Samstag, 22. Oktober 2022

Ein Männerclub

Datum: den 25 september 

Liebe Marlena

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Wir Schweizer in der Tat, wir sind vielleicht die gehetztesten Menschen auf dieser Welt. Gerade am Montag habe ich im Club mit einem Kollegen darüber diskutiert, der ungefähr in meinem Alter ist. Er arbeitet in der Baubranche als Generalunternehmer. Das ist ein harter Job, alle Firmen und Handwerker zu organisieren und zu kontrollieren, damit das Gebäude zum Schluss in Glanz und Glorie dasteht. Ich hatte früher immer den Eindruck, er wäre ein sehr gehetzter Mensch, unsicher, nervös und gejagt. Aber heute nach ca. 20 Jahren kommt er in sehr feinem Tuch daher, ist ein wohlsituierter Mann und gibt rundum Ratschläge an alle, die überhaupt nicht danach gefragt haben.

Er ist noch immer bei weitem nicht mein Liebling in diesem Club, aber er hat sich doch sehr positiv entwickelt.  Das zumindest habe ich ihm irgendwie gesagt, und er war sehr geschmeichelt, von dieser seiner Beförderung zu hören. Ich erinnere mich, wie er mich mal gebeten hatte, für die Eröffnung einer grossen Gebäulichkeit eine kleine Rede zu schreiben. Das war - wenn ich mich recht erinnere - eine Schule. Aber schlussendlich konnte er an der Feier nicht teilnehmen, weil er erkrankt war.

Dieses ist einer der interessantesten Aspekte in einem solchen Männerclub:  Zu sehen, wie Männer unter sich sind und alt und älter werden. Das ist ein schlagendes Argument, zu dem Du mir sicherlich Recht geben wirst. Ein solches Männerexperiment ist interessant und rührend, bisweilen lehrreich, manchmal angenehm, oft bemerkenswert, fast immer sehr kalorienreich. Man könnte behaupten, es sei extrem altmodisch, einer mono-geschlechtlichen Vereinigung anzugehören, ähnlich dem katholischen Klerus oder der Fremdenlegion. Und vielleicht ist es das auch. Die amerikanischen Clubs haben meist auch Damen in ihren Reihen. Und in den Statuten unserer Vereinigung ist vor einigen Jahren sichergestellt worden, dass wir Damen nicht ausschliessen. Das wäre eine menschen- rechtsverletzung oder ähnlich, haben die Amerikaner gedroht. Wir haben dann auch in unserem Club abgestimmt darüber, ob wir ihn für Damen öffnen sollten. Ich war damals eigentlich dafür, denn ich habe gedacht, dass die Atmosphäre sich nur verbessern könnte, wenn noch einige tüchtige, interessante und womöglich hübsche Damen unter uns sässen. Doch meine älteren Kollegen haben blendend dagegen argumentiert. Sie sagten, sie wären für die Aufnahme von Damen in den Club, doch unseren eigenen Frauen sei das nicht zuzumuten. Sie würden eifersüchtig werden, beleidigt, empört oder wie immer.  So haben wir beschlossen, in unserem Club die Sessel für Damen vakant zu behalten und uns stattdessen für einen separaten Damenclub einzusetzen. Es gibt ihn mittlerweile, und Gelegentlich besuchen wir uns gegenseitig. Und ich konnte feststellen, dass sie nicht alle so tüchtig, so interessant und so hübsch sind.

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Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

Mit einem lieben Gruss

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