Ämne: Re: ziemlich ernüchtert ...
Datum: den 27 april 2001 12:27
Liebe Marlena
Merci für Dein schönes Mail. Es ist so komplex wie interessant. Das magst Du zwar nicht, wenn man es Dir sagt. Aber das trifft ja doch zu. Komplexität gehört zur Intelligenz.
Ich habe mich amüsiert, wie Du schreibst. Und dass der Chardonnay eine Rolle gespielt hat in meinem Mail, das ist mehr als klar geworden. Ich habe das auch selbst bemerkt, während er mir in den Kopf gestiegen ist. Aber das ist doch ziemlich langsam geschehen. Und ich habe auch gewusst, dass Du das merken wirst. Du reagierst darauf wie damals die Mädchen im Wallis. Sie waren immer sehr nachsichtig, wenn es um Wein ging und wenn man die Männer nicht mehr nach nüchternen und protestantischen Masstäben beurteilen konnte.
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Und dann empfiehlst Du mir, meine Walliser Memoiren zu schreiben. Bin ich denn nicht schon seit längerem daran? Ich schreibe sie zwar nicht linear und chronologisch, aber ich zupfe doch immer wieder hier und dort irgendwelche Erlebnisse hervor und breite sie vor mir aus. Gerade kürzlich konnte ich mich an eine Situation erinnern, die ich nochmals ziemlich intensiv erlebt habe. Es war das Schlussexamen in DG. DG war ein Freifach für Schüler, die später an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich studieren wollten. Der Mathematiklehrer nahm die Prüfung in seinem Privatzimmer im Professorenhaus ab. Einer konnte die Aufgabe zum Voraus studieren, und der andere war dann dran, sie zu lösen. Und so bekam ich irgend eine Aufgabe. Und in irgend einem Schritt der Lösung machte ich einen Fehler. Herr Lengen machte mich auf den Fehler aufmerksam, erwähnte aber nicht, was falsch sei. Und dann schwieg er einfach. Und ich ging meine Arbeit nochmals durch und nach langer Zeit - in meinem Gefühl muss das 10 Minuten gewesen sein - fand ich schliesslich meinen Fehler heraus. Das war ein sehr gutes Gefühl: dass er mir soviel Zeit gab, mich selbst zu kontrollieren. Und natürlich, dass ich diese ziemlich schwierige mathematische Konstruktion schliesslich lösen konnte. Und ein Teil dieses positiven Gefühls bestand darin, zu wissen, dass die Lösung absolut richtig ist. Damals galt ich ja noch als mathematischer Kopf. Und später habe ich dieses Gefühl höchst selten mehr gehabt, denn in den Sozialwissenschaften und der Philosophie befindet man sich bekanntlich stets auf ziemlich sumpfigem Gelände.
Siehst Du Marlena, das ist Biographie in flagranti. Und ich glaube schon, dass ich das mit Dir gelernt habe. Ich meine, es hängt mit dem Schreiben zusammen. In einem Gespräch kann man unmöglich immer wieder alte Erinnerungen hervorholen. Das wirkt einfach sehr grossväterlich. Aber schriftlich ist so etwas möglich. Und im Mail muss der Zusammenhang auch nicht immer so konsequent sein. Ich meine, man darf auch da und dort abschweifen, wenn nicht gar vom Weg abkommen.
Also meine Walliser Biographie, ich weiss nicht. Das würde doch eine ziemlich nostalgische Angelegenheit!
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Montag, 14. November 2011
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