Dienstag, 22. August 2017

Ja, ...







 

Date: Tue, 29 Aug  11:12

Liebe Marlena,

 
ja, die Gedichte sind schön, und du zupfst bei Rilke immer die innigsten heraus, um sie mir zu zitieren. Ich habe dasjenige, welches du noch entfernt in Erinnerung hast, auch schon gelesen. Im Moment finde ich es auch nicht, mit seiner Stelle der fallenden Blätter, wie von weit. In seiner etwas melancholischen Stimmung hat Rilke natürlich schöne Herbstgedichte und Abschiedsgedichte und schmachtende Liebesgedichte gemacht. Lass mich Dir ein zweites zitieren. Du weißt, dass man sie laut lesen müsste, mit ihren Ajambements, oder wie hiess das gleich?

Jetzt reifen schon die Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schliessen kann,
gewiss, dass eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten: -
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stösst kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

 
Besonders die erste Passage gefällt mir gut. Kennst Du die Berberitzen. Das sind stachelige Büsche, die im Herbst rote Beeren machen. Als wir früher mit der Familie auf Wanderungen in den Walliser Bergen waren, haben wir Kinder, um den grossen Durst zu stillen versuchen, diese Beeren gekaut und zerbissen. Sie sind sehr sauer, ungefähr wie Zitrone. Dieser Geschmack erinnert mich noch heute an die Herbstatmosphäre im Wallis. Und überigens habe ich dann später festgestellt, dass die Perser sehr viel Berberitzen haben. Sie brauchen sie für ihren Berberitze-Reis, den sie am liebsten mit Fisch essen. Ich glaube, es ist eine Neujahrsmahlzeit, Berberitzen-Reis und Fisch aus dem Kaspischen Meer.


Ja, ich glaube auch, dass Du Dir das Wallis mal anschauen solltest. Und Du könntest daraus gut und gerne eine Bildungsreise machen. Letzten Winter, als wir wieder in Sierre in den Ferien waren, ging ich an einem sonnigen, warmen Tag zum Schloss Muzot. Es war ruhig, und der Garten knisterte geradezu in der mittäglichen Wärme. Ich glaube, im Schloss ist heute ein kleines Museum. Aber ich habs noch nie gesehen, und ich bin auch nicht ganz sicher. Aber ich glaube, in Raron gibt es ein Museum. Und das Grab ist bestimmt noch dort, und die wunderbare Aussicht hinunter auf den Pfinwald, die Rilke offenbar sehr beeindruckt hatte. Früher muss das Wallis ja noch viel wilder gewirkt haben, damals, als die Talebene noch nicht sosehr überbaut war.
Ich glaube, es gibt auch eine Rilke Gesellschaft, die sein Andenken pflegt. Und Peter von Roten, von dem ich Dir erzählt hatte, er war auch in dieser Gesellschaft.
Und wenn Du dann alles gesehen hast, dann wirst Du noch ins Lötschental fahren und eine Raclette geniessen. Folglich musst du die ganze Reise im Herbst machen. Ich finde den Herbst am schönsten, aber da bin ich natürlich ein wenig subjektiv.


*


Gestern war ...




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