Ämne: RE: Skagen
Datum: den 18 februari 2004 14:58
Liebe Malou
Zur Zeit bin ich ziemlich mit Arbeit überhäuft und komme kaum dazu, unter dieser Beige hervor den Himmel zu sehen. Aber er ist auch nicht wirklich zu sehen, denn eine trübe Wolkenschicht hängt über der Landschaft.
W. hat mir ein Mail geschickt. Er sei krank, und seine Gedanken klingen auch wirklich ziemlich delirös. Er hat gelacht über den Begriff ‚delirös’. Er ist hübsch, nicht wahr? Stammt aus der Psychiatrie und meint eine Art von pathologischem Geisteszustand, der eintreten kann unter anderem dann, wenn man lange Zeit zuviel getrunken hat. Dann ist es eben ein Alkohol-Delir. Aber es gibt auch Fieber-Delirs und ähnlich elysische Traumzustände.
Aber nächste Woche haben wir Ferien und ich hoffe, dass es etwas ruhiger und etwas sonniger wird. Das wäre uns wirklich zu gönnen. Ich glaube, während der ersten Woche werden hier auch Fasnachten stattfinden. Und die folgende Woche wird es dann in Basel sein. Aber Du weißt, dass Fasnachten nicht in mein Ressort fallen. Das ist was für junge und alkoholfeste Menschen. Ich ziehe mich dabei lieber auf ruhigere Gefilde zurück. Kürzlich hatte ich ein Foto gesehen vom Carneval in Venedig. Man sah darauf ein paar von diesen hübschen Masken, die aber von einer Unmenge an Touristen beinahe erdrückt wurden. Das Verhältnis war irre und völlig falsch. Hier in L ist es weniger schlimm. Alle feiern Karneval und ich sitze im Büro und schau ab und zu aus dem Fenster. Das macht 10'000 : 1. Ist doch ein gutes, geradezu königliches Verhältnis, nicht wahr?
Aber im Moment bin ich ein wenig knapp an Energie. Das merke ich vor allem an der Tatsache, dass ich meine NZZ Wochenendausgabe nicht genügend lesen kann. Ich lege jede Menge Artikel und Berichte zur Seite in der Hoffnung, sie dann später lesen zu können. Aber eine Woche später kommt schon wieder die nächste Ausgabe, und ich habe die letzte noch nicht gelesen. Es ist wie wenn man mit Kleinkrediten Kleinkredite finanziert. Man verschuldet sich zusehends, und zwar bei einer Kreditfirma namens ‚Zeit’.
Ich beneide Dich immer noch um Deine freien Tage. Ich würde in einer solchen Situation am liebsten herumreisen, in abgelegenen Landgasthöfen Kaffee mit Schnaps trinken und durch weite, verschneite Jurawiesen wandern. Ich glaube, dieser Wunsch kommt aus einer Erinnerung an die Militärzeit. Wenn man lange Zeit in der Nässe und Kälte draussen gestanden oder marschiert hat, dann ist ein Landgasthof mit einem Kaffee-Plus ein elysisches Geschenk, und die ganze muffige Wärme der ärmlichen Wirtschaft erscheint romantisch und gemütlich. Der Jura ist aber eine schöne Landschaft. Charakteristisch dafür sind die milden Hügel, die weiten Wiesen mit den Gruppen und Einzelexemplaren von Tannen. Dazu kommen die eher niedrigen, aber breiten Steinhäuser und die Pferde, die man zumindest im Schweizer Jura oft sieht.
Ich glaube, ich muss demnächst einen Ausflug in den Jura machen.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
Mit lieben Gs und K
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Freitag, 9. März 2012
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