Ämne: gräuliches Grau in Grau
Datum: den 4 december 2003 09:57
Liebe Marlena
Heute morgen schreibe ich in die blaue Luft hinaus. Oder vielleicht besser in die graue. Das Hotmail ist stur und unbeweglich wie eine schweizerische Hochgebirgskette. Und das Tiefblau des Hintergrundes hilft mir gar nicht dabei.
Heute ist schon wieder Donnerstag. Ist gut, die Woche neigt sich dem Ende zu. Aber es war eine ziemlich nasse und neblige Woche. Gestern hatten wir 15 Heilpädagoginnen bei uns zu einer Instruktion. Das war vielleicht der Höhepunkt der Woche, der Bergpreis sozusagen. Und jetzt geht es endgültig hinunter ins Tal und dem Wochenende entgegen.
Wenn ich so den Pass hinunter fahre, erinnere ich mich an eine Velotour, die ich mal mit meinem Bruder gemacht habe. Es war ein Entschluss aus dem Bauch. Wir sind, so glaube ich mich zu erinnern, abends um 16.00h oder so abgefahren. Wann tut man denn so was?
Brig - zum Simplon geht es in den Schlitz links
Ein Stück alte OriginalSimplonstrasse kurz vor Gondo
Die erste Etappe war der Simplonpass, der ja nicht weit war. Voller Energie sind wir dort hinaufgestiegen. Und ich erinnere mich, dass wir die erste Nacht neben Strasse und Eisenbahnlinie geschlafen haben.
Die Simplonstrasse kurz vor der Passhöhe
Alle 10 bis 20 Minuten ist ein Zug vorbeigedonnert. Das war die internationale Strecke Mailand - Paris. Eigentlich war an richtiges Schlafen nicht zu denken. Wir wollten auch eigentlich nicht schlafen, wir waren bloss tot müde. Am nächsten Morgen sind wir hinuntergefahren zum Langensee, Lago Maggiore.
Das war natürlich sehr schön, weil südlich und - so glaube ich wieder in der Erinnerung - sehr sonnig. Wir fuhren über Locarno dann hinauf und besuchten Verwandte. In ihrem Wochenendhaus oben am Hang haben wir übernachtet. Die ganze Familie war dort in den Ferien. Der Onkel war ein Werklehrer und grosser Bastler. Er hat das ganze Haus selbst gebaut und hat - wie man hörte - sogar Steine und alte Holzbalken und Türen in seinem Auto über den Gotthart ins Tessin transportiert. Das Häuschen war ein bisschen eng, aber gut. Und unsere Kusine und Vetter waren lustige Kinder. Ich habe noch in meinem Ohr, wie der Onkel seine Tochter rief und sie fragte, ob sie für ihre Vetter keine Suppe kochen wolle. Sie wollte nicht. Nach 1 oder 2 Tagen fuhren wir weiter die kurvenreiche Strasse des Sankt Gotthard-Passes hinauf und schliesslich noch über den Oberalppass.
Innerhalb einer Woche hatten wir 3 Pässe überquert. Das tut man heute bloss mehr mit dem Auto, oder in der Regel überhaupt nicht mehr. Die meisten Strecken, solange es bergan ging, mussten wir zu Fuss unser Velo stossen. Und wir hatten unsäglichen Durst. Aber es war ein gutes Erlebnis, einfach so von zuhause wegzukommen und in dieser grossen Welt zu überleben. Die Welt war steil, aber grandios.
Na ja, das war eine kleine Exkursion angesichts der Tatsache, dass ich den Scheitelpunkt der Woche gestern überschritten habe, und mich heute auf der windigen und kurvenreichen Abfahrt ins Tal befinde. Ach ja, das wollte ich eigentlich erzählen. Am letzten Tag dieser Tour kamen wir gegen Abend den Oberalbpass hinunter ins Goms, also den obersten Teil des Wallis.
Blick das Goms runter mit Oberwald ganz vorn und unten...
Die Landschaft war so wunderschön und friedlich in der Abendsonne, dass ich ihn niemals mehr vergessen werde. Wir suchten zwar jedes der kleinen Häuschen nach einem Laden ab. Die hiessen dort allenfalls Magasin. Und meist waren sie geschlossen, weil bloss einige Stunden pro Tag offen. Und so mussten wir auf die heiss ersehnte Cola verzichten. Und so kamen wir dann über das friedliche und in der Abendsonne träumende Goms hinunter nach Brig und schliesslich wieder heim. Es war eine Exkursion ohne die geringste Panne gewesen. Das könnte man von heutigen Velos nicht mehr erwarten.
*
Jetzt bin ich in mein Box gelangt ...
(Fotos: Chris)





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