Sonntag, 10. Januar 2016

10. Januar


Ämne: RE: soul saved
Datum: den 10 januari 2004 00:44

Lieber ...,
Ja, es ist gefährlich auf den Strassen. Auch hier ist es rund null grad und ein bisschen untergekühlter Regen, wie wir es nennen. Das kann gefährlich sein und du hast wirklich Glück gehabt. Ich werde morgen ein bisschen besser aufpassen.

Das Leben ist ungerecht. Du hast deine schönen Tauben und ich meine raubgierigen Elstern. Dass sie die Treue selbst sind versöhnt mich ein bisschen mit ihnen aber immerhin...

Und während ich hier nach einem Mail von dir suche, bist du damit beschäftigt einer alten Freundin mit Blumen aufzuwarten. Manchmal habe ich den Eindruck ich habe den Faden verloren. Weiss nicht mehr richtig was passiert. Und du schreibst über heimliche Pläne, von denen du mir nichts erzählen willst. Wozu hat man eine Mausfreundin, wenn man mit ihr nicht über alles reden kann?

Ich bin etwas traurig heute. Meine frühere Nachbarin ist plötzlich gestorben. Sie war noch keine 50 Jahre alt. Und plötzlich, wenn jemand stirbt, der einem sehr lebendig ist, fühlt man den Tod so nahe und so stark.. Erinnerst du dich noch, wie ich dir erzählt habe von damals, als wir beiden einen Gartenkurs zusammen besuchten. Und dann später machten wir einen Tagesausflug mit dem Gartenverein und entdeckten zu unserer Überraschung, dass wir fast die einzigen jungen Leute im Bus waren. Alle anderen waren Rentner. Es war eine sehr lustvolle Reise und ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Und wir beide wurden von den alten Leuten mit Obst verwöhnt, das sie aus ihrem Garten mitgebracht hatten. Ich glaube ich habe dir neulich zu Lucia von der Tochter dieser Frau erzählt, wie sie damals wie ein Engel hier am dunklen Morgen auftauchte mit einer leuchtenden Krone im Haar. Und jetzt fällt es mir schwer zu verstehen, dass es die Frau nicht mehr gibt.

*
Morgen fahre ich also mit Anna nach L. Wir haben viel zu frachten und dann werden wir ihren Kühlschrank füllen. Ich bleibe sicher bis Sonntag. Ich weiss, dass du sehr viel zu tun hast jetzt aber ich würde mich doch sehr über ein mail von dir freuen.

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende.
Malou


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Ämne: Samstag 10.1.04
Datum: den 10 januari 2004 12:03

Liebe Malou
Wenn Du mir über Verstorbene erzählst, erinnere ich mich an Deine Überzeugung, dass die Toten unter uns sehr präsent sind. Wir müssen nicht die Verstorbenen bedauern, sondern die Hinterbliebenen, also uns. Wir betrauern uns selbst. Das ist alles, was wir noch tun können. Ja, ich weiss wie das ist, wenn jemand stirbt, der für uns bedeutend war. Man fühlt sich ein bisschen einsamer und verlassener auf dieser Welt. Und dann muss man sich wieder an die Übriggebliebenen halten.
Es ist deshalb eine schöne Vorstellung, dass, wie in einem Spiegelbild, die Verstorbenen in einer ganz ähnlichen Gemeinschaft leben wie wir hier auf dieser Welt. Und dass man, bei dieser Vorstellung, diese Gesellschaft der Ehemaligen, erst mal halbiert in eine Gemeinschaft der Guten oben und eine der Verdorbenen unten. Bei den Äpfeln im Keller würden wir doch genau dasselbe tun ;--)) Geradezu nahe liegend, dass man die Guten oberen vergoldet und rund um den Thron aufstellt, während man die unteren anschwärzt und im Feuer braten lässt. Wenn man sich vorstellt, wie viele schöne Bilder durch diese einfache Vorstellung eines simplen Mehrfamilienhauses entstanden sind! Die himmlischen Bilder sind so schön wie die der Hölle. Man kann noch aus dem trübsten Winkel ein schönes Bild machen. Das macht die himmlische Kunst der Malerei.

Und wenn ich das so schildere, dann kommt mir Hieronymus Bosch in den Sinn.

 

Wenn man seine Bilder anschaut, wird man in eine göttliche Position versetzt. Die Welt sieht aus wie ein grosses Spielzeug, wie eine Puppenstube mit diesen vielen kleinen Krabbelmenschen, die sich in ihrer Existenz abmühen. Das ist es ja doch, was man Transzendenz nenn. Diese Sicht hat mich immer wieder fasziniert und irgendwie habe ich die Überzeugung, dass dies ein sehr aktueller Blickpunkt wäre. Ich glaube, solche Bilder wären heute eine grosse Attraktion. Wir haben diese Sicht sozusagen aus den Satelliten wieder entdeckt.
Und das Gute daran ist doch wohl auch hier eine Art Spiegelbild. Wir versetzen uns als Menschen in einen Punkt „ausserhalb unserer Welt“, um uns selbst mit unseren Unvollkommenheiten aus Distanz zu betrachten. Das ist es, was uns auch als Individuen gut tut. Es tut uns sehr gut, obwohl man diesen Kunstgriff in der Psychologie der letzten 50 Jahre total übersehen und vergessen hat. Mindestens in der praktischen Psychologie.

Deine Bemerkung über meine geheimen guten Vorsätze und die „Aufwartung mit Blumen“ (Du brauchst ein exzellentes Deutsch) klingen wie eine stille Klage. Ach Malou, das ist es nicht, es ist nicht eine Verheimlichung. Bei den guten Vorsätzen weiss ich selbst noch nicht so genau. Ich spare mir eine endgültige Entscheidung auf. Das ist ja doch typisch für gute Vorsätze. Man nimmt sich diese Dinge nur halb vor. Ich aber habe die Feststellung gemacht, dass diese Vorhaben sich in Luft auflösen, wenn ich zu sehr davon spreche. Ich glaube, es ist besser, sie ganz allein mit mir selbst abzumachen. Und die Resultate sollten ja doch dann sichtbar werden für alle. Und die Blumen andererseits waren eine fällige Aufmerksamkeit. L hatte uns immer - als Mitarbeiterin der UBS - das Geld zu günstigeren Kursen gewechselt, bevor wir in die Ferien gefahren sind. Sie ist jetzt in Pension und ich hatte den Eindruck, dass sie eher einsam vor sich hin lebt. Aber ihre Tochter kommt sie häufig aus Deutschland besuchen.

Doch jetzt muss ich endgültig an meine Arbeit. Ich fürchte, ich komme nicht durch sonst.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit und ein feines Wochenende.
Mit lieben G+K
Rud


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Ämne: RE: samstag
Datum: den 10 januari 2004 12:21

Lieber ...,

Dein kleines Mail tut mir gut an diesem grauen Tag. Anna und ich sind schon am Packen und ich freue mich auf ein wenig Tapetenwechsel, wie du es zu nennen pflegst.

Hast du so viel Arbeit, dass du auch Samstags im Büro sein musst? Aber eigentlich ist es ja gut für mich, denn so kannst du mir auch in Ruhe ab und zu ein paar Worte senden. Und ein Samstag ohne mail von dir ist kein Samstag mehr.. :-)

Ich muss mich beeilen. Aber sicher werde ich Zeit finden dir aus L. ein weiteres Mail zu senden.
Wünsche dir einen wunderschönen Tag und dass du Maus-monogam wärest wie eine Elster,
Malou

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Ämne: RE: samstag 10.1.04 again
Datum: den 10 januari 2004 19:59

Liebe Malou
Ja, ich habe einiges zu tun hier. Einen Bericht, den ich schon lange hätte schreiben sollen, konnte ich erst heute morgen in aller Ruhe fertig stellen. Dazu sind Samstage gut. Man wird nicht gestört und kann „bei leichter Klassik“ einige Pendenzen zu ende bringen.
Jetzt fahre ich gleich heim und beschäftige mich mit meinem Iran-Vortrag. Ich habe so viele Bilder, dass ich jetzt allmählich überlegen sollte, was dazu zu erzählen sei. Ich glaube nicht, dass sich meine Kollegen nur mit Bilder abspeisen lassen wollen. Aber die Bilder geben einen visuellen Eindruck von der Vielfalt dieses Landes. Sie reicht von dem feuchten, subtropischen Klima am Kaspischen Meer, wo sie Reis und Baumwolle pflanzen, über hohe Gipfel von 5670m (Damavand) mit ewigem Schnee, über Salz und Steinwüsten (Dasht e Kavir) bis hinunter an die enorm heissen Küsten am Golf (Bandar e Abbas) mit Palmen und einer Bevölkerung mit arabischem Einschlag. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich diese Vielfalt sehe. Gar nicht zu sprechen von den verschiedenen Nomadenvölkern, die es gibt, mit ihren je eigenen typischen Kleidungen, den eigenen Arten von Behausung und ihren teilweise riesengrossen Lebensräumen. Dann gibt es die Tiefendimension der Geschichte, angefangen von den Achaimeniden ein halbes Jahrtausend vor Christus, die jene berühmten Städte wie Persepolis, Pasargadai und Ekbatana gebaut haben. Sie haben dazu aus dem ganzen Reich, das von Indien bis Aegypten reichte und die heutige Türkei (Lydien, Kilikien etc.) einschloss, die besten Handwerker mit ihren Techniken herbeigeholt. Um 300 v. Chr. kam dann Alexander und hat das ganze Reich handstreichartig eingenommen. Es war eigentlich die griechische Idee der Stadt, die er globalisieren wollte. So wie die Polis von ihrem Umland, ihren Bauern und Sklaven lebt, so wollte er den Osten bis zum Indus als Umland Griechenlands unterwerfen, um dort königlich zu leben. Aber das hielt nicht lange. Als er starb zerfiel das Imperium in drei Diadochenreiche. Und im Iran regierten die Seleukiden. Dann waren da das Reich der Parther im Nordwesten des heutigen Iran, deren Einfluss bis zum Tigris reichte, wo sie sich über Jahrzehnte mit dem Römern herumzankten. Dann kamen die Sassaniden, die in vielen Bereichen an Ideologien und Reichsvorstellungen der Achaimeniden anknüpften. Sie waren die Zoroastrier. Auf ihren Münzen war der König und ein Feueraltar abgebildet. Sie stammten wieder aus dem zentralen Gebiet Fars und nahmen den Titel Shah-in-schah wieder auf. Und in der Zeit unseres Barock waren es die Abbasiden, die schliesslich in Isfahan herrschten und deren grösste Gestalt, Shah Abbas der Grosse, dem Land die moderne Identität und den Schiismus als einheitliche Religion gegeben hat. Schliesslich - in der Neuzeit - waren die Kadjaren die Regenten Persiens. Sie hatten sich mit der Industrialisierung Europas auseinander zu setzen, wehrten sich gegen Engländer ebenso wie gegen Russen (mit etwas zweifelhaftem Erfolg) und verlegten ihre Hauptstadt in dieses muffige Teheran. Einer von ihnen holte in einer kleinen Wanderung in Indien den berühmten Pfauenthron nach Hause. Ihr Ende kam mit dem Kosakenführer Pahlevi, der mit Unterstützung der Engländer an die Macht kam. Sein Sohn Shah Reza Pahlevi ist der letzte Shah. Sein Vater soll den Schmächtling verachtet haben, und seine Zwillingsschwester habe eine tiefere Stimme gehabt, so liest man. Sie habe denn auch bei seinen Heiraten mitgemischt und bei möglichen und wirklichen Kaiserinnen die Hand im Spiel gehabt.
Ach, man sollte zwei oder drei Monate Zeit haben, um sich in all das vertiefen zu können. Es wäre interessant. Und später könnte ich als Fremdenführer im Iran arbeiten und von fetten Amerikanerinnen sündhaft hohe Trinkgelder einstreichen ;--). Sie lieben die Amerikaner nämlich, die Perser. Ich glaube, die Perser wären das einzige islamische Land, wo die Amis von der Mehrheit der Bevölkerung mit Freuden begrüsst würden. Sie sehnen sich an modernem Leben, nach Handys, nach Internet, nach Mode, nach Whisky, nach elektrischen Waschmaschinen und nach amerikanischem Glitter.

Ja, ich muss jetzt wirklich. Ich hoffe, Ihr habt einen guten Sonntag.
Gruss
...







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