Dienstag, 16. Oktober 2012
Bereuen?
Ämne: hopp Pferdchen hopp
Datum: den 25 november 2002 20:29
Liebe Marlena
Ach, wer hat gesagt, Du schreibst wenig. Du schreibst wunderbar. Und wie Du
die Dinge aufrollst, ist manchmal wunderbar.
Von Peter hast Du mir devinitiv erzählt, aber nicht in der netten Art wie
hier, und nicht in dieser verspielten Erzählweise. Vielleicht war es damals
zu früh, als Du von diesem Zwischenstop in Wien erzählt hast. Vielleicht
sind die Ereignisse und Erlebnisse erst in der Zwischenzeit quer durch Deine
Seele geschwommen. Und jetzt sind sie tropfnass von Dir und unverwechselbar
wieder an unser Ufer geschwemmt worden?
Hast Du die Wahlen in Oesterreich verfolgt. Offenbar war das sehr spannend,
und alle haben gefiebert, vor allem die Sozialdemokraten. Ich finde diesen
Schüssel, den ehemaligen Bundespräsidenten ziemlich intelligent. Ich habe
irgendwo gelesen, dass er auch Kinderbücher zeichnet und schreibt. Das hat
ihn mir bis zur Waldgrenze hinauf gehoben. Zu Anfang fand ich ihn etwas
unserös, zusammen mit den Freiheitlichen, Haider und Konsorten, und mit
diesem Mascherl am Hals. Doch mittlerweile hat er das Mascherl abgelegt und
ein ausgewachsenen Schlips umgebunden. Am meisten mag ich seine
Aussenministerin. Sie hat viel Charme, auch wenn sie von ihr sagen, sie
hätte nicht allzu starke Wirkungen in ihrer Arbeit. Aber damals, als
Oesterreich wegen ihrer Koalitionsregierung in Europa isoliert war, da hat
sie wohl viel Terrain gut gemacht. Die Europäer waren wirklich hart mit den
kleinen Europäern. Eigentlich sollten sie heute Berlusconi zum Teufel
schicken, wenn sie dieselben Masstäbe anlegen würden.
*
Die Eskapaden N's sind so ähnlich wie die Canterbury Tales: Verrückte
Geschichten aus alter Zeit, die man nicht so genau nachprüfen kann. Aber ich
muss Dir, im Vertrauen, erzählen, dass er einen Mutter-Komplex hat. Mit
anderen Worten, der ist nicht ein Muttersöhnchen, sondern hat das Gefühl,
seine Mutter hätte ihn irgendwie gehasst und niedergedrückt, während sie
seine Brüder unterstützt und belohnt habe. Und was ergibt sich daraus? Na
ja, er war sicherlich früher ein unbewusster Frauenhasser. Wenn wirkliche
Liebe im Anzug war, dann hat er sich davongemacht. Er hat, soweit er das
erzählt, bloss Sex gesucht. Und er hat, soweit ich das beurteilen kann, noch
heute ein eher rustikales Verhältnis zu den Frauen. Und wenn Du meinst, wir
Träumer und Romantiker seien in dieser Hinsicht besser gefahren, so bin ich
nicht völlig abgeneigt, dem zuzustimmen. Na ja, wir haben auch unsere Dinge
getrieben. Und es gab sicherlich eine Zeit, wo wir ziemlich spielerisch und
unternehmerisch die Mädchen angegangen sind. Aber das hat sich ja dann alles
gelegt. Heute stehen wir am Spühltrog und trocknen die Untertassen. Und
abends löschen wir das Licht in der Stube, bevor wir in die Pfanne tauchen.
Ach, wie die Zeiten dahingehen.
Manchmal habe ich auch den Eindruck, ich hätte einiges mehr vom Leben
erhalten können, wenn ich mich weiter hinausgewagt hätte. Ich war lange Zeit
sehr brav, sehr ordentlich, sehr fleissig, sehr darauf bedacht, der Familie
keinen schlechten Ruf einzubringen. Nun ja, im Wallis sind die Verhältnisse
eng. Und wenn du, nach einer halben Flasche Fendant, einem stockbesoffenen
Typen aus dem Unterdorf die Schande gesagt und alles Böse gewünscht hast,
dann wusste dies nächstentags jeder in einer Umgebung von 50 km. Es gab da
wirklich kein Entrinnen. Und ich hatte immer den Eindruck, die Frage, welche
Freundin man wählt, sei besonders delikat, weil Du ja mit hoher
Wahrscheinlichkeit in einer Reihe stehen wirst, in der man Dich messen
wird. Mit wem ist sie vorher gegangen, mit wem geht sie jetzt und mit wem
geht sie später. Und wie steht es mit ihm. Es ist sozusagen wie bei der
Pferdewette. Und wenn man den Coupon zerrissen hat, dann sollte man es dabei
belassen. ...
Ich hätte immer gerne auf Pferde gesetzt. Aber in der Schweiz gibt es dafür
nur wenig Gelegenheiten. Und man kann die ganze Sache nicht im Fernsehen
verfolgen, wie beispielsweise in Frankreich. So wette ich neuerdings bloss
auf Firmen. Die ABB hat gut zugelegt seit meinem Geburtstag! Man könnte
denken, sie tue es für mich. Dagegen ist das andere kleine Bündel heute um
30% abgesackt. Du siehst, ich stehe praktisch permanent an der Rennstrecke
und verfolge meine Traktoren. Und ich rudere mich mühsam vorwärts.
Ich wüsste nicht mal, was ich im Leben am meisten bereue. Ich glaube, es ist
dies, dass ich meine Begabungen nicht mehr entwickelt und genutzt habe. Ich
habe soviel gelesen, soviel gezeichnet und gemalt. Ich habe philosophiert
und habe diskutiert. Aber es war immer nur für mich selbst. Heute würde man
sowas besser amortisieren. Ich war vielleicht ein bisschen zaghaft, nicht
mutig genug, bin den Abenteuern des Alltages geflissentlich ausgewichen, um
den geraden und rechten und mehr oder weniger langweiligen bürgerlichen Weg
zu nehmen. Na ja, wenn ich zurück denke an meine Oltner Zeit, so habe ich
zwar nicht den Eindruck, dass es ganz so war. Damals lebte ich gewiss im
Gefühl, einen sehr jugendlichen, abwechslungsreichen, modernen und manchmal
sogar abenteuerlichen Beruf zu haben. Erst seit ich hier beim Staat
angestellt bin, fühle ich mich so gut wie zubetoniert.
Ach, welche Art von Klagen sind das. Lass uns die Zeit geniessen. Wir sind
im besten Alter. Wir schauen von halber Höhe auf das Leben hinunter und auf
die Jungen, um zu sehen, wie sie toben und sich wenden, wie sie ihren Charme
leben, und wie sie in die Nesseln treten. Es ist nicht so schlecht, von
dieser einigermassen sicheren Warte zuzuschauen. Wir sollten wirklich nicht
klagen.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit einem allerliebsten Kuss
...
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