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Ämne: Weekendmail
Datum: den 21 februari 2004 13:10
Liebe Malou
Graues, kühles Fastnachtswetter haben wir hier. Am Montag beginnen die Schulferien, und man fühlt sich ein bisschen leichter und in Ferienstimmung. Hoffentlich weiss das Wetter, was es uns schuldet in den nächsten Tagen. Ich habe zwar einige kleine Projekte, die ich in diesen Tagen zu Ende bringen will. Aber Du weißt, wie es ist. Wenn man plötzlich frei hat, zerrinnt die Zeit zwischen den Fingern. Die ersten paar Tage denkt man, dass man einige faule Stunden sehr wohl verdient hat. Und dann sind die 14 Tage auch schon um. Man muss sehr schlau sein im Umgang mit der Zeit. Sie ist ein cleverer und eigenwilliger Partner, und um sie zum Freund zu machen, muss man sie an die kurze Leine nehmen, wie einen verspielten Hund. Ich habe in meinem Leben sehr viel Zeit vergammelt. Wenn man all diese Momente und Stunden zusammennehmen würde, könnte man gut und gerne ein zweites Leben daraus machen. Aber die Kunst, die ich benötige, besteht heute darin, dies alles nicht als Verlust, sondern als Gewinn anzuschauen. Diese vielen freien und losen Stunden waren ein Geschenk des Himmels. Ich bin wie Du, ich lasse mich gerne verführen von Filmen am Fernsehen, von Leuten, die ich zufällig treffe, von Büchern, die ich zufällig da und dort finde, von Themen, die mich weiss Gott woher aus dem blauen Himmel anspringen. Wenn ich an einem Thema arbeite, so treffe ich überall verwandte Dinge, Querverbindungen, Unterthemen und so fort. Das Thema wird immer grösser und reicher.
Immer noch freut es mich von Dir zu hören, dass Du Ungerer entdeckt hast. Das kleine Büchlein seiner Jugend ist ziemlich eindrücklich. Er hat mit seiner Familie im Elsass den wirklichen Krieg erlebt. Daraus merke ich, dass er eine andere Generation ist, als ich es bin. Wer so was erlebt hat, der ist für das ganze Leben geprägt. Krieg ist eine Situation, die die Menschen von Grund auf verändert. Und der kleine Tomi Ungerer war ein Bube, der viel gezeichnet hat. Darin fühle ich mich ihm verwandt. Ich erinnere mich daran, wie ich im Kindergarten eine Zeichnung über einen Deichbruch in Holland gemacht hatte, worüber ich in den Mittagsnachrichten gehört hatte. Die Kindergärtnerin war ganz begeistert und hatte mein Werk mit einem Titel beschrieben, damit man später erkennen würde, was damit gemeint sei. Ich sehe die Zeichnung noch heute ungefähr vor mir, obwohl ich sie vor etwa 20 oder 25 Jahren beim Aufräumen verbrannt hatte. Ein Helikopter schwebte über einem Hausdach, das aus dem Wasser ragte. Dort sassen auf dem Giebel eng zusammengedrängt einige arme Menschen. Vom Helikopter wurden Wolldecken und - komischerweise - Münzen abgeworfen.
Ungerer hatte eine tüchtige Mutter. Sie hat die Familie in schweren Zeiten ohne Mann durchgebracht. Und sie hat in schwierigen Situationen sehr geschickt und mit offenbar weiblichen Charme gemeistert. Das erinnert mich an S und an meine Schwiegermutter. Der Iran ist heute noch ein Kontext, wo man so etwas lernen kann. Bei uns in der Schweiz, wo alles reglementiert ist, läuft das Leben völlig anders.
Soweit mein Wochenendmail.
Mit Gs und Ks
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