Sonntag, 17. Januar 2016

23/1 demwochenendeentgegen


Ämne: demwochenendeentgegen
Datum: den 23 januari 2004 08:50


Liebe Malou
Ich beneide Dich um den Winter, auch wenn ihr bei minus 22° in der klaren Luft dahinschlottert. Es tut gut, für eine gewisse Zeit die warme Wohnung zu geniessen. Früher habe ich es stets genossen, bei solchen Temperaturen meine Pfeife zu rauchen. Na ja, überhaupt schmeckte die Pfeife im Winter besser als im Sommer. Ich erinnere mich an viele Situationen rund ums Skifahren, wo wir unsere Pfeifen hervorgezogen und ein Pfeifchen geschmaucht haben. Nach einer tüchtigen Abfahrt - sagen wir vom Gornergrat in Zermatt - schmeckte eine Pfeife mit einem Kaffee einfach grandios. Und im Geheimen hatten wir vielleicht noch die Vorstellung, wir würden beinahe so maskulin und gut wie braungebrannten Skilehrer ausschauen? Aber ich will Dich eigentlich nicht davon überzeugen, dass Du auch damit anfangen solltest. Ich habe auch aufgehört.

Es ist so, die Sache mit den Sayyeds und den Hadschis finde ich auch sehr süss. Und ich glaube, man sieht darin die spirituelle Seite der Perser, die uns modernen Europäern ziemlich abgeht. Am ehesten findet man sie eben noch bei den Katholiken, wie ich finde. Ich glaube, dass ich bei meinen ehemaligen Lehrern (man nannte sie Professoren, obwohl sie Studienräte waren) nicht selten eine ähnliche Seite der Geistigkeit gesehen oder gespürt hatte. Es macht einfach einen Unterschied, ob einer glaubt, diese Welt sei die einzig mögliche, oder ob er überzeugt ist, dass daneben noch andere irgendwie unsichtbare Möglichkeiten bestehen (um es mal so undeutlich zu sagen). Und dabei glaube ich nicht mal, dass diese Spiritualität bloss auf Religiosität beschränkt sei. Mindestens nicht auf Religion im institutionellen Sinne. Na ja, ich glaube, Du weißt schon ungefähr, was ich meine. Ich denke bloss, dass es gut ist, wenn man im Leben einen Engel bei sich hat. Das klingt sehr nach Religiosität. Es braucht aber nicht ein Engel mit Flügel zu sein. Es könnte - bildlich gesprochen - auch bloss ein Spiegel sein. Man sollte ab und zu aus seinem eigenen Körper heraustreten und sich selbst in dieser Welt zuschauen können. Aber Du kennst das ja alles, Malou. Deshalb schreiben wir uns solche Mails, nicht wahr?

Die These über Männer und Schimpansen ist ein weiterer Schachzug der Frauen in der Genderfrage. Man sieht, welche Höhen die Eskalation bereits erreicht hat. Und man darf sich nicht wundern, wenn die Männer zurückschlagen. Allein deshalb ist die These schon dumm, weil sie auf Männerseiten schimpansenartige Reaktionen provoziert ;-)). Insofern wäre sie geradezu eine self-fullfiling prophecy. Dass es biologisch unsinnig ist, so was zu behaupten, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Welche Frau - zum Teufel - hat denn so etwas behauptet? Solche Diskussionen führen mich dazu, mich auf dem Sofa niederzulegen und wegzutauchen. Ich muss schon jetzt, um 7.30h in der Früh, gähnen, wenn ich daran denke.

Das Bild aus Zürich meinst Du? Der Gesprächspartner ist Steve, der amerikanische NLP-Therapeut. Er ist ein sehr geduldiger und sensibler Mensch, nicht sehr politisch, aber ziemlich geschäftstüchtig. Seine Frau hat mir in ihrer Art sehr gut gefallen. Sie heisst Rahel, und sie ist ein wenig witziger und spritziger als er . Man hat zwar als Fremdsprachler manchmal etwas Mühe, sie rundum zu verstehen, weil sie sehr schnell ist und flinke, lustige Zwischenbemerkungen machen kann. In NY wurde erzählt, dass sie in den letzten Jahren an Krebs erkrankt sei, jetzt aber wieder geheilt das alles überwunden habe. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber sie soll mit eigener psychischer Kraft diese Heilung geschafft haben. So irgendwie wurde erzählt. Ich weiss nicht mehr genau, ob sie auch Chemotherapie gehabt habe. Sie ist lustig, und manchmal trägt sie Kleider, die eine Europäerin kaum tragen würde.

Heute haben wir wieder mal Freitag. Das ist gut, das gibt gute Aussichten aufs Sofa, nicht wahr? Offenbar gehst Du manchmal tagsüber ins Bett? Das kann ich nicht. Das tue ich wirklich nur, wenn ich krank bin. Allerdings ziehe ich mir sehr oft für meine Tagträume auf dem Sofa den Traineranzug an. Wenn ich das nicht tue, ist nach einer Stunde alles so zerknittert. Das ist auch irgendwie persisch. Die Perser ziehen sich gerne um zuhause, haben ihre leichten Hosen und Leibchen, was natürlich in der Hitze wichtig ist. Und wenn sie das Haus verlassen, möchten sie gerne schick, am liebsten elegant ausschauen. S hat für mich sogar vor vielen Jahren in Teheran einen Hausmantel machen lassen. Er ist aus bordeaux-rotem, samtartigem und ziemlich dickem Stoff. Die Bordüren sind mit feinen Schnüren genäht und der Gurt ist eine Art Seil mit Kordeln. Dazu gibt es dicke lange Hosen aus demselben Stoff. Es ist ein Hausanzug für den Winter. Ich musste laut lachen, als ich das Ding erstmals gesehen hatte. Ich habe es nicht oft getragen in den letzten 15 Jahren. Es katapultiert mich um etwa 100 Jahre zurück in die Vergangenheit. Ich glaube, früher hatte man noch solche Kleider zuhause. Mein Vater trug eine Art grauer Filzjacke mit ähnlich genähten Bordüren. Sie war nur gedacht für zuhause und sollte eigentlich das Jacket der Strasse ersetzen. Doch mein roter samtener Mantel mit langer Hosen sieht nicht nur altmodisch, sondern dazu ziemlich orientalisch aus. Es ist die echte Kleidung für das Harem. Man fühlt sich darin ziemlich weit weg von dieser Welt…

Ich wünsche Dir ein feines Wochenende.
Mit G&K
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