Donnerstag, 14. Januar 2016

19/1 - Wetter, Hunde, Vögel, stille Liebe


Ämne: RE: 
Datum: den 19 januari 2004 21:51

Liebe Malou
Puh, das war ein Montag, wie man ihn verbieten sollte. Es war soviel los, dass ich kaum nachkam. Und dabei war ich noch Sonntagabend im Büro, um einige Dinge zu Ende zu bringen. Ich weiss nicht, ob ich so langsam geworden bin in der Arbeit, oder ob die Arbeit so zugenommen hat? Sie steht mir manchmal wirklich bis zur Oberkante der Unterlippe. Ich hoffe sehr, dass ich dabei meine Ruhe behalten kann. Das wichtigste ist der Schlaf.

Und bei Euch in Skandinavien schneit es wie wild, habe ich gehört. An irgendwelchen deutschen Nachrichten haben sie darüber berichtet, und ich habe an Dich gedacht und mir vorgestellt, wie Du Dir den Eingang vom riesigen Nachbarn säubern lassen wirst. Wie stellst Du das bloss an?

Morgen früh muss ich zum Arzt. Routinekontrolle. Sollte man jährlich machen lassen, hat man mir gesagt. Also gehe ich hin und lasse sie mein Blut auseinanderdividieren und analysieren. Ich hoffe, es ist alles o.k. Es ist ja ziemlich merkwürdig zu beobachten, wie in unserem Alter und bei Älteren die Gesundheit so wichtig wird. Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man jung ist. Und man kann sich ziemlich viele Ängste selbst einbrocken, obwohl eigentlich nichts ist. Na ja, das beginnt dann vielleicht nach der Pensionierung.
Aber es hängt auch damit zusammen, dass man nach der Pensionierung keine grossen Aufgaben und insofern Probleme mehr hat. Ich behaupte, es ist gut mehrere und verschiedene Probleme gleichzeitig zu haben. Sie halten sich gegenseitig in Schach. Wer aber nur ein Problem hat, der steht wie der Iltis vor der Schlange und ist gebannt. Sämtliche Konzentration auf ein einziges Problem ist nicht gut. Das Problem wird noch grösser, als es wirklich ist. Deshalb sollte man sich nebenher noch ein paar andere und weitere Probleme schaffen. Das tut gut, so paradox es auch klingen mag.

Und wie geht es Dir und Deiner Familie? Habt ihr auch kurze Ferien im Februar oder März. Bald kommt doch schon wieder der Frühling. Heute hatten wir im Club einen Vortrag über Vögel, über Schwalben und Segler. Und der gute Mann konnte uns viele Vorstellungen über einen warmen sonnigen Sommer und die Vögel, wie sie über uns kreisen, die dem Menschen ziemlich nahe sind, vermitteln. Er war eigentlich ein Ersatzmann, weil der eingeladene Bischof wegen eines Todesfalles nicht kommen konnte. Er hat ihn sehr gut vertreten.

Ich werde Dir später von meinem Buch erzählen. Es ist einfach noch zu früh,  ...
(...)
Es sollte mehr Journalisten geben, die Fachbücher für Laien übersetzen. Ich glaube, das wäre wichtig, und ich wäre ein guter Kunde von ihnen. Die NZZ bietet ein bisschen was davon.

Aber ich langweile Dich wieder mal mit Büchern. Vielleicht sollte ich eher von meinen Tauben erzählen. Weißt Du, dass ich als Knabe gerne zwei weisse Tauben gehabt hätte. Ich glaube, es hatte damals so Heimatfilme gegeben, so süsse Streifen mit hübschen Häusern, Geranien vor den Fenstern, und auf der Dachrinne zwei weisse Tauben, unten vielleicht ein Liebespaar. Vielleicht war mein Wunsch von daher gekommen. Allerdings war der Wunsch schon da, als ich noch niemals Filme gesehen hatte. In Lenzburg hatten wir einen Nachbarn, der in einem Käfig viele Vögel hielt. Dort gab es Tauben. Ich glaube, mein Wunsch war von daher gekommen. Aber mit dem Nachbarn hatten wir keinen Kontakt. Irgendwie gehörte er nicht zum Quartier. Er wohnte auch nicht lange dort und verschwand dann bald wieder. Niemand konnte mir sagen, wohin und weshalb. Die übrigen Nachbarn waren alle Leute, die schon lange dort wohnten und sich kannten. Etwa unsere Nachbarn im ersten Stock. Die Familie hatte 4 Kinder, alle etwas älter als wir, ausser dem Mädchen, eine Nachzüglerin. Ich hatte sie später in Zürich von weitem gesehen. Sie besuchte die Pflegerinnenschule (Kinderkrankenschwester, das Spital war gleich in der Nähe meiner Studentenbude) und war ziemlich fett. Aber ich kannte sie sofort, während sie sich bestimmt nicht an mich erinnern konnte. Oder die kleine Frau mit dem schwarzen Spaniel, der Ajax hiess, wie später ein bekanntes Waschmittel. Von daher hatte ich wohl immer den Wunsch, mal einen Hund in der Art dieses Spaniels zu haben. Sie war die Witwe eines Architekten und hatte violette Ohrringe, wie ich mich schwach erinnere. Violette Ohrringe habe ich seither nur in Italien gesehen. Sie wirken auf mich sehr italienisch. Oder der Herr in der Villa oben, der mit meinem Vater zusammenarbeitete und dem eines Tages die Frau einfach davonlief. Er blieb zurück in seinem wundervollen Haus mit Garten, hatte eine Haushälterin, eine ältere knochige Dame, und einen Hund. Dies war ein Foxterrier, ein wunderbares Tier. Aber ich weiss nicht mehr, wie er hiess. Ich holte ihn an Schulfreien Nachmittagen und ging mit ihm hinauf Richtung Schloss. Dort gab es grosse Wiesen, wo ich ihn an einer langen Schnur laufen liess. Und wenn ich bei guter Laune war, überliess ich ihn auch für ein paar Minuten meinem Bruder. Das war eine wundervolle Beschäftigung. Und die dunkeln, riesigen Bäume am Berg und das Schloss oben drauf, das alles war geheimnisvoll. Wir hatten in der Tat eine fantastisch schöne Wohnlage.
Ich hatte mal am ST eine Frau aus Lenzburg. Und ich erklärte, dass ich dort, am Steinbrüchliweg gewohnt hätte. Sie meinte, ach Du meinst dort, wo die Advokaten und Ärzte wohnen? Vielleicht ist es heute noch etwas exklusiver geworden? Damals war es einfach gut bürgerlich und es war gleich neben dem Zentrum und der Konditorei von Onkelchen und Tantchen. Man fühlte sich dort so gut zuhause. Später, als wir in Visp waren, hatte ich bestimmt während eines oder zwei Jahren ziemliches Heimweh nach diesem hübschen Örtchen. Und ich ging oft zum Bahnhof und schaute, wie die Eisenbahnen davonfuhren, so wie später die Italiener taten, die in der Schweiz an den Wochenenden von Heimweh geplagt sich auf den Bahnhöfen trafen, um zu plaudern und sich ihren Familien näher zu fühlen. Von Visp konnte man auch am Berghang die BLS sehen, die Eisenbahn, die dem Berg entlang und dann durch den Tunnel nach Bern führte. Ich habe ihr oft mit Wehmut nachgeschaut. Und später, als ich mich dort heimisch fühlte, habe ich sie kaum mehr beachtet.

Ach, das Mail klingt ein bisschen nach Wehmut und Nostalgie. Na ja, so ist eben das Leben.
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit G&K
...

----------

Ämne: Warum so still?????
Datum: den 19 januari 2004 22:22


Liebster Mausfreund,

Vielleicht ist es wieder "stille Liebe", aber soviel Liebe ist doch garnicht gesund. Und deswegen möchte ich sie nun auch mit einem Mail abbrechen.

Heute Nacht hat es wieder heftig geschneit bei uns. Fast 30 cm sind gekommen. Und am morgen, als ich mich langsam daran machen wollte ihn wegzubringen, hörte ich es wieder, dieses Summen und dann sah ich durch die Glasscheibe an der Eingangstür wie eine Kaskade von Schnee in der Luft herumwirbelte. Ich bin fast etwas geniert, aber ich denke es ist seine Frau, die ihn bittet das zu tun. Ich werde ihnen demnächst einen Strauss Tulpen hinbringen. Tulpen zu dieser Jahreszeit sind ein Luxus und sicher ein geschätztes Geschenk. Ich lkaufe sonst immer die ersten erst Anfang Februar zu K's Geburtstag. Ich liebe sie sehr, diese schönen Boten des Frühlings.

Heute haben die Schulpolitiker wieder einen Geniestreich angestellt. Fast alle, die bei uns in der Schulverwaltung arbeiten, müssen Anstellungen mit einander tauschen. Meine Freundin, die bisher eigentlich die Arbeit des einen Direktors gemacht hat, muss nun für zwei Direktoren arbeiten. Wenn sie das nicht akzeptiert hätte, hätte sie eine ganz andere Arbeit übernehmen müssen. Die Leute sind so aufgeregt, dass sie fast krank werden. Einige drohen damit, ihre Anstellung zu kündigen.. aber das kümmert die Organisateure wenig, denn dann können sie jüngere und billigere Leute einstellen. Ach, sie tun mir wirklich leid. Mein eigener Kummer erscheint mir im Moment ziemlich gering.

Bist du nun so sehr in deine Lektüre vertieft, dass du mich vergessen hast? Oder hast du wieder eine neue Freundin entdeckt bei deinen Ausflügen nach Basel? Hast du nun schon deine Bilder auf eine CD gelegt, sodass du wieder Platz hast? Ich vermisse wirklich deine Morgenmails. Warum muss ich mich mit Tagesmails begnügen? Viel lieber wären mir Stundenmails.. ;-))

Diese Woche habe ich Konferenzen und auch Elterngespräche. Aber das gilt nur Dienstag und Donnerstag und der Rest kommt dann nächste Woche. Und am Montag kommen die Leute mit der Ventilation. Ich habe grosse Angst, dass die Apparatur die sie bringen nicht passen wird. Sie haben schon mitgeteilt, dass sie einen ganzen Tag brauchen werde, um das Ding zu installieren. Du weisst Handwerker.. ich glaube du kennst das auch.

Sonst ist hier natürlich nichts passiert. Wie sollte es auch. Wenn mein Leben ein Film wäre, würde ich dabei einschlafen oder den Salon verlassen. Na ja, diese Worte habe ich aus einem Film geklaut, den ich gestern gesehen habe. Aber sie haben mir gefallen.

Die Gerichtsverhandlungen gegen A.L's Mörder sind zu Ende. Ich habe ein Stück gehört heute im Radio, wo man alles direkt sendet. Ein Interwiev mit dem Taxifahrer, der ihn nach der Tat nach Hause gefahren hat und dann weiter zu einer Freundin. Nun wird er psychiatrisch untersucht.

Heute sind drei gefährliche Gangster aus der sichersten Gefängnisanstalt Schwedens ausgebrochen.  Man hat immer noch keine Spur nach ihnen. In Südschweden hat man zwei 18-jährige Mädchen ermordet aufgefunden. Man glaubt sie waren unterwegs um zwei junge Männer zu treffen, mit denen sie in einem Chat bekannt geworden sind. Ich glaube viele junge Leute leben gefählrich heutzutage.

Im Fernsehen läuft die grosse Sportgala des Jahres. Ich werde auch ein wenig hinschaun. Es ist schön so viele junge hübsche starke Leute zu sehen. Und die alten sind natürlich auch dabei.. so wie Ingemar Stenmark, Björn Borg u.s.w. Und eine Menge unserer besten Artisten sorgen für Unterhaltung. Bei solchen Programmen kann man gut Papiere aufräumen. ;-)

So lasse ich dich, wo immer du bist, und hoffe dass die "stille Liebe" bald wieder laut wird.

Mit einem lieben Abendgruss,
Malou

Übrigens habe ich eine Stelle gefunden, wo man den Film "As Good as it gets" leihen kann. Leider kann man ihn nicht kaufen. Nur auf DVD, aber das habe ich noch nicht.

-----

Ämne: Nochmals.. ein kleines PS
Datum: den 19 januari 2004 22:52


Lieber ...,
Unsere mails haben sich scheinbar gekreuzt.. und als ich meins abgeschickt hatte, habe ich das deine gefunden. Es freut mich sehr, dass du wieder da bist.
Ich merke, dass du jetzt immer häufiger sagst "in unserem Alter". Das finde ich ein wenig lustig aber auch schön.
Ja, ich glaube wie du, dass man teils langsamer und auch ein bisschen empfindlicher wird. Und was du über Sorgen sagst, die einander in Schach halten, da hast du ganz recht. Nun ja, ich habe einige, auf die ich meine Aufmerksamkeit verteilen kann.. so bleibe ich auch nicht so schnell bei einer hängen.
Ja, dieses Pensonieren. Ich habe immer gedacht, das nächste Ziel, nach der Pensionierung ist der Tod. Es ist eigentlich ein schrecklicher Gedanke, aber irgendwie ist es doch so. Und dann habe ich wiederum das Gefühl, dass das Pensionieren irgendwie an die Zeit erinnert, wo man mit dem Studium fertig war und nun die ganze Welt vor einem lag.. zum erobern. Ich hoffe, dass dieses spätere Gefühl einmal überwiegen wird.

Ich grüsse dich nochmals und umarme dich lieb, weil du mir ein so schönes Mail geschickt hast.
Deine
Malou

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen