Donnerstag, 22. März 2012

2. Momo-Portion - 13:38

Subject: 2. Momo-Portion
Date: Mon, 7 Apr 2003 13:38:02 +0200

Liebe Marlena
Es ist wirklich echt kühl hier und ich bin froh, den Wintermantel nochmals
hervorgezerrt zu haben. Erst mitte Woche soll es wieder wärmer werden. Und
das tut uns hier, Mensch und Tier, allen gut.
*
Ich habe Deine hübschen Fotos im Fotofolder gesehen. Hast Du sie alle selbst
aufgenommnen? Besonders bei den Vögeln war ich erstaunt, wie gut Dir das
gelungen ist. Ist es eine Drossel, der schwarze Vogel mit den grossen
Augen? Es ist ein hübsches Bild. Heute morgen habe ich am Radio gehört, dass
es sog. Birder gibt, Leute, die wie die Johnsons an Wochenenden ausziehen,
um irgenwo in der Natur die Vögel zu beobachten. Bei uns in der Schweiz
treffen sie sich offenbar am Neuenburgersee. In den schilfigen Ufern
gegenüber der Stadt Neuenburg gibt es offenbar eine Vielzahl an Vögeln und
anderen Tieren. Ich glaube, Naturbeobachtung ist eine sehr schöne Sache. Und
gerade wir Menschen, die das halbe Leben im Büro herumsitzen, hätten es
besonders nötig. Erst kürzlich habe ich mir wieder mal gesagt, dass ich
öfters an die frische Luft sollte. Früher hatte ich zwei oder dreimal die
Woche einen kleinen Waldlauf frühmorgens gemacht. Da konnte man viele
Vögel sehen, und manchmal auch Rudel von Wildschweinen. Aber heute
quäle ich mich bloss noch mir der gemeinen Stubenschabe herum. Und
vielleicht noch mit ein paar aufsässigen Bücherwürmern.
*
Ist Dir aufgefallen, dass wir viel übers Wetter reden? Das ist vielleicht
ein wenig symptomatisch. Früher haben wir uns kaum über ein Thema wie
Wetter ausgelassen. Das Ausweichen auf ein solch konventionelles Thema
macht mir ein bisschen Sorgen. Haben wir uns nichts mehr zu sagen?
Du hattest Doch mal eine Vitalisierungs-Initiative gestartet mit dem
Vorschlag, eine ganz neue Offenheit zu starten, hast sie dann wieder
aufgegeben. Was hattest Du eigentlich damit gemeint. Ich hatte es damals
nicht richtig verstanden. Aber vielleicht ist es etwas, das uns neu belebt.
Oder was denkst Du über unsere Mailerei nach so langer Zeit?

Ich glaube, im Wesentlichen denkst Du, mir sei die Luft ausgegangen. Aber
das stimmt nicht. Ich habe noch viel zu erzählen, zu beichten, zu
offenbahren, zu behaupten, zu übertreiben, zu verleugnen. Ach, ich könnte
bis ans Ende meiner Tage schreiben. Aber vielleicht wäre - na ja - nicht
alles so sehr interessant.
Im Moment überlege ich, wohin wir über Ostern reisen sollten. Hier hat es
Tradition, dass man in den Süden fährt, vielleicht ins Tessin, vielleicht an
die bezaubernden oberitalienischen Seen. Dort gibt es dann zu Ostern Lamm-
oder Kitzfleisch mit den feinen provenzalischen Gewürzen und einen guten
Wein, so dass die Welt und die winterlichen Wunden wieder in Ordnung gehen.
Die Nähe zu Italien ist wirklich eine feine Tatsache, obwohl ich heute sagen
muss, dass auch die Spanier ganz ok sind, und dass man auch mit den
Südfranzosen was anfangen kann.
S. und ich waren mal in unseren jugendlichen Jahren in Südfrankreich in den
Ferien. Du kennst die Gegend bestimmt: Arles, Saintes Maries, Marseille, Aix
en Provence, all diese hübschen Städte ihrem dem südlichen Flair. Mal
verirrten wir uns in ein kleines Nest namens Rochelle oder Roche oder
ähnlich in der Nähe von Marseille. Wir fanden ein kleines Hotel mit etwa 6
Zimmern. Es gab nur einen spartanisch schmucklosen Gang mit je drei Zimmer
links und rechts. Durch die Fenster blendete das helle Mittelmeerlicht .
Nach 1 oder 2 Tagen bemerkten wir, dass das süsse kleine Hotelchen
eigentlich ein kleines Freudenhaus war. Junge Paare von Marseille kamen
angefahren, vergnügten sich in den kleinen Zimmern unter offenen Fenstern an
der warmen Meerluft und der Sonnenwärme, um nach ein paar erotischen
Kreischereien und Schreien bald wieder zu verschwinden. Wir zwei waren
geradezu sesshaft verglichen mit diesen ambulanten Paaren, die sich nicht
wirklich Zeit liessen, die feine Küche von Madame zu geniessen, einer
Spanierin, die eine exzellente Paella kochte. Wir waren nach 2 Tagen
praktisch Einheimische, langweilige Eingeborene, während die jungen
flatterigen Vögel kamen und gingen. Teils zeigten sie den Glanz eines
gelungenen Climax im Gesicht, teils die profanen Sorgen einer komplizierten
Liebschaft. Wir aber, wir sassen im kleinen Gärtchen vor dem Haus und taten
uns an Madames Küche gütlich. Und der Chef sass mit zwei Einheimischen am
Nebentisch und goss ihnen jede Menge Pastis pur nach, so dass die beiden
immer lustiger wurden. Irgendwo habe ich noch eine kleine Zeichnung von
diesem Nest am Strand in der Nähe von Marseille. Vielleicht gibt es das
heute nicht mehr, vielleicht ist jetzt alles überbaut. Aber damals war es
ein kleines, geheimnisvolles Einod gewesen, das in jugendlichen Kreisen von
Marseille als Geheimtip kursierte. Nun ja, damals fürchtete man sich mehr
vor dem öffentlichen Gerede als vor Aids. Und so war die Liebe damals noch
durchaus geniessenswert.
*
 Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Gruss
...

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