Subject: mimo
Date: Wed, 9 Apr 2003 08:51:26 +0200
Liebe Marlena
Nun ja, trotzdem finde ich unsere detaillierten Wetterdurchsagen etwas
merkwürdig. Aber ich muss zugeben, sie sind ein gutes Aufputschmittel.
Weißt Du, was ein Aufputschmittel ist. Zwei oder drei kräftige Expressi
sind beispielsweise ein Aufputschmittel. Das treibt den Puls in die Höhe
und macht wach. Die Wetterprognosen erlauben es, schon anfangen zu
schreiben, auch wenn man noch nicht weiss, was man schreiben sollte oder
könnte. Sie sind, wie die Engländer bestens wissen, ein unverfängliches,
gemeinsames Thema. Aber das funktioniert eigentlich nur, solange man
gemeinsames Wetter hat. Und wir haben nicht mal gemeinsames Wetter.
Ich meine, wir in der Schweiz sind hier im Vorzimmer des Südens. Und
ihr dort oben, ihr seid doch mindestens im Hinterzimmer des Nordens.
Na ja, vielleicht sind sie nicht Aufputschmittel, sondern préludes, Vorspiele,
bevor man zum todernsten Hauptakt schreitet.
*
Schicke mir mal die Tabuliste, Marlena. Ich werde sie dann ergänzen mit
meinen eigenen Punkten. Ist mir bisher gar nicht bewusst gewesen, dass wir
allzu viele abgesperrte Tabubereiche hätten. Und was mich selbst betrifft,
so lebe ich auch sehr klösterlich und klosterbrüderlich. Ich hoffe nicht,
dass ich schliesslich irgend welche Escapaden und Abenteuer erfinden
muss, damit ich Dir nicht nachstehe. Auf jeden Fall bin ich wirklich sehr
gespannt, was eine solche Tabuliste sein könnte. Vielleicht im Geheimen
Schokolade naschen? Fingernägel kauen? Die Zeitung des Nachbars lesen
und in den Briefkasten zurückstecken? Schwarzfahren in der Strassenbahn?
Zur Abendlektüre Likör trinken? Ach, ich kann mir wirklich nichts
Umwerfendes vorstellen. Du möchtest also weiterhin als Engel erscheinen?
Das finde ich lustig. Ich hatte immer den Eindruck, Du kannst bei weitem
nicht über alles in Deinem leben schreiben, was Dich echt beschäftigt oder
berührt. Ich hatte immer wieder den Eindruck eines gewissen Doppellebens,
das Du führst. Du bist einfach der Typ dazu. Vielleicht neigen Frauen
ohnehin mehr dazu als Männer. Und manchmal, in stillen und
unbeobachteten Momenten, kommt es gar soweit, dass Du das
zugibst.
Aber sie sind nicht etwas total anderes, als man erwarten würde. Es ist
nicht ein Doppelleben, sondern es ist vielleicht einfach der Teil des
Eisberges, der unter dem Wasser liegt. Aber es ist immerhin derselbe
Eisberg. Und wenn Du den oberen Teil des Eisblocks gut anschaust, kannst
Du ungefähr erraten, was unter dem Wasser noch übrig sein kann. Ich bin
also, wenn vielleicht kein echter Engel, so doch mindestens kurz vor der
Heiligsprechung! Das Problem ist bloss, dass der Vatikan so schleppend
vorwärts macht.
*
Und dann bist Du auch sehr ambivalent. Schon damals, als Du eine höhere
Etage der Offenheit vorgeschlagen hattest, ist mir aufgefallen, wie sehr
Du es eigentlich auch nicht willst. Wobei ich, wie gesagt, niemals so
genau wusste, was 'es' eigentlich sei. Ja, die Hypnose, ist im Grunde
ein ureigenes Gebiet der Psychologie, aber wohl in der akademischen
Ausbildung vernachlässigt. Freud hatte - von Charcot angeregt - mit
Hypnose angefangen. Seine ersten Handauflegungen haben schliesslich
zur Psychoanalytischen Kur geführt, wie er es zu nennen pflegte. Und
ich erinnere mich, wie wir ganz zu Beginn des Studiums eine Lektüre zu
bearbeiten hatten, bei der es um Hypnose und ähnliche Phänomene ging.
Aber es wurden eben nur theoretische Aspekte behandelt. Niemals wäre
Hypnose demonstriert worden.
Jener Trainer, der Ende Mai in die Schweiz kommen wird, ist ein NLP
Spezialist. Ich glaube, er hat bei Milton Ericson studiert, einem der grossen
amerikanischen Kenner der Hypnose. Die Oesterreicher haben - nebenbei
gesagt - die höhere Affinität zur H. als wir nüchternen Schweizer. Wir haben
auch falsche Vorstellungen von Hypnose, weil man ab und zu spektakuläre
Demonstrationen am Fernsehen sieht. Das sind aber ziemliche
Übertreibungen, die auch durch Masseneffekte zustande kommen. Es ist
bei weitem nicht so, dass man in der Hypnose Geheimnisse erzählt, die man
eigentlich nicht erzählen will. Kommt dazu, dass man in der Klinik oft nicht
eigentlich die Hypnose braucht, sondern viel eher vor-hypnotische Zustände.
Das sind mentale Zustände, wie man sie zB. beim Einschlafen erlebt,
hypnagoge und hypnopompe Bereiche also, die nichts Aussergewöhnliches
an sich haben. Und ich bin sicher, dass sie sehr nützlich sein können in der
Medizin, in der Zahnmedizin und eben auch in der psychologischen Beratung.
Aber sie sind, das muss ich zugeben, in unserer rationalen und nüchternen
Zeit eher etwas zauber- und oft auch rätselhaft.
Ich bin vor allem daran interessiert, meine Fähigkeiten zu trainieren, solch
prä-hypnotische Zustände zu induzieren. Das erfordert sehr viel Sensiblität
und Einspielung auf den Organismus des Gegenübers. Und die habe ich, so
scheint mir, in den letzten Jahren der Arbeit etwas verloren.
*
Jetzt muss in ran an meinen Tag.
Mit lieben Grüssen
...
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