Mittwoch, 15. August 2018
Sempé nochmals
Ämne: Sempé nochmals ?
Datum: den 22 augusti 15:10
Liebe Marlena
Offenbar möchtest Du mich an meiner nostalgischen
Achilles-Ferse kitzeln, nicht wahr. Diese Zeichnungen im
Französisch-Buch von Sempé sind es, die mich kitzeln. Au
bord de l'ocean, oder wie heisst der Titel schon wieder?
Man muss allerdings auch bedenken, dass die Tatsache,
etwas in einem Lehrbuch erscheinen zu lassen, dessen
Attraktivität schon erheblich mindert. Ich glaube, wir
hatten zuhause ein grosser Bildband voller Cartoons von
verschiedenen Autoren. Und dabei ist mir eben Sempé als
einer der sympathischsten hervorgestochen. Es gibt auch
einige gute Schweizer Zeichner, oder Deutsche, wie Rauch,
oder Oesterreicher, wie Makretsch oder ähnlich, der Namn
fällt mir nicht gleich ein. Er hat lange für DIE ZEIT
gearbeitet. Vielleicht, wenn ich eine Generation später
geboren worden wäre, oder in meinem nächsten Leben
der ewigen Wiederkehr Nietzsches werde ich so ein
Zeichner. Ich hatte immer eine grosse Bewunderung, eine
ganze Lebenssituation auf eine ironische Art in einer
kleinen Zeichnung zu kondensieren. Das ist eine Kust.
Es gibt ja dann auch die Serien, dh. die Comic
Geschichtlein und Geschichten. Das ist auch gut, und
gerade Sempe hat lustige Kurzgeschichten gezeichnet.
Aber im Grunde fand ich immer die Einzelzeichnung
ein Meisterstück. Alles muss auf dieser einen Seite in
diesem kleinen Raum gesagt werden. Das erfordert eine
gute Konzentration und eine geschickte Visualisierung
der Aussage. Ich habe die meisten dieser Zeichner als
vorbildliche Philosophen angeschaut.
Und das habe ich Dir doch sicherlich schon mal erzählt.
In meiner Lizentiatsarbeit an der Universität habe ich
im Exemplar für den Professor auf der ersten Seite eine
Zeichnung gemacht. Sie zeigt, wie der Psychologe ins
Casino geht. Das war eine Anspielung auf den Titel
meiner Arbeit "Spiel und Geschichten in der psycholo-
gischen Diagnostik". Der Professor hatte eine grosse
Freude, meinte, das Casino erinnere ihn an den Zwinger
in Dresden, wo er aufgewachsen war. Und jedesmal, wenn
ich mit meiner Arbeit wieder zur Besprechung kam,
erinnerte er sich dieser Zeichnung und damit auch meiner.
Er hatte damals hunderte von Studenten, mit denen er zu
tun hatte, und es war eine Kunst, sich bei ihm ins
Gedächtnis einzunisten. Allerdings hatte er, nachdem ich
meine Arbeit bereits publiziert hatte, nochmals bei mir
zuhause angerufen und gefragt, ob ich die Zeichnung in
der ganzen Auflage habe drucken lassen. Er war beruhigt,
als ich ihm versicherte, dass ich dies nur für ihn gemacht
hatte. Offenbar machte er sich Sorgen, dass eine solche
Arbeit mit einer komischen Zeichnung nicht mehr allzu
wissenschaftlich erscheinen könnte. Ich weiss nicht,
weshalb sonst er sich Gedanken machen sollte.
*
Heute habe ich mein weekly bei W. Letztes mal war es
nach dem langen Tag und der Beerdigung doch nicht mehr
möglich. Ich hatte es, ehrlich gesagt, abends vergessen.
Aber wir beide sind hier sehr locker und machen uns
nichts aus solchen Ausfällen. Einzige Regel ist, dass die
Regel des Ortswechsels strikte aufrechtgehalten wird.
Wenn ich letztes mal nicht konnte, und die Sitzung bei
ihm stattgefunden hätte, dann findet die heutige Sitzung
sozusagen als Nachholen der letzten bei ihm statt.
Manchmal bin ich etwas faul abends und fände es gut,
wenn er zu mir käme. Aber da sind wir eisern.
Und das ist auch gerecht so: einmal dort, einmal hier.
Ich bin auch gespannt zu sehen und zu hören, wie sie
dort leben ohne den Hund. Vielleicht gibt es immer noch
eine Lücke in der Luft, eine leere Stelle sozusagen? Man
könnte sie dann mit flüssigem Gyps auffüllen....
*
Und nun muss ich an die Arbeit. Ich habe noch einiges
Administratives, und zudem sollte ich längst einige
Zeichnungen machen für unsere Ausstellung, die bald
stattfinden wird. Alle warten auf diese Illustrationen, und
ich ziere mich und halte sie hin. Das hängt wohl auch damit
zusammen, dass ich es geniesse, mit diesen Fantasien und
Vorstellungen in der Fantasie zu spielen, und nicht gleich
anzufangen. Das ist ja fast so wie bei Stendhal fällt mir auf ...
Mit einem lieben Gruss
...
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