Samstag, 23. November 2024

Fauler Fernsehabend


date 31 October 
subject Re: So...

Liebe Malou
Ich glaube, ich habe einen kleinen Moment Zeit für ein paar Zeilen. Wir haben hier nochmals Glück, ähnlich wie letztes Wochenende. Der Himmel hat gestern aufgehellt und heute ist es recht sonnig. Der Kastanienbaum gegenüber auf dem Platz ist gelb bis rostrot. Das weckt einen Schwarm von sinnlichen Erinnerungen, Brückenerinnerungen sozusagen. Man hat immer noch die Wärme des Sommers im Blut, wittert aber schon von ferne einen kalten, schneereichen Winter. Als Frischlinge erlebten wir diese Momente stärker als heute, da wir als Spätlinge tagelang hinter verschlossenen Fenstern in klimatisierten Räumen warmen Kaffee trinken.

Ich bin noch ziemlich stark unter dem Eindruck eines faulen Fernsehabends gestern. Zuerst war ich an einen Film über Amerika und Haloween geraten, der aber schliesslich jene Zeit um 68 wieder aufleben liess, da Bob Kennedy im Wahlkampf ermordet worden war. Ich hatte mich damals wirklich stark mit diesem Kennedy identifiziert, und die Walliser waren natürlich ganz und gar auf der Seite des katholischen Clans. Im Wesentlichen hat der Film auch hier behauptet, wie doch schon beim Mord an JF. Kennedy, der palästinensische Mörder Shirhan sei nicht wirklich der Täter und die Polizei hätte nachträglich alle Indizien und Spuren verschwinden lassen. Aber dieser Teil der Geschichte interessierte mich weniger. Ich denke, das sei ein Problem der Amis, und nicht das unsere.
Ich glaube, die Kennedys haben echt gut mit den Medien gespielt. Die Fotos die kursieren, sind dazu angetan, die Liebe der Oeffentlichkeit zu entflammen. Und wenn man denkt, das J.F. Kennedy eigentlich ein sehr kranker Mann war, der ständig Medikamente benötigte, und wenn man dabei sieht, wie viril und munter er auf den Pressefotos zur Darstellung kommt, dann muss man da doch eine grosse Kluft feststellen. Na ja, wiederum, das ist das Problem der Amis. Sie sollen endlich ihre Hausaufgaben machen! 
Vielleicht könnte ich aus all dem behaupten, sie hätten auch mich erwischt mit ihren Fotos und Fernsehbildern. Ich bin ihnen auch nachgelaufen, diesem Mythos der Kennedys und des amerikanischen Traums. Ich hatte da hinein auch meine Hoffnungen gesteckt. Ich kann mich noch sehr gut an jenen Schultag nach dem Tode J.F. Kennedys erinnern. Wir Schüler waren alle empört, dass die Lehrer zu den Lektionen und zum courant normale übergingen, während wir doch diskutieren und vielleicht irgendwie trauern oder aber die Welt verfluchen wollten.

Und um 23h dann sah ich noch meinen Truffaut Film. Das war meine eigentlich Absicht des Abends, obwohl er doch schon sehr spät im Programm platziert war. Er hat mir gut gefallen, obwohl ich schon müde war, und obwohl er zur Zeit des 2. Weltkrieges gespielt hatte. Er heisst „Die letzte Metro" oder ähnlich. Und die Deneuve war schön wie immer. Depardieu hatte noch nicht seine Figurprobleme. Der Film spielt in einem Theater. Deneuve hat die Leitung des Theaters übernommen, weil ihr Mann, ein Jude, verschwinden musste. Aber in der Tat hauste er im Keller und konnte durch ein altes Röhrensystem an den Proben und Vorstellungen oben auf der Bühne teilhaben und abends seiner Frau die Anweisungen geben. Das ist doch insgesamt eine gelungenes Szenario für eine gute Geschichte, nicht wahr? Und über dem Ganzen schwebte dieser französische Hauch, den wir an unseren westlichen Nachbarn so sehr lieben.

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