Samstag, 18. August 2018
Noch 15 Minuten ...
Datum: den 23 augusti 16:29
Liebe Marlena
Jetzt habe ich noch 15 Minuten, dann muss ich weg. Wir haben heute abend
ein Büro-Picknick. Ich habe eine wunderschöne Stelle ausgekundschaftet,
von wo man hinunter nach Basel und ins Elsass sieht. Das Wetter scheint
auch einigermassen mitzumachen.
Mindestens regnet es nicht, und der Boden ist wieder trockener geworden.
Ich glaube, das wird ganz gut. Allerdings muss man vom Parkplatz noch 10
Minuten zu Fuss gehen. Das ist die einzige Hürde. Ich hoffe es wird gut.
Ich habe fast den ganzen Nachmittag Illustrationen gemacht für unsere
Ausstellung. Sie sind nicht schlecht gelungen. Ich glaube, ich war in
einem früheren Leben ein Zeichner ;--)). Ich schicke Dir ein Muster, wenn
es mir gelingt.
Ach ja, die Inkompatibilität, Zerrissenheit eines leidenschaftlichen
Epikuräers. Wenn man dogmatisch denkt, ist das vielleicht ein Widerspruch
in sich selbst. Doch, weshalb sollte man eine Leidenschft nicht geniessen
können. Hat er ja irgendwie gemacht. Im Grunde ist es vielleicht der
Widerspruch zwischen Unersättlichkeit und Mässigung. Das vielleicht ist
der grösste Kontrast in den beiden Vorstellungen. Aber ich glaube, mit ein
bisschen gutem Willen geht das auch zusammen. Man kann eine Frau
leidenschaftlich lieben und das alles auch noch geniessen. Natürlich denkt
Epikur, man kann die Lüste nur geniessen, wenn man sie auch moderiert und
einschränkt. Er war niemals ein ungezügelter Lebemensch, wie man es ihm
von den Gegnern vorgeworfen hat. Also, Marlena, was mich betrifft, so sehe
ich darin kein Problem. Ich geradezu von mir selbst sagen, ich sei ein
épicurien passionné. Oder so ähnlich.
7,5 Minuten sind schon um.
Ja, kann ich mir vorstellen, dass es in Deinem Haus etwas ruhig wird.
Obwohl Anna bestimmt nicht zu laut war. Ich erinnere mich, wie ich als
Junge es liebte, allein im Haus zu sein. Dann hörte ich laute Musik, am
liebsten Opernarien. Wir hatten nur eine oder zwei Platten, aber ich
spielte sie immer wieder und liess mich von dieser Musik bis zur
Zimmerdecke hieven. Auch heute tue ich das oft. Haute habe ich viel
Auswahl, und in unserem grossen Raum klingt das mächtig und mitreissend.
Und bei einem Glas oder zwei ist man dann völlig hin.
Ich habe eine lustige Erinnerung. Als ich noch in Olten gearbeitet habe,
war ich bekannt mit einem katholischen Priester. Er galt als
künstlerischer Typ, war ein Pionier in der Drogenarbeit gewesen, hatte
selbst mit der Gitarre auf der Bühne gestanden, um die Kinder und
Jugendlichen damals mitzureissen. Gleichzeitig wollte er sie von den
Drogen abhalten. Er war ein Mann der grossen Gesten. Wir sassen zusammen
in der Kantonalen Kommission für Drogenfragen, und er konnte ganze Stunden
reden und referieren und erzählen und gestikulieren, so das wir übrigen
die Zeit und die Arbeit völlig vergassen. Und lustig bei all dem war, dass
er mich oft vor der Sitzung rasch beiseite nahm und mir vorschlug, noch
ein Bier zu trinken. Später hörte ich, dass er viel zu viel getrunken
hatte.
Aber nicht das wollte ich erzählen. Als der Eishockey Club Olten einmal in
einer schwachen Phase war und einen Match nach dem anderen zu verlieren
schien, holte man eben diesen Kaplan F. Und was tat der gute Kerl. Er
bombardierte die Spieler vor dem Match mit Beethoven - Musik in äusserster
Lautstärke. Sie sollten nicht mehr miteinander plaudern oder reden können.
Nur die Pointe kann ich nicht erzählen. Denn ich weiss nicht, ob die
Oltener dann gewonnen haben oder nicht. Aber irgendwie wurde mir die
Geschichte als Win-Geschichte erzählt.
So, und nun wünsche ich Dir ein gutes Wochenende. Dann ist Dein Haus ja
auch wieder voll und Du kannst Dich von der Woche erholen.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Mit einem lieben Gruss
...
Das Mail ist von deiner Box nicht akzeptiert worden.
Ich versuche, die Zeichnung in den fotofolder zu legen.
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