Donnerstag, 28. Januar 2016
13/2 - Freitags um 8
Ämne: Freitags um 8
Datum: den 13 februari 2004 08:49
Liebe Malou
Hast Du bemerkt, dass heute Freitag ist? Es ist in der Tat wieder mal Wochenende. Wir haben zwar heute Morgen noch eine Direktionssitzung, die immer wieder Unerwartetes bringen kann. Aber im Übrigen ist die Woche so gut wie gelaufen. Und, zweite Überraschung heute: die Amsel auf dem Dach des Nachbars hat heute vor 7 Uhr schon ein Morgenlied gesungen. Es war noch nicht aus voller Brust, noch etwas leise und vorsichtig. Aber sie hat ihre Übungen aufgenommen. Und ich denke, sie wird jetzt jeden Morgen lauter und überzeugter werden. Ich frage mich, ob es dieselbe Amsel ist wie letztes Jahr? Eigentlich gehe ich schon davon aus, dass Amseln ziemlich sesshaft sind. Je älter ich werde, desto mehr fange ich an, Amseln zu schätzen. Früher waren mir Vögel einfach Vögel. Aber heute muss ich sie bewundern, wie schön sie singen. Und wenn die Sommerregen kommen, sind sie auch da auf dem Rasen und suchen sich die fetten Regenwürmer aus.
Gestern war unser Weekly. Weil A. das Auto benötigt hat, bin ich mit der Eisenbahn hinauf gefahren. Es sind nur 2 Stationen und braucht kaum 10 Minuten. Und es ist gar nicht schlecht, abends noch ein paar Schritte an der frischen Luft zu machen. Kannst Du Dich erinnern, dass die Menschen früher noch Abendspaziergänge gemacht haben? Ach, das waren noch Zeiten. Ich glaube, heute ist das mehr oder weniger aus der Mode gekommen. Ich kann mich daran erinnern, wie man Klassenlehrer am Gymnasium manchmal mit seiner Frau in Visp aufgetaucht ist. Wir hatten einen grossen Garten, und im Sommer hat sich viel dort abgespielt. Ich bin oft mit meinen Lateinwörtern im Garten auf und abgegangen, um sie zu memorieren. Offiziell gab es die Weisung von der Schule, dass Schüler abends nach 18.00h oder vielleicht 19.00h - ich weiss es nicht mehr - dass man sie auf der Strasse nicht mehr antreffen soll. Ich fand eine solche Einmischung der Schule ins private Leben immer unerhört. Aber wir Visper waren dem auch nicht ausgesetzt. Denn in Visp bestand praktisch keine Chance, dass dich ein Lehrer abends beim Besuch eines Restaurants oder in der Nähe der Kunsteisbahn antreffen würde. Es war einfach ausgeschlossen, deshalb scherten wir uns nicht um diese Vorschrift. Aber eben, dann gab es diese gelegentlichen Momente, wo der Lehrer, Arm in Arm mit seiner Frau, wohl zufällig an unserem Garten vorbei spaziert war und natürlich interessiert herein schaute. Man war dabei als Schüler immer etwas befangen. Einerseits kannte man den Lehrer gut, andererseits hatte man ja eine Distanz zu Erwachsenen und wechselte, ausser einem Gruss, kaum ein Wort mit ihnen. Der Lehrer hatte mir einmal erzählt, wie sehr seine Frau das Porzellan, das meine Mutter bemalte, zu schätzen wusste. Er hatte mich sogar eingeladen, es bei ihm zuhause mal anzuschauen. Aber auf diese Einladung war ich nie eingetreten. Ich glaube, er hatte ein bisschen Erbarmen, dass meine Mutter früh gestorben war und wollte ein bisschen Zuneigung zeigen. Aber damals, in jenen alten Zeiten, war man als Schüler nicht so sehr empfänglich für solche Dinge.
Na ja, es sind mir einfach die Abendspaziergänge der Menschen in Erinnerung gestiegen zu jenen Zeiten, als es noch kein Fernsehen gab. Die Zeit war wirklich anders. Und die beste Unterhaltung war, neben dem Sport, das Geschriebene.
Ach, ich muss schon wieder los. Sonst komme ich zu spät an die Sitzung. Wenn ich Dich nicht mehr sehe, wünsche ich Dir ein schönes Wochenende und eine rauschende Geburtstagsfeier.
Mit gs und ks
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