Donnerstag, 25. Oktober 2012
interessante Gedanken
Ämne: domo
Datum: den 30 januari 2003 08:27
Liebe Marlena
Gestern habe ich in der Universität wiederum 2 Stunden die Bank gedrückt.
Es war fantastisch gut. Leider war A. nicht erschienen. Und so
sass ich eben ganz allein in der zweiten Reihe beinahe unter der Nase des
Professors. In meinen Studentenjahren wäre ich nie so weit vorne gesessen.
Das hätte ausgesehen, als wollte man ein Diplom erbetteln. Aber heute, als
Senior sozusagen, kann man sich noch ganz andere Dinge erlauben. Meine
Nachbarin ist eine Dame, die mir immer wieder mit ihren grossen Augen und
dem vollen Mund zulächelt. Es hat sich nämlich unter den gesetzteren Leuten
so eingespielt, dass alle jedesmal ungefähr am gleichen Platz sitzen. So
habe ich meinen Platz neben dieser Dame und nur ein Sitz liegt zwischen uns.
Ich lege meinen Mantel dorthin und sie bittet um die Erlaubnis, den ihren
darüber legen zu dürfen. Und das erlaube ich ihr dann. Man darf sich gar
nicht vorstellen, was die beiden Mäntel während der Vorlesung auf dem Sitz
zusammen treiben!
Aber ich war vollauf beschäftigt, den interessanten Gedanken von Prof. B. zu
folgen. Es ging um Temporalität im Bild am Beispiel der Serialität.
Sichtbarkeit der Zeit heisst Gegenwart. Und die Fragilität der Gegenwart ist
das Thema, ihre Singularität und Geschlossenheit steht in Frage. Serialität
beinhaltet gleichzeitig Augenblick und Dauer. Man kann unterscheiden
zwischen Serialität im Bild und zwischen Bildern, also Bildserien. Warhol
hat solche Serien produziert. Es ist eine Art Vermehrung der Bilder. 50 Mona
Lisas sind besser als eine Mona Lisa. Serialität ist eine Explikation aus
zeitlichem Impuls. Das ist eine innere Temporalität im Bild neuen Typs.
Zugrunde liegt die Idee des Fliessbandes als neue Basis der Arbeit. Man
spricht von Waren- und von Wegwerfgesellschaft.
Dann ist B. zu Nietzsches Zarathustra hinübergeschwenkt und zu Ns Gedanken
der ewigen Wiederkehr und des ausgezeichneten Augenblicks, den N mit der
Metapher des Torweges illustriert. Dieser Torweg beinhaltet eine
Zeitdimension, die linear angelegt ist, verknüpft ihn mit der Idee des
Tores, was den Augenblick repräsentiert. Die eigentliche Qualität des
Augenblickes entsteht durch die Wiederholung. Gemeint ist hier weniger
Wiederholung im Sinne des Industrieprozesses, die automatisierte Produktion,
die zu Stückzahl und zur Wiederholung immer gleicher, neuer Produkte führt.
Hier ist die Wiederholung innerhalb menschlicher Erfahrung gemeint. Dazu
muss man Kiergegaard bemühen, der gegen Hegel und seine Auffassung der Zeit
als Fortschritt ein neues Zeitverständnis präsentiert hat. Menschliche
Erfahrung macht nach Kierkegaard nicht einen absoluten Fortschritt, sondern
den Fortschritt zum Tod. Erfahrung bringt uns dem Tode näher. Menschliche
Erfahrung stösst immer an diese Grenze. Ziel der Wiederholung angesichts des
Todes ist es, das Ganze sichtbar zu machen. Dieser Gedanke ist zentral für
das postmetaphysische Denken und, wie mir scheint, auch gültig für die
Ästhetik allgemein.
N. spricht vom Grossen Mittag als dem Augenblick aller Augenblicke. High
Noon, unvergleichlicher Moment, ist Kairos, dh. glücklicher Moment des
Torweges zur Mittagsstunde. In diesem Moment fliegt die Zeit und man denkt,
man fällt in den Brunnen der Ewigkeit. Die Punktartigkeit, der Nu, schafft
Transparenz in der Erfahrung des Ganzen. Der Augenblick ist ein Blick der
Augen mit ihrer Fähigkeit zur Simultaneität.
Das ist ein neues Model, das Vergänglichkeit und Dauer miteinander verbindet
und mit Wiederholung verknüpft. Der Augenblick ist paradox, flüchtig und
dauerhaft im Glück. Zeit organisiert die Form und bringt sie zum Sprechen.
Der gelingende Moment sagt mehr als sich selbst.
Claude Monet war einer der ersten, der das Konzept der Augenblicklichkeit in
den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte an eben den Bildern
von Pappeln, Heuhaufen, Kathedralen. Er hat in seiner Malerei, im
Malprozess, die Objekte auf momentane Pinselstriche, also auf Augenblicke
reduziert. Die minialen Kontraste, die fehlende Leserichtung stimulieren
eine schweifende Betrachtung, keinen furchbaren Augenblick. Sie provozieren
vielmehr einen doppelten Blick durch die temporal getstreute Struktur im
Bild. Das führt zu einer Unschärfe und Flüchtigkeit und geht über in eine
Präsenz des Ganzen. Aus Nacheinander wird Zugleich. Die Impressionisten
haben dies Instantanéité gennannt, also Momenthaftigkeit. Der Augenblick
ist die Summe aller Augenblicke im Bild und zeigt den Zustand der
Augenblicklichkeit. Das ist die Paradoxie der Leistung Monets. Der
Augenblick wird durch Radikalität zum Zustand. Und damit wird Nietzsche auf
der Ebene der Malerei eingelöst, obwohl sich die beiden nicht gekannt haben.
Dazu gibt es bei Monet die Vervielfältigung des Einzelbildes. Das wirkt
mysteriös. Die Iteration, die Wiederholung ist aber nicht die Wiederholung
des Gleichen, sondern des Gleichen anders. Es sind nicht Etappen auf dem Weg
zum Ziel, sondern alle Bilder sind gleich weit entfernt von der
Repräsentation des Sujets. Das ist eine neue Denkweise. Serialität hat ihre
Gründe in der Malerei und in der Struktur der Wahrnehmung. Die
Unterscheidbarkeit der Dinge schwindet in konstruktive Unschärfe der
Erscheinung. Flüchtigkeit wird in den Zustand überführt. Kein Bild kommt zu
Ende, jedes braucht das nächste.
Prof. B. weit dann auch auf Bilder von Gerhard Richter hin, grosse Fotos,
die banale Themen unscharf zeigen.
Die Malerei der Serie entwickelt sich zur seriellen Malerei. Das Sujet
verschwindet. Die Regel bleibt. Das zu illustrieren dienen Bilder von
Mondrian. Oder die Ein-Bild-Malerei von Albers.
Ach, man kann das gar nicht alles so gut erklären. Die Gedanken entschwinden
so leicht. Und wenn man sie verkürzt auf einige Stichworte, dann fehlt
wiederum das Verständnis und die Plausibilität.
Und dann fragt man sich, ob all diese alten Leute, die mit offenem Mund und
ohne eigene Notizen zu machen dem Professor zuhören, dies alles kapiert
haben, oder ob sie bloss so hinhören, wie man eben Musik hört.
Aber es ist wunderbar, um 16.00h aus einer solchen Vorlesung in den frischen
Abend der Stadt zu treten und zu flanieren. Ach, Student sollte man nochmals
sein. Ich glaube, A. hat am nächsten Montag bei Prof. B. eine
Zwischenprüfung. Aber das wird bestimmt nicht allzu schwierig.
Und im Übrigen habe ich heute ein volles Programm. Ich muss jetzt dran und
wünsche Dir in der Zwischenzeit einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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