Samstag, 3. März 2012

Weekendlessly

Ämne : weekendlessly ...
Datum : Sat, 9 Feb 2002 11:55:16

Liebe Marlena
...

Gestern war ich zusammen mit S an einer Beerdigung in Luzern. Der Vater
eines meiner Mitarbeiter war gestorben. Er war ein alter Mann und alle
waren offenbar froh, dass er nach einigen Jahren Altzheimer schliesslich
dahin gehen konnte. Schon lange war ich nicht mehr an einer katholischen
Beerdigung. Und für S war es gar das erste mal. Nicht davon zu reden,
dass es ein trüber und regnerischer Tag war, mitten in der Luzerner
Fasnacht, die allerdings an diesem Freitag gerade etwas ruhte. Auf jeden
Fall war in den Strassen nichts zu sehen. In der etwas düsteren,
modernistischen Kirche St. Karl, benannt nach Karl Borromäus dem grossen
norditalienischen Wohltäter, sassen wir etwas fröstelnd beieinander. Vorne,
beim Altar, haben sie zu zweit gearbeitet. Ein Priester und - wie man später
erklärte - ein Diakon. Das fand ich etwas viel Personal für eine Abdankung.
Denn zwischendurch marschierte gar noch ein Sakristan zwischen den
Reihen herum. Er trug einen unruhig, grob karierten aufdringlichen Anzug
und wirkte fast ein bisschen wie ein Zuhälter, seien wir gnädig, wie ein
Schläger. Mein Mitarbeiter hat den Nachruf selbst vorgelesen. Und
zwischendurch sang hinten ein Chor, zum Schluss, wie mir auffiel, ziemlich
falsch. Doch das finale Orgelstück von Bach, Toccata oder so ähnlich, das
war gut und hat unsere Herzen wieder etwas erwärmt.
S war nicht sonderlich begeistert von der Zeremonie und gab zu Verstehen,
dass sie ihre eigene Abdankung mit Balett und lustiger Musik wünschte. Ja,
sie war geradezu konsterniert, dass der Priester dort vorne das Blut Christi
trank und von seinem Leib ass. Das sei doch - mit Verlaub - etwas skandalös.
Diese Christen: zuerst machen sie Gott zum Menschen, und dann essen sie
ihn auf! Sie fragte sich, woher dieser Kannibalismus denn käme?

Die eigentliche Beerdigung fand dann auf dem kalten und verregneten
Friedhof statt. Die Familie hatte eine Kremation und ein Gemeinschaftsgrab
gewählt. Ich habe gefroren wie schon lange nicht mehr. Und zum Abschluss
hat jeder mit dem kleinen Besen die Urne bespritzt, obwohl doch alles schon
ziemlich nass war.
Und zu allerletzt gab es noch dieses Leichenmahl, das zu einer jeden
Beerdigung gehört. In der Stadt fanden wir uns in einem grossen, über und
über vaterländisch bemalten Saal wieder. Es waren noch zwei weitere
Mitarbeiter meines Dienstes dabei. Und mir gegenüber sass der Organist,
dem ich für das gute Spiel meine Komplimente machen konnte. Er war
ursprünglich von der Ostschweiz, wie man aus seinem Dialekt unschwer
entnehmen konnte. Doch seine Frau war eine Luzernerin, .. scheu, aber
sehr aufmerksam und irgendwie recht gut informiert. Er hat mich
über diesen Karl Borromäus informiert. So haben wir uns an einer kleinen
Malzeit wieder aufgewärmt und sind miteinander ins Gespräch gekommen.
Und mit der Zeit und mit dem Wein kam tröstliche Stimmung auf. Nicht so
barock und füllig, wie es im Wallis geschehen würde. Das konnte man nicht
erwarten. Aber es gab doch Trost und Zuversicht.
*
Und jetzt ist wieder einmal Samstag. Mein NZZ ist heute nicht eingetroffen.
Ich weiss nicht, was mit unserer Post los ist. Sie ist nicht mehr wie
früher. So muss ich ein paar Artikel aus dem Internet holen und den Rest
nächste Woche lesen.
Doch nun sollte ich noch einige Einkäufe machen. S hatte mir
aufgetragen, einige Dinge zu besorgen. Und es ist gut, das über die
Mittagszeit zu tun. Da sind die Läden nicht überfüllt.
*
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit einem lieben Gruss
...

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