Freitag, 22. November 2024

Biographische Schriften Ungerers

Ämne: Verschneiter Montag Morgen ..


Liebe Malou
Ich war nicht ganz im Strumpf während des Wochenendes. Wir waren nur kurz nach Aarau gefahren, um Onkelchen zu besuchen. Er liegt dort im Spital, war bei seinen Nachbarn hingefallen und hat den Arm gebrochen. Er ist auch etwas durcheinander im Kopf, hat uns zwar erkannt, aber doch von seiner Elisabeth gesprochen, als ob sie noch leben würde. Am meisten hat er sich Sorgen gemacht, dass sie im Spital kein Closomat hätten. Das sind diese WCs, die dir den Hintern automatisch waschen. Seine Frau hatte damals in seiner Villa so ein Ding einbauen lassen, und jetzt scheint er davon abhängig zu sein. Aber er versteht sich gut mit dem Arzt, der ein dezidierter Typ aus dem Oberland ist. War mir auch auf Anhieb sympathisch und hat uns alle Umstände erklärt.

Und sonst habe ich viel geschlafen und geruht, ein oder zwei Tabletten geschluckt, damit ich nicht am Montag Morgen in einer veritablen Grippe aufwachen würde. So hatte ich auch Gelegenheit, die biographischen Schriften Ungerers zu Ende zu lesen. Das erste kleine Büchlein betraf seine Jugend im Elsass, wie ich schon erwähnt hatte, mit den Kriegsjahren und unter den Fittichen seiner gescheiten Mutter, die manch heikle Situation mit der Besatzung meistern konnte.
Dieses zweite Büchlein betraf seine 10 Jahre in New Scottland mit seiner Yvonne. Das liegt nicht ganz so weit im Norden wie Schweden nahe beim Ausfluss des St. Laurence-Stromes, scheint aber doch ziemlich wild und vom Wetter gepeitscht zu sein. Ungerer war, wie er erzählt, von einem Tag auf den andern aus NY abgehauen und hatte Zuflucht in der halben Wildnis in einem kleinen Fischerort gefunden. Er hat einen lakonischen Stil zu erzählen, ohne viel Sentimentalität. Und er hat Freude, die Leute ein bisschen zu schockieren. Er erzählt viel über die vielen Tiere, die sie dort in der Wildnis hatten und von denen sie schliesslich lebten. Minutiös erklärt er, wie man ein Schwein schlachtet. Und man glaubt ihm durchaus, dass das zu Beginn keine leichte Sache gewesen sein kann. Er scheint, seine weissen Gänse besonders geliebt zu haben. Sie hätten stechend scharfe, blaue Augen und sie nähmen alle im Kreis teil, wenn sich zwei Tiere paaren. In lauter Begleitung beobachten sie den Akt und klatschen - nach dem genau beobachteten Erfolg - zum Schluss begeistert mit den Flügeln. Ja, die guten Tiere lebten lebenslang in Monogamie, deshalb müsse man beim Schlachten darauf achten, dass man nicht ein Paar trenne. Er machte vieler solcher Beobachtungen und erzählt sie in kurzen, unverschnörkelten Abschnitten. Auch sein Schweizer Verleger Daniel Keel war bei ihm zu Besuch, um ein paar Fotos zu machen. Er sei ein paar Schritte rückwärts gegangen, um mit seiner Kamera einen besseren Ausschnitt zu erhalten, und so in die Wassertonne gefallen, die mit einer feinen Schneeschicht bedeckt, nicht zu sehen gewesen sei. Ja, ich glaube das macht seinen lakonischen Stil aus, dass er so unvermittelt, ohne Einleitung, ohne erklärende Umschweife kurz und bündig erzählt. Ungefähr so, wie ein Schüler der 5. Klasse die Dinge erzählt. Aber Ungerer hat daneben viele hübsche Vergleiche, die seine Schilderungen plastisch machen.

Und weil ich mal so im Lesen war, habe ich mir gleich noch ein zweites Büchlein vorgenommen, das ich schon seit längerer Zeit auf meiner Beige habe. Es sind auch Lebenserinnerungen von einem gewissen Herr Vollard. Kennst Du ihn? Ich werde Dir später davon erzählen.

Heute Morgen war es um 6.00h schon ziemlich hell draussen. Ein milchiges Licht drang durch die Fenster. Und so war ich nicht sehr erstaunt, heute morgen in den Schnee hinaus zu treten. Es liegen etwa 5cm, und es schneit jetzt - um 8.00h - immer noch. Aber der Schnee ist doch eher feucht und ich glaube, während des Tages wird es bestimmt noch zu regnen beginnen. Schade für die Kinder, die heute ihren ersten Ferientag haben und bestimmt am Schnee ihre grosse Freude hätten.

Jetzt gehe ich an die Arbeit. Du hast vielleicht recht, wenn Du sagst, die faulen Stunden seien vielleicht im Leben die wichtigeren als die fleissigen. Das mag schon sein, aber die faulen sind doch vielleicht nur eine Frucht der fleissigen, wenn man das so sagen kann. Das ist - das gebe ich gerne zu - bloss angelernt. Aber was denn ist auf dieser Welt nicht angelernt??

Ich wünsche Dir eine fleissige Woche
Mit lieben gees und kaas
...



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