Donnerstag, 22. März 2012

Onkelchen, Hypnosekurs und GV

Subject: die
Date: Tue, 8 Apr 2003 08:12:33 +0200


Liebe Marlena

Vielleicht hat das was dran, dass Onkelchen sich etwas gefangen fühlt, wenn
S. dabei ist. Ich merke jedenfalls, dass er manchmal mit dem Essen kämpft.
Ich hatte oft den Eindruck, dass S. ihm zuviel auf den Teller serviert. Sie
denkt in persischen Massstäben, wo ein alter Mensch sich jederzeit das
Recht herausnehmen wird, die Hälfte auf dem Teller stehen zu lassen. Aber
Onkelchen hat eine Harte Schule mit Tantchen hinter sich und weiss, dass er
ausessen soll. Manchmal kaut er wirklich auf Tod und Leben, so stelle ich
mir vor. Und wenn ich ihm sage, er brauche sich nicht zu beeilen, er könne
es stehen lassen, dann verneint er definitiv. Wenn ich koche, serviere ich
etwas weniger. Und so kommt er immer elegant über die Runden.
S interpretiert die Situation anders. Sie sagt, wenn er alles isst,
dann hat er doch wohl Appetit. Ich behaupte, wenn er alles isst, dann will
er vor allem höflich sein. Da sieht man wieder einmal, wie widersprüchlich
die Realität sein kann.
*
Um Ende Mai habe ich mich für einen Hypnose-Kurs in Zürich angemeldet.
Den Kursleiter kenne ich. Er kommt aus Amerika und ist NLP Spezialist. Vor
Jahren hatten wir ihn hier auf unserem Dienst. Und später war ich auch
schon mal in einem Hypnose Kurs bei ihm. Das war sehr interessant und
auch sehr entspannend. Man lernt dabei die Psyche des Menschen gut
kennen, diejenige, von der Du meinst, sie verschwinde, wenn man das
Leben im Zwischen lokalisiert. Ich glaube, ich muss mich ein wenig
vorbereiten auf meine Zeit der Pensionierung. Wenn ich eine Ahnung habe
von suggestiven Verfahren inklusive Hypnose, so kann das nur nützlich
sein. Ich werde mit Hühnern üben ;--)), denn Hühner sind offenbar ganz
leicht zu hypnotisieren. Die Kunst liegt darin, einen sehr sanften,
einfühlsamen Zugang zu den Menschen zu finden. Man kann keinen
Menschen gegen ihren Willen beeinflussen. Aber man kann natürlich die
Widerstände sanft unterlaufen. Wenn man sie dazu bringen kann, dass sie
sich gehen lassen und beeinflussen lassen, dann geht es schon.

Ich weiss noch nicht, ob ich täglich wieder nach Basel zurückfahren soll,
oder ob ich mir besser ein Zimmer nehme. Wenn man immer nur hier in der
Gegend arbeitet, scheint Zürich so weit zu sein. Aber es ist doch gleich um
die Ecke. Und wenn ich dort bleibe, könnte ich wie in alten Zeiten wieder
mal das Zürcher Nachtleben geniessen. Das sind doch exzellente Aussichten.
*
Gestern hatten wir eine kurze Generalversammlung. Im Frühjahr werden
nur die Mitglieder nominiert, die dann im Herbst eine neue Funktion
übernehmen sollen. Die Sitzung ist also meist sehr formal und sehr kurz.
Im Herbst wenn man über Finanzen und über ein Neues Hotel diskutiert,
gehen oft langweilige Stunden dahin. Wir denken daran , aus dem Hotel
Radisson auszuziehen, weil das Essen oft so schmeckt wie in einer Kantine.
Früher war es besser. Die Desserts sind auch besser. Aber allein mit Desserts
hat man nicht gegessen. Leute, die sich in diesen Dingen auskennen,
behaupten, Hotels dieser Art führen bloss eine Küche, um die Anzahl der
Sterne zu behalten. Die Fachleute in der Küche sind aber extrem reduziert
worden, so dass sie die meisten Menues halbfertig einkaufen. Sie streuen
dann bloss noch etwas Petersilie darüber und servieren. Und das ist wirklich
wie in der Studentenkantine damals. Es schmeckt auch so. Und das ist für
einen edlen Club, wie wir es sind, natürlich nicht das richtige Niveau.
Die GV gestern war in einem Lokal mitten in der Stadt und heisst
Unternehmen Mitte. Ein lustiger Name, und auch das Haus ist ziemlich
originell. ImParterre liegt ein grosses Restaurant, das vor allem von den
Jungen frequentiert wird. Es ist sehr trendy, auf jeden Fall sind auch A und
B manchmal dort zu finden. Oben ist das Basler Literaturhaus
untergebracht. Es gibt dort Lesungen. Und man hat auch Zimmer, wo
Schriftsteller und Künstler wohnen können. Das Essen war zwar einfach,
aber nicht schlecht. Nach einer ausgezeichneten, cremigen Broccoli-Suppe
gab es Spaghetti mit Meeresfrüchten, anschliessend ein Eis, zum Essen
einen sehr guten Wein aus der Gegend Siena. Das war eigentlich schon
alles.
*
Jetzt muss ich los.
Lustig, dass Du auf meine Vermutung, Du seist im Geheimen eine Rechnerin,
Deine Tochter fragst. Ist ein echter Indizienprozess, nicht wahr?
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Liebe Grüsse
...

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