Ämne: Freitag nach dem schmutzigen Donnerstag ...
Datum: den 20 februari 2004 08:36
Liebe Malou
Ja, nicht wahr, Ungerer ist ein komischer Kerl. Merci für die Adresse seiner Home Page. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit ihm im Fernsehen gesehen und dann zufällig im Laden die beiden Büchlein: eines über seine Jugend im Elsass, das andere über seine Zeit Amerika und Irland. Na ja, ich gebe zu, sie waren auf halben Preis gesetzt. Ich hatte sie früher schon gesehen, fand aber stets, sie wären zu teuer. Es sind Texte und Zeichnungen, so wie ich es sehr gerne mag. Früher hatte ich von Ungerer eigentlich nur seine Cartoons und die Illustrationen zu den deutschen Liederbüchern gekannt. Letztere habe ich gekauft, als die Kinder noch klein waren. Und es ist wahr, was T.U. von sich behauptet. Er hat diese Lieder aus der Verstaubung befreit und ihnen ein modernes Image gegeben, so dass man sie wieder zur Hand nehmen kann. Er sagt auch, dass er dieses Projekt seit seiner Jugendzeit im Kopf gehabt hatte. Die Illustrationen sind hübsche, lustige, teilweise deftige Zeichnungen von Menschen- und Tierfiguren in der Elsässer Landschaft. Das kleine Büchlein, das ich jetzt lese, hat den Titel „Die Gedanken sind frei“. Das ist zugleich der Titel eines der schönsten und besten deutschen Lieder. Kennst Du es?
Es ist immer eine Freude, wenn man mit jemandem eine Freude und Begeisterung zu einem Thema oder zu einer Person und ihrem Werk teilen kann. Ich habe jemanden, der auch ganz begeistert ist von Varlin. Und jetzt habe ich noch eine Ungereristin gefunden. Ist perfekt. Ich habe übrigens, das kommt mir eben in den Sinn, kürzlich auch ein Büchlein mit alten Cartoons Ungerers gefunden. Sie sind schon älter, aus einer Zeit, da er vielleicht noch nicht so bekannt war. Aber man sieht darin seine unbändige Kraft und seine quere Fantasie. Häufig sind sexuelle Aspekte enthalten, manchmal nicht eben schön. Er hat ja auch ein Buch rund um das Thema SM gemacht. Solches mag ich weniger. Aber ich glaube, Ungerer ist auch als Persönlichkeit sehr komplex. Ich glaube nicht, dass ich mit ihm in Frieden zusammenleben könnte. Vielleicht hat er in seiner Seele eine Art inzestuöser Liebe zu seiner Mutter. Sowas könnte ich mir sehr gut vorstellen. Er hat noch heute, mit 70 Jahren, etwas Jünglinghaftes und Unverbindliches im Gespräch. Darin finde ich ihn nicht besonders sympathisch.
Jetzt hast Du Deine Ferien schon vorbei, und ich bin daran, sie gleich zu beginnen. Ich freue mich auf die paar Tage, da alles etwas langsamer läuft bei uns. Und dann ist Fasnacht. Es ist eine jahrelange Tradition, dass an diesen Tagen, die eigentlich offiziell frei sind, ich hier im Büro sitze und ab und zu hinunter einen Blick werfe, wo die Masken treiben und der Umzug vorbeigeht. Es ist ein Anlass für die Kinder und die einfacheren Leute, manchmal ziemlich staubig und schmutzig, manchmal nass und kalt. Für mich ist es Signal, dass bald der Frühling kommen wird. Ist es nicht bemerkenswert, wie im Laufe der Jahre sich die Folge der Jahreszeiten in unserem Erleben eingravieren? Jeder Frühling ist zugleich eine Erinnerung an die zahlreichen Frühlinge, die man schon erlebt hat. Alles wird irgendwie echohaft. Oder, ich habe dazu noch ein anderes Bild. Damals, im Laden von Onkelchen und Tantchen gab es ein Schaufenster, das mit Spiegelglas eingekleidet war. Und wenn man den Kopf in diesen Raum steckte, erschien zu beiden Seiten eine lange Parade dieser Köpfe, die sich in leichtem Bogen bis in die Unendlichkeit fortsetzten, so schien es. Jeder Kopf verwies auf den nächsten Kopf. Im Jugendalter ist das ein kleiner Schock, sich so viele Male gleichzeitig zu sehen, und ein Angriff auf die eigene Einmaligkeit. Und wenn ich aus einer Art der Verwunderung lachte, lachte die ganze unendliche Reihe von Köpfen, und ich hätte nicht ausmachen können, welcher der eigene, und welche bloss Abbilder des eigenen sein könnten. Alle schienen sie gleichermassen ich zu sein, und doch so verschieden von mir. Und so kommt mir ungefähr der Fasnachtstag vor.
Heute ist der Himmel etwas rötlich, und bewölkt. Die Prognosen sagen voraus, dass es milder werden wird. In den letzten 2 oder 3 Tagen war es kalt und windig. Vielleicht wachsen dann auch überall die Schneeglöcklein, wie Du sie auf dem Bild zeigst. Ich habe, als ich über Mittag einen Spaziergang gemacht hatte, einen halben Garten voller Schneeglöcklein gesehen. Irgendwie wollte ich es nicht glauben, und doch standen sie da, jedes in einem kleinen Anstandsabstand vom anderen.
Gerade höre ich, dass in Italien das Rentenalter zur Zeit bei 57 Jahren steht. Was tun wir eigentlich hier im Norden? Dort unten, in den milden Gefilden am Mittelmeer, könnten wir längst am Strand liegen und mit den appetittlichen, jungen Italienerinnen flirten. Berlusconi will das Alter jetzt auf 60 Jahre hinaufschieben. Eigentlich wollte er 65, aber die Proteste waren zu stark. Vielleicht war das eine schlaue Strategie? Er ist ja wirklich eine Kasperfigur, wie man es in Europa seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hat!
Aber wir nehmen alles nur in allem, mit der wachsenden Weisheit des Alter.
Liebe Gesundka
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