Donnerstag, 14. November 2024

Luft, Hilfe Luft!

 Subject: Luft, Hilfe Luft!

 Liebe Marlena

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Ich weiss nicht, ob es so geschickt ist, meine Gedanken über die kochenden Männer Deinem Mann zu zeigen. Sie sind ironisch und er könnte beleidigt sein. Du willst doch nicht die schwedischen Männer gegen mich aufhetzen, Marlena? Sie werden mich hassen, weil ich so ironisch wenn nicht sarkastisch über uns Männer spreche! Sie werden einen Kreuzzug planen und diese kläffenden Schweizer zum Schweigen bringen! Sei also vorsichtig und überlegt, meine Marlena. Noch wenn du zuhause behauptest, du führest mit einem Schweizer von der Spitze der Alpen fachliche Gespräche über die Schule, über die Schule allgemein und über die Schule im speziellen. Es wird den Schwedischen Männern wie Schuppen von den Augen fallen, wenn sie merken, welches unsere wirklichen „Fachgespräche" sind. Sie werden den Geheimdienst auf uns hetzen! Sie werden nach Zensur schreien! Sie werden die Telefonrechnung kontrollieren! Ich weiss wirklich nicht, ob das so weise ist, Marlena? 

Du kannst es so erzählen, als ob es von Dir wäre. Mach es zu deinen eigenen Gedanken und erzähle es mit eigenen Worten. Dann ist alles im Butter. Ich möchte nicht, dass Dein Mann misstrauisch oder eifersüchtig wird gegen mich. Und das ist schnell passiert! Ist das klaro, meine Liebe? Wie in aller Welt willst Du kochende Männer mit dem europäischen Schulsystem in Zusammenhang bringen? Ist doch ein Trapezakt sondergleichen!

Du erwähnst, in meinen Gedanken sei „esprit", und das war für mich ein grosses Kompliment. Esprit ist ein französisches Luxusprodukt, so gut wie Champagner oder Trüffeln. So was gibt es gar nicht in Deutsch. Geist, das erinnert an Hegel und den deutschen Idealismus. Aber esprit ist was sehr Elegantes, Feines, Spitzes vielleicht auch, ein Zeichen von Lebenskunst und von Lebenskompetenz. Ich hoffe, dass ich etwas davon habe. Ich hoffe es doch sehr! Ich flehe täglich darum! Esprit ist die Qualität französischer Intellektueller. Und die gibt es eben leider in der deutschsprachigen Kultur in diesem Sinne auch nicht. Manchmal wünsche ich, ich wäre mit einer französischen Zunge, oder doch mindestens mit einem französischen Geist geboren. Die germanische Kultur ist etwas schwerfälliger, auch etwas plumper gelegentlich.
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Wie Männer kochen

(R)

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Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, das ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!

Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz.

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