Mittwoch, 16. November 2011

Giorgio Manganelli

*

Lass mich dir noch eine kleine Geschichte zitieren. Sie hat mit dem Vorhergehenden nichts zu tun. Sie stammt von einem Italiener. Ich gebe dir hier die biographischen Daten: Giorgio Manganelli, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren der italienischen Literatur zählt, wurde 1922 in Mailand geboren. Er studierte englische Litertur und lebte in Rom, wo er 1990 starb. Die "Irrläufe" sind das heiterste und charakteristischste Buch Manganellis. Hundert höchst unterhaltsame Mini-Romane erzählen von Mord und Totschlag, Liebe und Eifersucht, Lug und Trug - so wie es sich für Romane gehört.

In einer Art künstlerischem Zirkus wird mit hunderterlei Darstellungsweisen jongliert, und selbstverständlich ist das auftretende Personal recht unterschiedlich: Damen und Herren, Drachen und Dinosaurier, Himmelskörper und Astrologen, schwarze Schwäne und Architekten, Gespenster, Schatten und Schreie. Manganelli hat ein unbegrenztes Reich möglicher Kombinationen geschaffen. Schon eine "Pille" genügt, den Leser in den Rausch der fortspinnenden Phantasie zu versetzen.

Geschichte 53: Es handelt sich nich um einen eigentlich menschlichen Ort - in dem Sinne, dass seine Bewohner keine menschlichen Wesen sind und von Menschenwesen nur unbestimmte, durch alte Fabulisten überlieferte oder von Kaufleuten, Geographen und Fotografienfälschern erfundene Kenntnisse besitzen. Viele, die einen relativ hohen Bildungsgrad erreicht haben, glauben nicht mehr an die Existenz menschlicher Wesen. Sie sagen, dass es sich um einen alten und ziemlich törichten Aberglauben handle und dass die Überzeugung, sie seien existent, in Wirklichkeit hauptsächlich in den unteren Schichten verbreitet sei. Auch die Kinder glauben an die Existenz menschlicher Wesen, was zu einer reichen Märchendichtung geführt hat, deren Hauptfiguren die Menschen sind. In diesen Märchen tun die Menschen lustige und doch auf ihre Weise unheimliche Dinge; sie spinnen unsinnige und sinnvolle Ränke. Aber die eigenartigste und regste Industrie, die sich rings um die Tradition der Menschenwesen herum entfaltet hat, ist die der Masken und Marionetten. Das sie wertvolle Objekte darstellen, werden sie nicht nur zum Vergnügen der Kinder hersgestellt und verkauft, sondern gleichzeitig als Schmuckgegenstände in Wohnungen und Häusern verwendet, auch von solchen, die studiert haben, und deshalb nicht an die Existenz von Menschen glauben.. Natürlich können diese Masken und Marionetten nicht die Gesichtszüge menschlicher Wesen tragen, die ja niemand je gesehen hat und die es womöglich gar nicht gibt. Man stützt sich deshalb auf die Traditionen, auf alte und absurde illustrierte Bücher und schliesslich auf die eigene Fantasie. So haben die Gesichter der menschlichen Wesen stets Löcher zum Sehen, im allgemeinen zwei, aber an irgendeiner Stelle, eins ganz oben und eins an den Füssen oder auch in der Mitte, sozusagen im Bauch. Die Menschen haben ein rundes oder quadratisches Oberteil, an dem bisweilen noch ein weiteres Teil hängt, und unten haben sie Glieder, die zum Greifen und Gehen dienen. Von irgendeinem Teil her stossen sie Laute aus - und hier lassen die Künstler ihrer Phantasie meist freien lauf; so zeichnen sie etwa Trompeten, die ganz oben in Büscheln emporwachsen, oder kleine Löcher wie bei Flöten und Okarinen. Zum Hören haben sie eine Art von Knorpeltrichter, der irgendwo eingesetzt wird. Besonders beliebt sind Marionetten, die "kranke" Menschenwesen darstellen - obwohl es schwierig ist, sich eingebildete Krankheiten auszudenken. Manche werden über und über mit Pusteln oder Wunden versehen und sondern Lebenssäfte ab. Sie haben Öffnungen, aus denen sie nicht sehen; Flöten, die abgebrochen sind und nicht klingen; Glieder, die nicht tasten, nicht greifen und nicht gehen. Trotzdem halten manche die Menschenwesen für unsterblich; sie bringen jenen Masken Ehrerbietung entgegen; und jene, welche sie für unvollkommen und unehrerbietig erachten, werden von ihnen barmherzig verbrannt.

Soweit Manganelli, er ist modern in seiner virtuellen Welt, noch fast virtueller als unsere Mails.

*

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen