade, dass S daneben steht, wenn ich mich an mein Mail-Box heranschleiche. So habe ich mich ganz und gar auf meine Gedanken und meine Fantasien konzentriert und allein in diesem Medium mit dir kommuniziert. Hast du das denn nicht gemerkt? Hat es dich nicht gelegentlich an der Nase gekitzelt? Wirklich nicht? Doch jetzt sind wir wieder on-line und in Kontakt. Das ist schön.
*
Ich hoffe, die Zeit wird kommen, da du wieder ein bisschen mehr Zeit haben wirst. Lass dich nicht schon anfangs Schuljahr ins Boxhorn jagen und in den Zeitdruck treiben, liebe Marlena. Deshalb will ich nicht drängen. Wir nehmen es gelassen, denn wir werden doch, langsam aber sicher, immer weiser und weiser. So hoffe ich wenigstens.
Ich küsse Dich, meine Liebe
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