Subject: domo
Date: Thu, 10 Apr 2003 08:38:16 +0200
Liebe Marlena
Heute ist es hier regnerisch, unter 10°. Das macht eine unfreundliche
Atmosphäre. Und man hofft, dass die nahen Ostern vielleicht bald eine
Besserung bringen könnten. In einigen Teilen der Schweiz soll es gar
geschneit haben. Das ist ein harter Rückschlag.
*
Dagegen sieht man im Irak das Licht am Ende des Tunnels. Die Amerikaner sind
jetzt doch bereit, der UNO eine wichtigere Rolle im Wiederaufbau
einzuräumen, als es früher schien. Vielleicht hat Blair auf Bush doch einen
guten Einfluss gehabt. Trotzdem ist hässlich, dass jetzt schon
Milliardenverträge mit Ölgesellschaften abgeschlossen werden. Das ist eine
Mafia, zu der offensichtlich die Bushs dazugehören und die wesentlich die
Wahlkampagne des kleinen Bush finanziert hatte.
Ich bin dafür, dass wir Europäer so rasch wie möglich einen eigenen Block
bilden und uns von diesen Amis absetzen. Die Amis sind vielleicht nicht ganz
so schlecht, wie sie uns im Moment erscheinen. Aber letztlich misbrauchen
sie ihre Stärke. Man hört, dass in den Irak bereits wieder Waffen geliefert
werden.
Erstaunlich bei der ganzen Geschichte, wie ruhig Russland und Putin
geblieben sind. Zwar hat sich Putin leicht von den USA distanziert, um diese
ominöse Achse des Alten Europa zwischen Paris-Berlin-Moskau-Peking zu
bilden. Aber er konnte wohl nicht völlig vergessen, wie inniglich er damals
vom kleinen Bush geküsst worden war. Denn er hat ja immer noch
Tschetschenien am Hals.
*
Haben wir keine besseren Themen? Wetter und Weltpolitik, beides zwei triste
Angelegenheiten.
Gestern habe ich die kleine Biographie über Virginia Woolf zu Ende gelesen.
Wie könnte man sie zusammenfassen? Ich glaube, der Film the Hours trifft den
Grundton ziemlich gut. Das Schreiben war für V. als Medizin gegen ihre
drohende Erkrankung gedacht. Ihr Ehemann war stets sehr bemüht, dass sie
beschäftigt, vor allem auch mit Handarbeiten beschäftigt war. Auch die
kleine Druckerei, die Hogarth Press, hatten sie nur aus therapeutischen
Gründen eingerichtet. Sie haben damit einen kleinen Verlag geführt und unter
anderem russische Autoren, sogar auch Rilke in England verlegt. Der letzte
Brief, den V. geschrieben haben soll, ist offentsichtlich authentisch, ein
rührendes Dokument der Liebe zwischen dem kinderlosen Ehepaar. Offenbar hat
auch Virginia W. ihren Roman zuerst the Hours genannt, und erst später Mrs
Dalloway. In jenem Roman ist Clarissas Freund nicht an Aids, sondern an
einer Psychose erkrankt. Er stürzt sich aus dem Fenster, weil er der
Einlieferung in eine Klinik verhindern will. Insgesamt scheint die
Atmosphäre am Beginn des neuen Jahrhunderts ziemlich revolutionär gewesen
sein. Die jungen Leute wollten alte Konventionen von sich werfen. Der
Bloomsbury-Kreis der Stephens war dafür ein gutes Beispiel. Es gab auch
Bewegungen wie jene von Monte Verità im Tessin, von der Hesse angezogen war.
Andere waren die Expressionisten wie jene der Brücke, zumeist nicht
professionelle Maler sondern Architekten. Es ist merkwürdig, wie jene Zeit
jetzt plötzlich auftaucht in den Rückblicken. Wir hatten gerade eine kleine
Expressionistenausstellung im Kunstmuseum Basel. Man hört zur Zeit viel über
Kirchner. Der erwähnte Film ist ein weiteres Beispiel. Dazu gehören auch
Nietzsche und Rilke. Ich glaube, wir liegen enorm gut im Trend, Marlena, mit
unseren rückgewandten Interessen. Das war die Zeit unserer Grosseltern. Und
heisst es nicht: wenn du aus einem Mädchen eine Lady machen willst, beginne
mit seiner Grossmutter. Drei Generationen, das scheint die überblickbare
Grösse. Was früher liegt, ist nicht mehr Gegenwart im engeren Sinne.
*
Morgen, so höre ich gerade, soll es wieder sonniger werden. Lass uns darauf
hoffen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
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