Liebe Marlena
...
Kehren wir zu unseren wundervollen, knarrenden Pritschen zurück. Du
fragst dich immer wieder, liebe Marlena, ob es mich wirklich gibt. Es
gibt mich nicht wirklich, sondern nur virtuell. Ich bin für dich ein
Wesen dieser neuen Cyber-Kultur. Ich komme nicht aus der alten
Raum-Zeit-Kultur, Raum und Zeit als PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Damals,
in unseren alten Zeiten, hatte jedes Individuum und jedes Ding einen
eindeutigen Koordinatenpunkt in der 4 dimensionalen Raumzeit. Etwas
konnte nicht gleichzeitig sein und nicht sein, oder konnte nicht etwas
sein und gleichzeitig etwas anderes sein. Heute ist das anders. Du hast
es ja immer geahnt: ich bin hier in Basel, aber abends bin ich für
einige Zeit in Stockholm, und gelegentlich surfe ich im Net, und dabei
bin ich X und H (dieser widerliche Kerl) und wer weiss, vielleicht noch
ein paar andere unapetietliche Typen? Das ist virtual-life. Es ist wie
in den Nachthimmel schauen. Du siehst die Sterne, aber du kannst nicht
sicher sein, dass es die Sterne gibt. Vielleicht erreicht dich bloss ein
letzter Lichtstrahl und morgen ist es aus. Man kann wirklich nichts
mehr genau wissen. Und es könnte immer auch anders sein.
Wir armen Seelen hängen ja so an der Wirklichkeit, ohne zu wissen, ob es
sie auch gibt oder ob das nicht alles vielmehr Hirngespinste sind.
Ich glaube, es ist das soziale Leben, das soziale SPIEL sozusagen, das
unsere Wirklichkeit aufbaut. Es ist wie mit den Sprachen. Andere
Sozietäten haben andere Sprachen und andere Wirklichkeiten. Die Perser
nicken, wenn sie nein sagen wollen. Und du könntest verzweifeln, wenn du
das nicht weißt. Und wenn sie dich zum Kaffee einladen, musst du erst
dreimal ablehnen und bedauern, bis du dann doch gehst und eigentlich nie
was anderes gewollt hast, als einen Kaffee zu trinken. Die Perser haben
echt viele §§§§ in ihrem sozialen Umgang, das kann ich dir sagen,
Marlena. Bei Partys oder Anlässen machen sie Fotos, und die Menschen
stehen steif nebeneinander und lächeln in die Kamera. Es gibt
totlangweilige Fotos, aber sie machen sie immer wieder. Mittlerweile
denke ich, es geht ihnen nicht um das Foto, es geht darum, mit der
Kamera zu zeigen, dass es ein aussergewöhnlicher Moment ist, und dass
man es schätzt, beisammen zu sein. Man könnte glattweg eine Kamera ohne
Film dafür benutzen oder sonst eine leere Blechbüchse.
Es gibt also nichts ausserhalb des Textes. Wer hat das gesagt, Lacan,
oder Derrida, es war sicherlich einer dieser elitären französichen
Intellektuellen, die an der Ecole Normale Supérieure studiert haben, und
die ich über alles bewundere? Sie heisst doch so, ENS, nicht wahr?
Viele französischen Geistesgrössen waren an dieser Schule.
Alles, was existiert, existiert nur im Text. Und auch ich existiere für
dich nur im Text. Damit musst du dich begnügen, meine Liebe. Wenn du
dich verliebst, verliebst du dich in einen Romanhelden, von dem du noch
nicht weißt, ob er in einem seiner verrückten Abenteuer umkommt, sich
vielleicht mit einem A. oder C. duelliert und für den Rest des Romans in
den Zeilen herumhinkt und den rechten Arm in der Schlinge trägt, oder
ob er eher munter in einem Fortsetzungsroman alt, senil und dement wird,
um ganz langweilig und monoton in einem bürgerlichen Bett
dahinzuscheiden.
Ich glaube, Verlaine hat das auch begriffen. Seine Geliebte ist ziemlich deutlich eine virtuelle Geliebte. Hör mal an:
" et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre".
Ist diese Unschärfe nicht genau die Virtualität? Und so bin ich für dich.
*
Liebe Marlena, vielleicht liest du das jetzt so, als ob ich dir etwas
erklären wollte. Ich will dir nichts erklären, ich verstehe es selbst
nicht genau. Ich versuche sozusagen zu überlegen. Es ist gut,
schriftlich zu überlegen, dann muss man langsamer denken! Ich versuche,
mir das auszumalen. Und es ist zum ersten Mal. Es ist neu für mich. Ich
weiss es noch nicht, was ich hier schreibe. Ich bin eben am Entdecken.
Deshalb geniesse ich es auch, zu schreiben und zu wissen, dass ein
lieber Mensch das nachher liest, begeistert vielleicht ist, vielleicht
auch verzweifelt und schimpfend, dass man das Zeug kaum verstehen könne.
Ich glaube einfach, dieses real und dieses virtual ist heute eine
wichtige Dimension in der Zeit der Postmoderne. Es gibt einen cultural
turn. Und die Welt wird sich rapide verändern und sie wird nicht mehr
sein, wie sie gewesen ist. Und das Fegefeuer vielleicht auch nicht mehr.
*
Sonntag, 28. Oktober 2012
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