Donnerstag, 7. Januar 2016

8. Januar


Ämne:  donnerstag 8.1.
Datum: den 8 januari 09:01

Liebe Malou
Ach, ich weiss gar nicht, ob ich gestern geschrieben habe. Es war soviel los. Und die Arbeit fällt ungefähr so an wie im letzten Jahr. Es ist in dieser Hinsicht kein Fortschritt zu verzeichnen. Oder vielleicht arbeite ich jedes Jahr ein wenig langsamer? Das könnte sein. Ich habe gestern Nachmittag ein Kurs besucht, den Lehrkräfte in fortgeschrittenem Alter besuchen. Sie werden für 1 Semester bei vollem Lohn vom Unterricht dispensiert und besuchen stattdessen einen Kurs. Dazu gehört auch ein Praktikum in der Industrie und verschiedene Besuche bei Institutionen. Sie waren auch bei uns. Und so habe ich sie dann auch kennen gelernt. Es scheint mir wirklich so, dass ältere Mitarbeiter andere Fortbildungsbedürfnisse haben als jüngere. Und vor allem tut ihnen gut, wenn sie unter sich sind. Ich glaube, ein Nebeneinander zwischen jüngeren und älteren Leuten in dieser Situation würde den alten nicht gut tun. Die Jungen sind progressiv, wollen alles schon wissen und können und wollen noch viel mehr wissen und können. Die Alten wollen dagegen ihre Flexibilität erhöhen, alte festgefahrene Erfahrungen auflösen und in neue verwandeln. Sie wollen sich darum bemühen, dass sie noch dabei sind. Aber sie sind nicht so expansiv. Man könnte sagen, die Jungen sind progressiv, die Alten sind reflexiv. Sie nehmen sich mehr selbst unter die Aufmerksam, lassen ihre Praxis und ihre Erfahrungen Revue passieren. Ziel ist eine Art Lockerung. Natürlich kommen einige neue Techniken dazu, aber die sind nicht so wesentlich.
Du siehst, wie sehr ich mich schon um die Bedürfnisse älterer Lehrkräfte interessiere. Ich habe sogar in letzter Zeit ein Büchlein gekauft: Psychologie des Alterns. Gut, zugegeben, es war ein Occasions-Preis. Aber dennoch! Dass ich so was kaufe, spricht für mich, auch wenn ich es noch nicht gelesen habe. Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft diese Fragen des Alterns wichtiger werden. Wir haben ja die Häufigkeitsverteilung einer Zwiebel, wo die älteren Menschen die häufigsten Positionen besetzen.

Jetzt habt ihr ein Geständnis in der Sache Lindt ? Man hat überall die Bilder des jungen Serben gesehen, der die Tat gestanden haben soll. Er sieht eigentlich intelligent aus. Und er habe keine politischen Motive. Welche denn sonst? Es hört sich alles so unverständlich an. Und vielleicht ist es auch typisch für unsere modernen Gesellschaften, dass wir die Individuen, die aus ihnen stammen, nicht mehr wieder erkennen. Ich habe dafür immer wieder dasselbe Beispiel. Vor 20 oder 15 Jahren haben wir auf unserem Dienst bei einer Anmeldung die Personalien der Eltern aufgenommen und immer nach dem Beruf des Vaters gefragt. Damals war das ein signifikanter Indikator für eine ganze Lebenssituation. Wenn es im Formular hiess „Elektriker“, dann wusste man ungefähr, in welchem sozioökonomischen Status die Familie lebte, in welchen Quartieren sie wohnte, wie ungefähr so ein Familienleben aussehen mochte. Die Abweichungen von einer gewissen Norm waren signifikant. Solche Auffälligkeiten waren vielleicht eine „falsche“ Adresse, trotz eines gewissen Alters keine Kinder, keine angemessene Kleidung, eine für den Status unübliche Lebensweise und so fort. Heute kann man kaum mehr von solchen Normvorstellungen ausgehen. Man muss jede Familie neu unter die Lupe nehmen. Es hat sich hier wirklich eine Vielheit entwickelt, die nicht mehr leicht zu durchschauen ist. Ich hoffe, ich habe in nächster Zeit Gelegenheit, das Büchlein zu lesen.

Na ja, vielleicht sollte ich die Fragen des Alterns nicht mit einem „jungen Ding“ wie Du diskutieren. Das ist doch viel zu weit weg für Dich. Vielleicht sollte ich Dir aber meine neuesten Geheimnisse verraten. Im Club haben wir einen, der ein Reisebüro besitzt. Er ist immer informiert, was in dieser Sparte aktuell ist. Und offenbar gibt es neue Flüge von Zürich nach Wien für Fr. 60.- . Das wäre spottbillig, und durch eine durchaus akzeptable Fluggesellschaft. Ich spiele mit dem Gedanken, mal nach Wien zu reisen. Walter ist ein grosser Wien-Fan. Ich glaube, es ist seine Liebe zur Musik, die das macht. Und er hatte irgendwelche unvergesslichen Erlebnisse auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ich meinerseits habe bloss die Erinnerung an die Praxisräume von Sigmund Freud, mit dem alten Kanapee und der farbenfrohen Decke drüber. Aber daran bin ich nicht mehr so sehr interessiert. Ich würde viel lieber wieder mal im Sacher ein Kaffee mit Torte genehmigen, den Prater durchwandern und vielleicht eine Vorstellung im Burgtheater besuchen. Na ja, die neuere Architektur würde ich mir natürlich auch anschauen. Wien muss einige ganz aussergewöhnliche Bauten haben. Und bestimmt gibt es auch ein paar ältere Dinge, die interessant sind. Im Gymnasium haben die Lehrer immer auf den Stephansdom hingewiesen. Sie waren ziemlich stark auf Oesterreich hin orientiert. Ich glaube, viele von ihnen hatten dort studiert.

Und jetzt muss ich an die Arbeit. Es gibt noch vieles zu tun.
Mit lieben GuK
Rud

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen