Liebe Marlena
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Du darfst nicht sagen, dein Leben sei zeitweise nicht interessant. Das ist ein Vergehen gegen das Leben, meine Liebe. Also, ich weiss natürlich, wie du das meinst, und gelegentlich sage ich von mir dasselbe. Aber es ist im Grunde genommen sehr ungeschickt, sein eigenes Leben so anzuschauen. Man muss es sofort ändern. SOFORT! Ich finde, wir haben die Aufgabe, unser Leben schön und lebendig und attraktiv zu machen. Jeder tut das auf seine Weise. Der eine mag es sehr ruhig, der andere rennt ständig in der Gegend herum. Ich selbst mag eher die Ruhe, die stillen Abende bei der Lektüre unter dem Lichtkegel der Lampe. Meine Frauen zuhause reklamieren gelegentlich, weil ich abends stets zuhause sitze und nicht gerne mehr unterwegs bin. Ich glaube, dass meine interessanten Dinge vor allem in meinem Kopf abgehen.
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Ich glaube, das ist es, was das Leben voll macht. Vor allem müssen wir es selbst machen. Das Leben an sich ist noch gar nichts, ist bloss eine biologische Tatsache, monoton wie der Herzschlag, eingleisig wie der Gang der Ernährung, unspektakulär wie ein Hickauf, voller unangenehmer und langweiliger Pflichten, voller Sorgen und Unannehmlichkeiten. Man könnte gut und gerne darauf verzichten.
Also, meine liebe Marlena, der langen Rede kurzer Sinn: wenn man in einer solchen Familie aufgewachsen ist, wie du sie mir - allerdings nur sehr kurz und skizzenhaft, erzähl mir mehr davon, ich bitte dich - wie du sie schilderst, da KANN man kein zeitweise langweiliges Leben führen. Das ist ganz und gar unmöglich, oder anders gesagt VERBOTEN. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Das widerspricht doch der Langeweile um 180°. Es ist das pure Gegenteil. Es ist wie Wasser und Feuer, meine Liebe.
Ich muss aufpassen, ich werde zu pädagogisch, dh. lehrerhaft. Das ist immer schlecht, nicht wahr, meine sympathische Frau Studienrätin.
Ich behaupte also steif und fest, ob ein Leben interessant und aufregend und wundervoll und spannend und auch schmerzvoll vielleicht ist, das entscheidet sich in erster Linie im Kopf, und nicht sosehr im Leben selbst. Natürlich ist der Kopf auch ein Teil des Lebens, nicht ganz unabhängig davon. Er kann nicht völlig autonom entscheiden. Aber er kann entscheiden.
Ach meine liebe Marlena, was erzähle ich dir hier so lange und so kompliziert und so umständlich. Ich finde mein Leben gelegentlich totlangweilig, einfach öde und die Monotonie in Reinkultur, kurz und gut das ALLERLETZTE.
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Aber von Dir einen Brief zu erhalten, stellt alles auf den Kopf, das inspiriert mich, das beflügelt mich, das ist so ein kleiner Edelstein im Bodenpflaster des Lebens. Da bist du eben doch meine heimliche Geliebte und meine Muse! Du bist ein besonderer Mensch, sonst würde ich niemals mit dir korrespondieren. Du sprichst von einem Tag Paris. Ich bitte dich, es war von EINER Woche die Rede! Darunter gehe ich nicht, nie und nimmer. 7 Tage ist das Minimum für Paris, sonst beleidigen wir die gute alte Stadt. Und wenn ich dazu noch den Arm um deine Schulter legen darf (möglicherweise um eine Stütze zu erhalten, wie du sagst; das ist sehr samariterlich gedacht, für diese wohlwollende und unschuldige Fantasie geb ich dir einen speziellen diskreten Kuss - unter 4 Augen, versteht sich, nicht gleich auf der Champs Élysées), dann weiss ich nicht, ob auch 7 Tage genügen würden.
Ich muss noch etwas zum Bild von Visp sagen, das du beigelegt hast. Es ist ja fast ...
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