Samstag, 16. Januar 2016
22/1 - Sayyeds und Hadschis
den 22 januari 2004 08:37
Liebe Malou
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Gestern habe ich richtig gefaulenzt abends. Ich habe erst mal Kaffee und Kuchen genossen, wie das nur die Deutschen können. Ich fühlte mich ziemlich voll zum Schluss. Und dann habe ich eine gute Stunde geschlummert. Ich hatte in der vorigen Nacht etwas wenig Schlaf gehabt. Ich war um 3.30h aufgewacht und bin dann nicht mehr eingenickt bis es fünf geschlagen hat. So entschloss ich mich, etwas ins Büro zu fahren. Auf unserem Chesterfield Sofa schläft es sich ganz wunderbar. Im Winter ist es gut, sich dabei unter einer Wolldecke zu verkriechen. Man muss dann ungefähr so liegen, wie die drei gerechten Kammmacher in Gottfried Kellers Novelle: so steif und unbeweglich wie möglich. Aber es geht gut. Und daneben sehe ich im Fernseher, was läuft auf dieser Welt. ich hatte dazu einige Berichte vom WEF in Davos angeschaut. Chatami weilt gerade dort, und seine elegante Sprache kommt mir irgendwie bekannt vor, auch wenn ich nichts verstehe. Er ist ein Sayyed, wenn Du weißt, was das ist? Die Sayyeds betrachten sich als Nachkommen Mohammeds. Und wenn ich die Moslems richtig kenne, so werden sie auch genau definiert haben, unter welchen verwandtschaftlichen Bedingungen man noch zur weiteren Familie Mohammeds gehört und wann nicht mehr. Sie kleiden sich gerne grün, die Sayyeds, mit der heiligen Farbe und ich glaube, sie fühlen sich irgendwie als bessere Menschen. Komisch, nicht wahr? Es ist ähnlich wie die Hadschis, das heisst die Leute, die ihre Hadsch nach Mekka, die man einmal im Leben machen soll, gemacht haben. Die Hadschis fühlen sich wirklich als bessere Menschen. Darin liegt aber nicht nur Überheblichkeit. Sie denken auch, dass sie den anderen, vor allem den jüngeren Menschen im Leben ein Vorbild sein sollten. Früher haben Hadschi Frauen wieder konsequenter ihre Kopfbedeckung verwendet. Irgendwie wollten sie ja doch ihrer Umgebung zeigen, dass sie dem Himmel etwas näher stehen. Heute müssen sie ohnehin jederzeit in der Oeffentlichkeit ihre Bedeckung tragen. Also beweisen sie auf andere Weise, dass sie Hadschis sind: sie schenken mehr Almosen, sie nehmen das Leben kontemplativer und so weiter. Mit dem Hadschi-Titel kann man darum ganz nett spielen. Wenn man im Bazar etwas zu kaufen trachtet und den Verkäufer milde stimmen will, dann nennt man ihn am besten Hadschi. Das verpflichtet ihn, mildtätig und ehrlich zu sein, und er wird dich nicht durch einen zu hohen Preis bedrängen. Jemand Hadschi zu nennen, meint, bei ihm eine gottesfürchtige, menschenfreundliche und ehrliche Haltung vorauszusetzen. Du siehst, mit solchen Subtilitäten arbeiten die Perser tagaus tagein. Na ja, es gibt vielleicht in jeder Kultur solche Finessen. Und sie machen natürlich für einen Fremden den grossen Reiz aus.
Ich schicke dies mal ab. Wer weiss, wann die nächste freie Minute kommt?
Ich wünsche Dir einen wunderschönen eiskalten Januartag.
Mit lieben Grüssen
Ämne: Gute Nacht! (oder guten Morgen!)
Datum: den 22 januari 2004 23:58
Lieber ...,
Ja, es ist wunderschön sich manchmal einen ganz faulen Abend zu machen. Garnicht an Arbeit denken und nur den Augenblick geniessen. Das habe ich auch heute getan nach den Elterngesprächen. Es waren nur Mütter, die kamen und sie waren sehr nett und zufrieden mit unseren Gesprächen und mit dem Studiengang ihrer Töchter. Und nachher bin ich hinausgegangen in den kalten Abend und habe mich gewundert, dass mein Auto so ganz ohne Proteste gestartet hat.
Dann habe ich, ich weiss nicht wie, die nächsten Stunden hinter mich gebracht ohne dass ich nun sagen könnte, was ich eigentlich gemacht habe. Eben nur gelebt. "Doing time" heisst ein Ausdruck, aber der gilt wohl nur Kriminellen, die im Gefängnis ihre Strafe absizten. Vielleicht tun wir sowas ähnliches, ohne es zu wissen. ;-)
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Das Gesprächsthema aller Leute gestern und heute war die Kälte. Heute morgen war es 22 grad kalt. Es tut mir leid, dass ihr einen so schlechten Winter habt. Regen und Wind zusammen sind keine gute Kombination.
Ach, wie schön du mir geschrieben hast über Sayyeds und Hadschis. Ich finde du hast in ein paar Zeilen so viel von der Seele der Perser gefangen. Das musst du unbedingt mitnehmen in deinem Vortrag. Es ist geradezu maladi-erzeugend. Ich höre die Sirenen wieder.
Du sprichst über Genderfragen und dabei denke ich an etwas, was ich neulich im Radio gehört habe (in einem serösen Programm). Leider habe ich nicht gehört auf was es sich genau bezieht, aber man sagte, dass Männer und Frauen sehr verschieden sind und dass ein Mann sogar mehr Ähnlichkeit hat mit einem Schimpansen (oder war es Gorilla?), als mit einer Frau. Jetzt muss ich lachen, wenn ich an deine Miene denke.. aber ich frage mich auf welchem Gebiet das sein könnte.
Ach, auf dem schönen Sofa darfst du schlafen? Das tue ich auch manchmal auf meinem Lieblingssofa oben oder auf einem der Sofas unten im Wohnzimmer. Es ist gerade, wenn ich etwas im Fernsehen nicht verpassen will, denn sonst wäre es bequemer gleich ins Bett zu gehen. Und genau wie du, nehme ich mir eine warme Wolldecke drüber. Dann ist es so warm und wohlig, dass man garantiert dabei einschläft. Aber im Sitzen kann ich nicht schlafen. Ich glaube, das ist für Männer reserviert.. obwohl ich mich erinnere, dass M. fast immer einschlief, wenn wir zusammen ins Theater gingen. Ihre Eltern hatten ein Abonnement und sehr gute Plätze ganz vorne in der Mitte. Deshalb hatte ich auch immer etwas Angst, dass die Schauspieler merken würden, wenn sie einnickte und ich versuchte sie zu wecken bevor sie anfing zu schnarchen. Sowas könnte die Schauspieler wirklich aus dem Konzept bringen. Und damals waren wir doch noch jung.. so um die 30 glaube ich.
Jetzt ist sie mit einem unmöglichen Mann zusammen, der ihr das Leben sauer macht.. vielleicht auch süss. .
Wenn du von Schneeschleuder sprichst, so erinnere ich mich an einen anderen Kollegen. Er war auf den praktischen Linien angestellt. Weiss nicht mehr genau welche und er war ein typischer Finnländer. Eigentlich aus Nordschweden. Aber dort oben sind ja manche mehr Finnen als Schweden. Er hiess Kosti und er war wie ein "grosser Berg von Geborgenheit", wie es ein männlicher Kollege mal ausdrückte. Es gibt Menschen, die eine grosse Integrität haben, die sich vor nichts fürchten und wagen ihre Meinung zu sagen auch wenn es Nachteile haben kann für sie. So war Kosti. Und er war mit einer schrecklichen Frau verheiratet, die ihn in Schach hielt. Sie war Chefin für die Küche in der Schule und konnte in die Kantine hereinkommen und einen Lehrer ausschimpfen, der sich eine Jacke über den Stuhl gelegt hatte. Jedenfalls war Kosti ein richtiger "kvinnotjusare" (Frauenliebhaber?). Er liebte wirklich Frauen. Er machte ihnen Komplimente und niemand hatte etwas dagegen, weil es eben seine Art war und man glaubte dass er Spass machte. Wenn er mich erblickte, sagte er immer mit einem sehr finnischen Accent "seenes Fräulein" und man lachte darüber und freute sich auch ein wenig. Und einmal, als wir in der Kantine sassen und so richtig in Spass gerieten, fragte er plötzlich, auch wieder mit seinem sehr finnischen Accent "Ska jag komma och skotta hos dig?" Soll ich bei dir Schnee schippen kommen? Und ich sah wie alle nun neugierig auf meine Antwort warteten. Und dann sagte ich "Ja, aber kannst du es tun, bevor mein Mann und ich aufstehen?" Und wieder Gelächter. Und dann ist er plötzlich allzu früh gestorben und wir haben alle um ihn getrauert, sowohl Frauen wie Männer. Aber vor der Schule hat er ein Kunstwerk hinterlassen. Es ist eine Art Obelisk aus Eisen mit Ketten drum und oben ein paar Vögel, die die Freiheit symbolisieren sollen. Das hat er seine Schüler machen lassen. Und wenn man vorbeifährt, wundert man sich immer noch, wie ein so lebendiger Mensch plötzlich nur aufhören kann zu existieren.
Ach, das ist wieder ein langes mail geworden. Ich glaube manchmal du hast nicht allzuviel Geduld für lange mails.
Weisst du, dass ich nun öfters das Bild vor mir sehe, was du mir letzthin geschickt hast. Dort wo du dich mit einem anderen Mann unterhältst. Und erst wenn ich es so vor mir sehe, wird mir richtig bewusst, dass es dich wirklich gibt mit Fleisch und Blut.. (xxxxxxxxxxxxxxx)
Ja, ich muss meine Gedanken zensurieren. :-)
So sage ich dir gute Nacht, mein lieber Mausfreund und wünsche dir alles Gute für morgen.
Mit lieben G's und innigen K's
Malou
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