Donnerstag, 28. Januar 2016

12/2 - Donnerstags


Ämne: Donnerstags
Datum: den 12 februari 2004 09:13


Liebe Malou
Ja genau, so ungefähr habe ich es gemeint mit den verschiedenen Welten, von denen die eine nicht versteht, was die andere meint. Um Rilke zu verstehen, oder vielleicht besser zu erahnen, muss man in einer ähnlich mystischen Welt sein. Das gelingt auf Anhieb vielleicht einem Sufi, aber nicht jedem gewöhnlichen Alltagsmenschen, wie wir es sind. Es braucht dafür vor allem Zeit und eine Art von Gelassenheit, den Dingen ihr Eigenleben zu lassen. Wer aber gerade im Stress ist, versteht das alles nicht. Ist es nicht merkwürdig, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns selbst nicht mehr verstehen?

Deine Kandidaten für die Pension regen Dich zu Gedanken an, die kaum mehr Illusionen zulassen. Wahrscheinlich haben sich viele Menschen auch früher sehr auf ihre Pension gefreut. Aber Du hast recht, es sind mehr geworden, die diese dritte Lebensphase sehnlichst erwarten. Allerdings hat man in den letzten Dezennien auch gelernt, mit dem 3. Alter mehr zu machen als bloss Enkel zu hüten (obwohl Kinder-hüten wahrscheinlich seinen Reiz hat). In Deutschland, so habe ich gehört, sind es sehr viele Lehrpersonen, die nicht bis zum Pensionsalter arbeiten, sondern aus irgendwelchen medizinischen Gründen vorher ausscheiden.

Gestern haben wir die Nachricht bekommen von einem guten Freund, der mit 61 Jahren gestorben ist. Ich hatte ihn noch als Student kennengelernt. Wir haben zusammen mit anderen Studenten in einer grossen Firma in der Buchhaltung gearbeitet. Es war wunderbar. Ich behaupte heute, die Firma habe uns praktisch Stipendien fürs Studium bezahlt. Wir waren völlig frei und mussten Arbeiten machen, deren Zeitaufwand man eigentlich nicht kontrollieren konnte. Ich erinnere mich daran, dass ich mit einem Kollegen zusammen in allen Büros die Möbel nummerieren musste. Wir hatten kleine Kleber, die wir an diskreter Stelle an die Büros kleben sollten. So haben wir diese ganze, grosse Firma durchgekämmt, von den Chefs bis zu den kleinen Bürogummis. Das war hochinteressant. Bei den Chefs haben uns elegante Sekretärinnen mitgeteilt, wann ihr Chef abwesend sei und wann wir wieder kommen sollten. Oft waren diese Frauen ganz joviale Menschen und haben mit uns geplaudert, einen Kaffee offeriert und womöglich noch irgendwelche Süssigkeiten in der unteren Schublade gefunden. Man konnte bemerken, dass sie die Fäden in Händen hielten, und die Chefs dahinter vielleicht manchmal wirklich nur kleine puppets-on-the-strings waren. Es gab grössere Büros, wo mehrere Personen gemeinsam arbeiteten. Für mich als Psychologie-Student war erstaunlich, wie unterschiedlich einem die Atmosphären entgegenschlugen. In manchen Büros war es gemütlich, lustig, unkompliziert. In anderen Büros war es karg, kühl und die Leute verbargen sich hinter irgendwelchen Pflichten. Es war eine wunderbare Arbeit und die Zeit verging im Fluge. Schliesslich mussten wir auch in Zürich von gewissen Orten zu anderen Reisen, Adressen suchen und so fort. N. war auch in diesem Büro. Er war eine der älteren und studierte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (jene düsteren Schule, der ich vor nicht zu langer Zeit entronnen war) Agraringenieur. Er war von uns allen der fleissigste. Einige spielten die meiste Zeit Karten, während ich las. Aber N. arbeitete an jenen grossen Bögen voller Zahlen aus der Buchhaltung, die wir zu kontrollieren hatten. Er war sehr korrekt. Später, als S schon in der Schweiz war, hatten wir immer wieder Kontakt. Ns Freundin war in Ausbildung als Pianistin, und in regelmässigen Zyklen organisierten die beiden damals gemütliche Hauskonzerte. Es gab irgendwelche Häppchen mit Wein und wunderschöne Musik. Und dazu lernte man neue Leute kennen. Alles war sehr entspannt, vielleicht E ausgenommen, die ihre Stücke möglichst perfekt zu spielen versuchte. Als wir von Zürich wegzogen, wurden die Kontakte spärlicher. Man lud sich vielleicht einmal pro Jahr ein. Wir hatten Kinder, zwei Töchter. N. und E hatten Kinder, zwei Töchter. N. arbeitete damals in Zürich in der Stadtplanung. Später ging er für ein paar Jahre mit seiner Familie nach Ecuador in die Entwicklungshilfe. Als A mit dem Gedanken spielte, ein Austauschjahr in Ecuador zu machen, suchten wir wieder Kontakt. Sie erzählten uns damals viel von der Zeit in Ecuador, und immer noch haben wir heute einige Fotobände zuhause, die wir ihnen zurückgeben wollten. Ach, es ist traurig, wie die Zeit dahingeht und wie man sich der verpassten Gelegenheiten bewusst wird.

Heute ist hier bewölkt - um das Wetter Bulletin nicht zu vergessen - , nicht zu kalt, eher trüb, ein richtiger Donnerstag Morgen, von dem man noch nicht genau weiss, was er bringen wird.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
G&K
Rud

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Ämne: RE: donnerstags... gegen 14.oo Uhr
Datum: den 12 februari 2004 15:12


Lieber  ...,
Heute fallen meine Nachmittagsstunden aus und ich hatte also Zeit mit ein paar Kollegen gemütlich in der Kantine essen zu gehen. Zwar immer noch in der Schülerkantine, aber wir hatten einen grossen runden Tisch für uns selbst und die meisten Schüler hatten wohl auch schon die Mittagspause hinter sich gelegt.
Ich glaube gerade das würde ich am meisten vermissen, diese durchaus unterhaltsamen Treffen mit gebildeten Menschen aus verschiedenen Bereichen. Man plaudert locker, man lacht viel und man sieht wie alle sich freuen. Ein Gesprächsthem heute war u.a.: Wie eine Sprache unsere Gedankenwelt beeinflusst. Ungefähr in Richtung: wer mehrere Sprachen spricht hat mehrere Seelen. Einer der jungen Männer stammt aus einer Einwandererfamilie, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Schweden auswanderten. Er ist zwar in Schweden geboren, aber seine Eltern sprechen Deutsch zu Hause. Ich denke vielleicht ist es so, dass er mit der deutschen Sprache sofort irgendwie in die Welt der Eltern eintritt, während sein Schwedisch in unserer schwedischen Gegenwart verankert ist. Es war ein interessantes Gespräch und ich habe dabei gedacht, dass auch ich eine andere Person für dich sein würde, wenn ich dir in meiner Muttersprache schreiben würde. Gerade die Bildsprache, die wir verwenden, zeigt eigentlich unseren Charakter und wenn ich dir schreibe merke ich, dass ich oft nicht die entsprechenden Redensarten auf deutsch kenne. Manchmal suche ich dann danach in meinen dicken Büchern und muss vielleicht feststellen, dass es sie garnicht gibt. Und so versuche ich eben mit den Wörtern die ich kenne etwas ähnliches auszudrücken, wobei ich dann öfters den Eindruck habe, dir ein falsch exponiertes Bild zu senden. Ha.. lachst du nun? Natürlich ist es auch ein bisschen meine Absicht, dass du glauben sollst ich wäre interessanter wenn .. Als Psychologe hast du das längst durchschaut. ;-)

Jetzt werde ich mich gleich auf den Weg machen nach X. Ich muss ein Geburtstagsgeschenk für K kaufen. Anna kommt morgen endlich wieder einmal nach Hause, eben auch um ihrem Vater zu gratulieren. Wir werden ihn nun am Wochenende feiern. Wir haben keine Gäste eingeladen, aber man kann nie wissen. Manchmal tauchen die Leute ganz einfach auf. So werde ich jedenfalls versuchen die grösste Unordnung im Haus zu beseitigen und auch ein wenig backen. Aber das letztere wohl erst zusammen mit Anna. Sie tut sowas sehr gern.

Ja, es ist traurig, wenn ein Mensch so früh stirbt. 61 ist wirklich kein Alter. Und plötzlich werden wir wieder erinnert an unsere Vergänglichkeit. Ich habe schon allzu viele von meinen Freunden und Bekannten auf der anderen Seite. Wenn ich nicht Anna hätte, würde ich mich wohl kaum ängstigen. Aber ihretwegen möchte ich so lange wie möglich leben um für sie da zu sein.

Du hast recht. Das dritte Alter ist nicht was er früher war. Viele Leute können nun erst recht ihre alten Träume verwirklichen. Reisen, sich die Welt anschaun, lesen.. Aber alles ist auch davon abhängig wie gesund du bist. Ich habe einen Traum, den ich noch nicht verwirklicht habe: Rom.
Und dann natürlich möchte ich Wien wiedersehen und auch Paris, diese sonnige schöne Stadt, die ich mit Jugend und Romantik verknüpfe. Aber weisst du, in Schweden ist die Altersrente normal 65% von deinem früheren Einkommen. Damit erobert man keine Welt. :-)

Ja, ..., ich glaube auch, dass wir einander gut verstehen. Und du weisst, dass sich unter dieser Schicht von "Maladi" ein ziemlich normaler nüchterner Mensch verbirgt. Wann hast du übrigens vor in die Italobar zu gehen? Aber schon der Gedanke daran macht mich nervös, wie ein junger Teenager vor dem ersten Treffen. Und vielleicht wärest du wieder von meiner nüchternen Art enttäuscht, wie damals.. Aber ich würde es gern mal wieder tun.

So, nun werde ich mich auf den Weg machen. Ich wünsche dir noch einen schönen Rest des Tages,
mit lieben Gs und Ks,
Malou

 (PS Natürlich werde ich mir irgendwo eine Semmel gönnen. Lies hier, was das ist:(http://www.2travelandeat.com/suede/semlor.gateau.a.la.creme.html)

Mmm... wenn du wüsstest, wie gut die schmecken.)

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